Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Denali bei Regen

Alaskas Denali National Park zu besuchen, ist ein Glücksspiel mit guten Gewinnchancen. An einem von drei Tagen scheint im Schnitt die Sonne, und wenn sie nicht scheint, dann muß das nicht heißen, daß man auf die Hauptattraktion des Parks verzichten müßte: Der Mount McKinley, mit knapp 6.194 Metern der höchste Berg Nordamerikas, ist ein derart gewaltiger Stein- und Eisklotz, daß es schon sehr schlechten Wetters bedarf, ihn völlig zu verdecken. Was das Glücksspiel ein wenig erschwert, ist die Reservierungspflicht. Mindestens zwei Tage vorher muß man eine der Bus-Touren bestellen, anders kommt man nicht in den Park.

Busfahrer Gerald, genannt Stony, hat bislang gute Erfahrungen gemacht mit Besuchern, die Nieten gezogen haben. Auch an diesem Tag hört der 53jährige kein Gemaule von seinen 30 Fahrgästen, obwohl sie allen Grund dazu hätten. Der Wetterbericht hat einen Sonnentag versprochen - doch das Wetter macht genau das Gegenteil: Elf Stunden dauert die Busfahrt, von früh um fünf bis nachmittags um vier, und in diesen elf Stunden regnet es unablässig, der Nebel hängt bis ins Tal herunter, der Mount McKinley scheint nicht zu existieren.

Regentage sind oft die besten Tierbeobachtungstage, damit hatte Stony die Besucher zu Beginn der Tour getröstet. Doch auch in diesem Punkt: Vollniete! Elf Stunden lang erfüllt knarzendes Gewische an beschlagenen Scheiben den Bus, bei jedem Stopp sausen die Touristen um das verschlammte Fahrzeug und säubern mit Klopapier die dreckverschmierten Fenster, starren während der Fahrt, starren und starren. Zu sehen bekommen sie nicht einen Elch, keine Karibu-Herde, keine Wölfe, nicht mal ein Wiesel. Ganz in der Ferne, als weiße Pünktchen am Fels, sind ein paar Dallschafe zu ahnen. Der Höhepunkt von elf Stunden Schaukelei ist ein Grizzley-Weibchen mit seinem Jungen. Auch mit dem Fernglas sieht man nicht mehr als einen braunen Fleck im Nebel.

Als der Bus den Endpunkt der Stichstraße erreicht, den Wonder Lake, in dem sich bei schönem Wetter der Mount McKinley weißverschneit spiegelt, machen die Touristen schließlich doch noch intensiven Kontakt mit einer Tierart des Parkes: In sirrenden Schwärmen fallen riesige Moskitos über jeden her, der den Bus verläßt. Die meisten bleiben ohnehin sitzen, denn es regnet mehr denn je. Und es gibt absolut nichts zu sehen.

Aber wie reagieren die Besucher? Gut gelaunt sitzen sie beinander und schwatzen. Eine japanische Reisegruppe hat sich an einem Informationspunkt mit Dia-Serien über den Park eingedeckt, und diese Dias machen jetzt die Runde, werden freundlich nickend weitergereicht und bestaunt: So grandios also ist dieser Nationalpark, wenn man Glück hat mit dem Wetter.

Zur guten Laune trotz schlechten Wetters hat der Busfahrer einiges beigetragen. Während er sein Gefährt souverän durch die Serpentinen steuert, unter denen der Abhang zuweilen mehr als hundert Meter tief klafft, erzählt Stony eine Geschichte nach der anderen: von dem Bären, der im Sommer auf einem der letzten Schneefelder des Parks einschlief und festfror, der auf einer Körperseite kahl war, nachdem er sich aus dieser Lage befreit hatte; von den Karibus, die ihre Nasen in die Schneefelder stecken, um Erleichterung zu finden von den Parasiten, die ihn ihren Schleimhäuten wüten; wie blutgierig die Moskitos hier sind, daß sie jedem einzelnen Karibu täglich bis zu einen halben Liter Blut absaugen.

Die Einstellung, mit der Stony seinen Job macht, läßt sich auf einen Satz reduzieren: "Diese Leute haben Geld und Zeit für ihren Parkbesuch investiert - es ist ihr Tag." So tut er eben seinen Teil, damit der Tag gelingt, ganz egal wie das Wetter ist.

Nachdem Stony vor 24 Jahren aus Wyoming nach Alaska gekommen war, arbeitete er zunächst als Verkäufer, fuhr dann Schulbusse. Ein Freund von ihm, der Busfahrer im Denali-Park war, nahm ihn irgendwann mal mit zu einer Tour. Und da wußte er: Das ist genau das, was ich machen will - Touristen diesen herrlichen Park zeigen. Obwohl er mit seiner Frau ein Haus in Wasilla besitzt, gut 320 Kilometer südlich des Parks, bewarb er sich um eine Stelle. Und als seine Bewerbung angenommen wurde, sagte er sofort zu, obwohl damit klar war, daß er künftig wochentags fern der Heimat im Campmobil wohnen würde. Und das ist nicht der einzige Nachteil. Bevor früh um fünf die Touren starten, hat er noch den Bus zu checken. Und das bedeutet: In seinem Camp-Mobil klingelt der Wecker nachts um halb drei.

Doch Stony ist ein Mensch, der jedem Nachteil auch einen Vorteil entwindet. So nutzt er die Freizeit im Camper, um sich seiner Lieblingslektüre zu widmen: der Bibel - und Büchern über den Vietnamkrieg, an dem er als junger Mann teilgenommen hat. Und er nutzt die täglich gleiche Elf-Stunden-Tour, um seine persönliche Liste an beobachteten Tieren ständig zu erweitern - erst kürzlich habe er nach acht Sommern als Park-Busfahrer erstmals ein schwarzes Wiesel gesehen, erzählt er strahlend. Aus seinem Mund klingt es auch nicht schöngeredet, wenn er Bilanz zieht nach diesem Tag ohne Mount McKinley, ohne Tiere und ohne Sonne, diesem Tag, an dem die Touristen seinen Bus dennoch gut gelaunt verließen und mit dem Trinkgeld nicht knauserten. "Die Leute haben trotz allem einen schönen Tag gehabt", sagt Stony. "Denn sie haben begriffen, daß der Denali-Park ein Wildnis-Reservat ist und kein Zoo. Und daß man am Wetter sowieso nichts ändern kann."