Manfred Köhler
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Geisterspuk über
dem Leichenkeller

Früher war Rolands Haus ein Winterquartier für Leichen. Eine Art Wartehalle, in der sich die Toten drängten, bis der Friedhofsboden im Frühling für Schaufeln wieder durchdringbar wurde. Seit der Erfindung von Preßlufthammer und Friedhofsbagger können sich die Totengräber auch im Winter ans Werk machen. Die Verblichenen finden ohne Warteschleife ins Grab, und in einem Anbau über dem alten Friedhofsgemäuer wohnt nun Roland. Zusammen mit den Geistern der einst grablosen Leichen.

Eigentlich könnten er und seine Frau auch im Haus nebenan nächtigen. Aber es sind ja gute Geister, bei denen er eingezogen ist, und deshalb hat er das Nebengebäude zum Laden ausgebaut. Das Vordach dieses Ladens direkt am Old Glenn Highway bei Palmer macht ganzjährig mit lebensgroßen Maria- und Josef-Figuren samt Krippe auf sich aufmerksam und sieht im Innern aus wie eine Wohnung: Küche, Couch, Gummibaum - das alles kann man kaufen. Auch die goldenen Plastik-Kronen, das Elchgeweih, in dessen Schaufeln die Kronen liegen, das Spielzeug-Flugzeug an der Decke, die alte Standuhr, das Glas mit den Biberzähnen. Vor dem Haus hat Roland Dutzende von Oldtimern gesammelt, teils noch fahrtüchtig, teils nur noch verschrammte Karossen. Tauschgeschäfte sind möglich: Ein Kunde bringt sein gebrauchtes Auto - und darf sich dafür aus dem Wohnungs-Laden was raussuchen, eine Radkappe zum Beispiel, einen Pistolengurt oder eine der lila Fenstergirlanden.

"Du bist verrückt mein Kind!" - Dieser eine Satz in perfektem Berlinerisch ist noch übrig von dem Deutsch, das Roland einst in Nebraska von seinem Großvater gelernt hat, der übrigens Totengräber war. In diese Fußstapfen wollte der Enkel nicht treten, obwohl er doch auf dem Friedhof aufgewachsen war. Er wanderte mit seiner Frau nach Alaska aus, um Gold zu suchen. Blieb glücklos und fand schließlich bei Palmer ein Heim, das dann doch wieder aufs Engste mit dem Beruf des Großvaters zu tun hatte.

Vielleicht empfingen die Geister ihn ja deshalb so freundlich. Um auf sich aufmerksam zu machen, lassen sie an windstillen Frühlingstagen schon mal die Wäscheleine schnalzen. Oder stellen sich bei Familienfeierlichkeiten heimlich mit zum Erinnerungsbild. In der Tat besitzt Roland ein Foto, auf dem drei unscharfe Flecken ihn und seine festlich gewandete Frau umringen. Ausgeschlossen, daß es sich um Entwicklungsfehler handeln könnte! Roland rückt die gelbe Schweißerbrille zurecht, die er als Sonnenbrille trägt, und identifiziert hier einen Mund, dort eine Nase... Oder war der Mund eher eines der Augen und das darüber die Nase? Wer einen Winter lang grablos war, kann bei der Materialisation schon mal mit den Proportionen durcheinanderkommen.