Manfred Köhler
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Das Tagebuch des glücklosen Goldsuchers

Für Laien klingt die Aufgabe dieses Goldwäscher-Wettbewerbs so unlösbar wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen: In einer Menge von zwölf Litern Kies sind sechs Goldnuggets in einer Größe von je einem halben Millimeter versteckt. Acht Minuten sind das Limit. Wer in dieser Zeit die meisten der sechs Nuggets findet, oder wer vor Ablauf der acht Minuten sicher ist, daß er alle gefunden hat, abbricht und tatsächlich alle oder zumindest die meisten in seiner Pfanne hat, der gewinnt.

Hobby-Goldwäscher Clare Hewson, 54, aus Vernon in British Columbia und seine Freundin Sherie La Valley sind aus drei Gründen die 1.000 Kilometer nach Dawson City hochgekommen: Sie wollen nach sieben Jahren endlich mal wieder zwei Wochen Urlaub machen - die Anreise im Camper haben sie daher gemütlich auf fünf Tage verteilt. Sie wollen, nur so zum Spaß, an dem Goldwäscher-Wettbewerb teilnehmen. Vor allem aber sind sie auf Spurensuche. Denn die Geschichte Dawson Cities als Mittelpunkt des Goldrausches von 1898 berührt unmittelbar die Familiengeschichte Clare Hewsons.

Wer liest schon ein Tagebuch? Als Clare Hewson von seinem Vater die Aufzeichnungen des Großvaters vererbt bekam, hielt er sie zwar in Ehren; sie auch mal durchzublättern, daran dachte er nicht. Erst Jahre später stieß er durch Zufall wieder darauf, las ein bißchen darin herum - und hob damit einen Schatz.

Jahrelang hatte er sie unbeachtet rumliegen lassen; jetzt las Clare Hewson die Aufzeichnungen in einer Nacht. Sein Großvater, von Beruf Silberschmied, hatte von den Goldfunden in Dawson City gehört und wollte sich einen Claim abstecken. Nicht aber von Skagway oder Dyea in Alaska aus brach er auf, wie die meisten, sondern von seiner Heimatstadt Edmonton im Südmittelosten Kanadas, Tausende von Kilometern von Dawson City entfernt - zu Fuß! Die Reise entwickelte sich zum Höllentrip: Gesicht und Hals ständig blutig von Moskito-Stichen, Attacken von Bären, totale Überanstrengung, Hunger. Zwei seiner sechs Kameraden fanden unterwegs den Tod. Nach eineinhalb Jahren hatten sich der Großvater und die übrigen vier Begleiter derart in der Wildnis verrannt, daß sie die Hoffnung aufgaben, Dawson City je zu erreichen. Sie folgten ihrem Weg zurück nach Edmonton. Statt ihr Glück gemacht zu haben, hatten sie Jahre ihres Lebens verschwendet.

Clare Hewson zeigte das Tagebuch einem Historiker und bekam die Bestätigung, daß er damit ein einzigartiges Dokument besaß. Er ließ sich die Rechte sichern, folgte der Route seines Großvaters per Hubschrauber, machte Fotos von markanten Punkten, die im Tagebuch beschrieben waren, und rundete die Aufzeichnungen damit ab. Er fand einen Verleger für das Manuskript und auch eine Fernsehstation, die an einer Verfilmung des Stoffes interessiert ist.

Vielleicht hätte Clare Hewson nicht so viel Zeit und Mühe in die aktuelle Vervollständigung und Veröffentlichung des Tagebuches investiert, wenn das Edelmetall Gold nicht in seinem Leben eine ähnlich große Rolle spielen würde wie im Leben des Großvaters. Seit frühester Jugend interessiert sich Clare Hewson fürs Goldwaschen. Seinen Beruf als Stecklings-Veredler einer staatlichen Baumschule aufzugeben und professioneller Goldsucher zu werden, daran hat er zwar nie gedacht; als Hobby betreibt er das Goldwaschen aber so eifrig, daß er dennoch zum Meister wurde. Clare Hewson hält seit elf Jahren den 1. Platz bei der jährlichen British Columbia Open Gold Panning Championship und hat darüber hinaus mit 4,07 Sekunden den Weltrekord im Schnellwaschen aufgestellt. Über 30 Medaillen für Siege bei anderen großen Wettbewerben hat er gesammelt. Mehrfach ist der Goldwasch-Champion schon im Fernsehen aufgetreten. In Kanada ist er daher so bekannt, daß die Teilnehmer von Wettbewerben nervös werden, wenn er auftaucht.

Ziemlich gelassen geht Clare Hewson daher auch an den Wettbewerb in Dawson City heran. Er hat erholsame Urlaubstage hinter sich, hat die Stadt kennengelernt, für die sein Großvater sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Jetzt nimmt er, nur so zum Spaß, halt auch noch an diesem Wettbewerb teil.

Das Limit von acht Minuten schöpft er nicht aus. Nach knapp sechs Minuten hat er fünf Nuggets gefunden und unterbricht den Wettbewerb. Zwar waren ja sechs Goldblättchen versteckt in den zwölf Litern Kies, aber auch kein anderer der 20 Teilnehmer hat mehr als fünf gefunden. Aus seinem wohlverdienten Urlaub nimmt Clare Hewson als Andenken eine weitere Siegesmedaille für seine Sammlung mit nach Hause.