Manfred Köhler
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Interview mit einer lebenden Legende

Vor 15 Jahren fiel die Wahl auf George Bryson. Der damals 35 Jahre alte Reporter durfte als Exklusiv-Berichterstatter das Iditarod-Hundeschlittenrennen begleiten, das Jahr für Jahr von Anchorage nach Nome führt - mitten durch die eisige Winter-Wildnis Alaskas. Zuerst mit dem Sportflugzeug, dann mit dem Schneemobil folgte George Bryson den Teilnehmern, berichtete über den Verlauf des Rennens, über Orte, zu denen sonst niemand kommt, und über die selbstauferlegten Leiden der Musher, über Kälte, Dunkelheit, Schlaflosigkeit, Überanstrengung. Einen vollen Monat Arbeit mußte George Bryson in dieses Rennen stecken. Die Story, die dabei herauskam hält er heute für die interessanteste seiner gesamten Reporter-Laufbahn.

Dabei hat George Bryson in seinem Journalistenleben in Alaska viele faszinierende Seiten des Landes kennengelernt und etliche bedeutende Artikel darüber geschrieben. Als 30jähriger war er während der Reagan-Ära politischer Korrespondent in Washington - eine Zeit, in der Entscheidungen mit weitreichenden Folgen für Alaska zu besprechen gewesen seien. Als der weltbekannte Bestseller-Autor James Michener 1985 mehrere Monate in Sitka weilte, um für seinen Roman "Alaska" zu recherchieren, führte George Bryson gleich mehrere lange Gespräche mit ihm und porträtierte Arbeit und Leben des Schriftstellers, der schon damals eine lebende Legende war, in einer langen, vielschichtig angelegten Reportage.

Im Außendienst ist George Bryson kaum noch. Bei der Anchorage Daily News, der größten Zeitung Alaskas, ist er verantwortlich für die Sonntagsbeilage "We Alaskans". Seit 20 Jahren arbeitet der gebürtige Südkalifornier inzwischen schon für die Anchorage Daily News. Sein Arbeitszimmer grenzt direkt an den Nachrichtenraum der Zeitung, ein Großraumbüro, in dem rund 100 Mitarbeiter Schreibtisch an Schreibtisch sitzen. 16 Seiten muß George Bryson in jeder Woche füllen. Als Mitarbeiter steht ihm ein festangestellter Reporter zur Verfügung - und er kann auf die freien Mitarbeiter der Zeitung zurückgreifen, die überall in Alaska verstreut leben, auch abseits aller Straßen tief im Busch.

George Bryson wohnt weder im Busch noch in der Stadt, und hat doch von beidem etwas. Denn von seinem schönen neuen Haus, in dem er mit seiner Frau und seinen drei Töchtern am Rande von Anchorage lebt, kann er die Innenstadt leicht erreichen - und dennoch liegt sein Grundstück nah genug an der Wildnis, um immer mal wieder einen Elch oder Grizzly im Garten beobachten zu können. Dort draußen geht George Bryson einer Leidenschaft nach, die er erst spät für sich entdeckt hat, und die doch, wie er sagt, sein Leben verändert hat: Der 50jährige trainiert für Marathon-Läufe. Seine Kondition bringt er dann nicht nur bei den gängigen Wettkämpfen zum Einsatz, er nimmt auch Teil an einem in Alaska einzigartigen Spektakel, dem jährlichen Berglauf in Seward. Von dem Küstenstädtchen, in dem im Sommer die Hitze steht, rennt er mit einer Horde von Extrem-Athleten in der Rekordzeit von knapp einer Stunde auf einen der schneebedeckten Berge. Ein bißchen kommt George Bryson bei diesem Wettkampf in Berührung mit dem vergessenen Thema aus Reportertagen, dem Iditarod-Rennen. Nur daß er diesmal, in stark verkürzter Form freilich, am eigenen Leib erlebt, wie es ist, an einem Wettkampf teilzunehmen, auf den die Medien sich stürzen.