Manfred Köhler
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Eheberatung vom Heilbutt-Kapitän

Den Spaß haben die anderen, die Arbeit hat er: In unförmigen orangen Gummihosen wuchtet Gene die massigen, glitschigen, stinkenden Heilbutt-Leiber, die andere geangelt haben, über nasse Holzplanken, schlitzt sie auf, weidet sie aus und zerlegt sie in handliche Stücke. Nur eine Portion davon behält er für sich. Den Rest schleppen seine Angelkunden in großen Kühltaschen nach Hause.

Das öffentliche Schlachten mitten auf dem Split von Homer beschließt nur den Arbeitstag. Die meiste Zeit ist der 55jährige Gene mit seinem Schiff auf See und fährt Angeltouristen zu den Stellen, an denen die fettesten Heilbutte sich flach auf den Meeresgrund drücken. Daß jeder der Angler mit mindestens einem Fisch an Land geht, kann Gene fast schon garantieren. Wie schwer der Fang sein wird, ist Glückssache. Die Statistik seiner bisherigen Touren aber liest sich wie ein Versprechen auf fette Beute. Der 120-Pfund-Heilbutt jedenfalls, der die übrigen zehn gefangenen Artgenossen dieses Tages wie Babys aussehen läßt, zählt für Gene zu den kleinen Fischen. Erst ab über 300 Pfund beginnt seiner Erfahrung nach der Bereich der Rekordbeute.

Weil er in einsamen aber fischreichen Meeren angeln wollte, ist Gene vor 25 Jahren von New York nach Alaska gezogen, zunächst hoch an die Nordküste. Dort aber vermißte er sein Hobby, das Skifahren. In Homer schließlich fand er beides: reiche Fangründe und gleich daneben hohe schneebedeckte Berge. Auf seinem Boot an der Küste der "Welthauptstadt des Heilbutt-Angelns" aber verbringt er nur die Werktage der Monate Mai bis September. Im Winter lebt er durchgehend in seinem Haus in Anchorage - und geht dort einem völlig anderen Beruf nach: Gene, der Heilbutt-Kapitän aus Leidenschaft, ist eigentlich gelernter Eheberater. In den 25 Jahren seiner eigenen Ehe hat er dafür reichlich Erfahrung gesammelt. Und einen schöneren Ausgleich zum sommerlichen Fischeschlachten kann sich Gene als Eheberater auch gar nicht wünschen: Denn bei diesem Job haben die anderen den Ärger - und er vielleicht so manchen vergnüglichen Augenblick.