Manfred Köhler
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Vom Leben bevorzugt

Zum Glück braucht Roger nur fünf Stunden Schlaf. Sonst müßte er sich zerteilen: Der eine Roger für den Job als Bremser bei der Alaska Railroad, der andere macht derweil die Ausbildung zum Berufspiloten. Bei nur fünf Stunden Schlaf aber reicht die Zeit für beides - und zuweilen sogar noch für Fitneß-Training und Fahrradfahren, seine Hobbys.

Roger, vor 37 Jahren in North Carolina geboren, verabschiedet sich jeden Sonntag abend von seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter in Anchorage und fährt nach Healy, wo er die Woche über in einem Hotel nahe der Grenze zum Denali National Park lebt. Jeden Morgen um vier Uhr tritt er seinen Dienst bei der Eisenbahngesellschaft an. Zu dieser Zeit trifft, mit sechs Lokomotiven bespannt, einer der zwei Kilometer langen Güterzüge aus Fairbanks in Healy ein, mit denen Gas und Öl nach Anchorage transportiert werden. Roger löst seinen Kollegen von der Nacht-Crew ab und besteigt den Zug.

Hauptaufgabe des Bremsers ist es, unterwegs die Weichen zu stellen. Die Eisenbahnstrecke von Fairbanks nach Anchorage nämlich ist nur eingleisig. An den Stellen, an denen sich zu bestimmten Zeiten zwei Züge begegnen, gibt es Ausweichgleise. Erreicht der Zug ein solches Ausweichgleis, springt Roger ab, stellt für seinen Zug die Weiche - und lotst ihn wieder auf das Hauptgleis, sobald der Gegenzug die Stelle passiert hat.

Gegen 7.30 Uhr erreicht Rogers Zug die Metropole Anchorage. Die Waggons werden hier abgekoppelt und zu verschiedenen Umladestationen rangiert. Auch für diesen Arbeitsschritt ist Roger Brown als Bremser verantwortlich. Erst danach kann er den nächsten Güterzug zurück nach Healy besteigen. Wenn er gegen 13.30 Uhr dort ankommt, hat er noch den Kollegen der nächsten Crew einzuweisen, dann könnte gegen 14.30 Uhr sein Feierabend beginnen.

Roger aber zieht sich stattdessen auf sein Hotelzimmer zurück und büffelt für den Berufspilotenschein. Nächstes Jahr ist Prüfung. Sollte er bestehen, will er jedoch nicht Eisenbahn gegen Flugzeug tauschen, sondern in beiden Berufen zugleich arbeiten. Außerdem hat er sich vorgenommen, möglichst bald vom Bremser zum Lokführer aufzusteigen. Daß manche Kollegen zwei Berufe als Belastung empfinden würden, kann Roger nicht verstehen. Er sieht es als Auszeichnung, Bremser und Pilotenschüler zugleich zu sein: "Manchmal habe ich das Gefühl, vom Leben bevorzugt zu werden."