Manfred Köhler
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Gummihühner als Wappentiere

Ein drittel Liter Bier kostet fünf Dollar, und das ist Absicht an diesem Tag. Chicken-Chefin Susan will damit Besäufnisse unterbinden. Am Vorabend des amerikanischen Unabhängigkeitstages muß man mit allem rechnen in der "wunderschönen Altstadt von Chicken". Auf mitgebrachte Getränke wird streng kontrolliert.

Teuer das Bier, halbwegs billig das Spanferkel. Für zehn Dollar kann man sich den Teller volladen mit Fleisch, Maiskuchen, Salat und höllisch scharfer Soße. So hockt stocknüchtern und mit triefender Nase ein seltsames Häuflein beinander: Feriengäste aus San Francisco, australische Fahrrad-Weltenbummler, eine Chickener Bardame mit wild wucherndem Damenbart, ein Goldgräber aus tiefster Wildnis, unterm Tisch ein dreibeiniger Hund. Der Goldgräber sitzt nicht lange. Als er fotografiert werden soll und dabei ein wenig veralbert wird, springt er beleidigt in seinen Pickup und rast zurück zu seiner Hütte, mit ihm zwei Kumpels. Die Barbeque-Gesellschaft wirkt nach diesem Zwischenfall ein wenig zersprengt.

So zersprengt wie das ganze Örtchen. Chicken kündigt sich großräumig an. Erst kommt der Lost Chicken Hill, es folgt der Lost Chicken Creek, Meilen später die Chicken Community. Drei unabhängige Wegweiser - Chicken Gas Station, Chicken Café, Chicken Downtown - deuten zu den einzigen drei Gebäuden, die zu einer netten kleinen Wildwest-Häuserzeile aneinandergebaut worden sind. 30 Einwohner leben hier im Sommer, 10 im Winter. Ein Teil dieser Einwohner betreibt den Saloon mit seinem Durcheinander an die Decke genagelter Baseballkäppis, der Rest verkauft im einzigen Laden des Ortes rot-gelbe Gummihühner und sonstigen liebenswerten Schnickschnack. Und alle folgen den mütterlich-gestrengen Anweisungen der 43jährigen Chefin.

Chicken ist nicht die Erfindung von Susan Wiren, aber doch ihre Ausgeburt. Wie bekommt man drei Häuser als Eintrag auf Staats-Atlanten im In- und Ausland? Man nehme ein 1903 eingerichtetes Postamt samt der umliegenden Hütten und treibe auf die Spitze, was an eigenwilligen Überlieferungen bereits verbreitet ist. Beispiel Namensgebung: Die Gründerväter wollten ihren Ort nach einem dort heimischen Vogel benennen. Da sie den Namen Ptarmiagan aber nicht aussprechen konnten, wählten sie einen Vogelnamen, mit dem sich die Zunge leichter tut: Chicken, zu Deutsch Huhn.

Und dann kommt Jahrzehnte später Susan Wiren aus New Jersey daher, übernimmt den chronisch von der Pleite geplagten Saloon, kauft damit praktisch den ganzen Ort -- und tritt mit Hühner-Ansteckern, Hühner-Jojos und Hühner-Legenden eine Chicken-Vermarktungslawine ohnegleichen los: Im Verhältnis zur Einwohnerzahl hat Chicken mehr Touristen als Dawson City.

Was da so handstreichartig wirkt, klingt zumindest in Susan Wirens Erinnerungen eher ein wenig planlos: Ehemann Greg wollte nach Spitzbergen, Susan war es dort zu kalt, also ging man nach Chicken. Vor elf Jahren war das.

Greg will immer noch nach Spitzbergen. Dabei muß er im ungeliebten Chicken nicht mal leben. Die Hütte der beiden, in der sie mit ihren vier Kindern wohnen, liegt 230 Meilen nordwärts. Susan Wiren zieht ihr Baseballkäppi "Chicken University" tiefer über die Augen. Chicken aufgeben? Warum nicht? Ihr könnte man es zutrauen, auch Spitzbergen umzukrempeln und zum Touristen-Mekka zu machen.