Manfred Köhler
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Rückkehr ausgeschlossen

Der größte Horror ist es für Beat, mit der Axt in den Gänsestall gehen zu müssen. Jede einzelne Gans ist ihm ans Herz gewachsen, keiner will er den Kopf abschlagen, ihr die Federn ausreißen. Und dann bei Tisch der Gedanke: Ich esse jetzt gerade den Sammy...

Andererseits ist der 32jährige auch dankbar für solche Erfahrungen. Sie eröffnen ihm Einblicke in seine Vergangenheit als Schweizer Zivilisationsmensch, lehren ihn erkennen, mit welcher Gedankenlosigkeit er früher Fleisch gekauft und verzehrt habe. Seit er selbst schlachten müsse, sei er kurz davor, Vegetarier zu werden.

Für Beat wäre das nicht der erste und schon gar nicht der schmerzlichste Verzicht, den er sich freiwillig auferlegt. Bevor er vor vier Jahren aus dem Berner Oberland nach Yukon auswanderte und sich bei Haines Junction im Busch ansiedelte, war er einer der bekanntesten Berufsfotografen im deuschsprachigen Raum, vielleicht auch der beste. Seine Multivisions-Tonbildschau über Alaska, die damals größte und erfolgreichste in der Schweiz, zeigte er vor bis zu 1.200 Zuschauern. "Ich hab damals ganz groß Kohle gemacht", sagt er nachdenklich.

Sagt es mit einem gewissen Kopfschütteln über sich selbst. Als hätte er angesichts von Qualitätsverfall und Abzockerei in diesem Geschäft viel früher aussteigen müssen. Aber natürlich tat er den Einschnitt in sein vorangegangenes Leben nicht nur aus diesem einen Grund, nicht allein als demonstrativen Akt, getragen von Verantwortung einem mißbrauchten Beruf gegenüber; er zog den Schlußstrich auch, weil er sich zu diesem bestimmten Zeitpunkt reif fühlte für ein Leben als Selbstversorger.

Vielleicht mußte er auch erst seine heutige Frau kennenlernen, die Eva. Sie erwies sich in Weltanschauung und Lebensplanung als sein weibliches Gegenstück. Eva, 29 Jahre alt, von Beruf ebenfalls Fotografin, gelernte Handarbeits- und Werkslehrerin, sehnte sich lange schon danach, nicht mehr für andere zu arbeiten und das verdiente Geld dann für Waren auszugeben - sie wollte das, was sie zum Leben braucht, überwiegend selbst erzeugen, ohne Umweg über das Geld. Auch nach einem eigenen Stück Land, nach Weite und unberührter Natur sehnte sich die leidenschaftliche Bergsteigerin: "Immer, wenn ich auf einem Gipfel ankam, waren da schon Touristen, die den Weg mit Seilbahn oder Helikopter gemacht hatten. Und überall waren Geräusche."

In ihrer neuen Heimat Yukon ist es im Winter totenstill. Nicht einfach nur die Abwesenheit von Tönen sei das, wahre Stille, sondern ein intensives Erlebnis, eines, das ganz in die Tiefe gehe. Die totenstillen Winter sind für Eva und Beat aber auch eine arbeitsreiche Zeit. Einen Teil ihrer finanziellen Einnahmen bestreiten die beiden weiterhin über die Fotografie - eine Bildagentur in Deutschland zahlt gut für die Aufnahmen, die sie Sommer wie Winter in der Wildnis Yukons machen. Im Winter hat das Aussteiger-Ehepaar zusätzlich einen zweiten Job: Bei bis zu 180 Kilometer langen Hundeschlittentouren führen sie Touristen zu Plätzen, die sonst kein Feriengast zu sehen bekommt.

Viel Arbeit im Winter, aber, angesichts der langen Dunkelheit, auch viel Schlaf: bis zu zehn Stunden und mehr pro Nacht. Im Sommer dann, wenn es auch über Mitternacht hinaus taghell bleibt, gehen Beat und Eva oft erst um vier Uhr früh ins Bett, stehen um acht wieder auf. Die Jahreszeit bestimmt in ihrem Aussteigerleben den Rhythmus, feste Tages- und Wochenpläne gibt es nicht. Beim Frühstück besprechen die beiden, was an diesem Tag alles zu machen wäre, und das wird dann, eins nach dem anderen, gemacht.

Sofern nicht alles ganz anders kommt. Wenn zum Beispiel die Nachbarn mal zu einem Besuch reinschneien, ist der Tag gelaufen. Bei Kaffee und Kuchen wird dann stundenlang geratscht: über andere Nachbarn, über Tiere, die tägliche Arbeit, über gemeinsame Erfahrungen des Selbstversorger-Alltags...

Nachbarn, dazu zählen Eva und Beat alle die wie sie leben, und das in einem Radius von gut 200 Kilometern. Die Einwohner der Kleinstadt Haines Junction, wenn auch nur 20 Kilometer entfernt, gehören nicht dazu. Obwohl ebenso umschlossen von Wildnis, bringe Haines Junction doch einen ganz anderen Menschenschlag hervor, der ganz andere Erfahrungen mache und eigentlich lebe wie Stadtmenschen überall auf der Welt: Job von sieben bis vier, Mitgliedschaft in irgendwelchen Clubs, am Abend vor dem Fernseher sitzen.

Daß diese Stadtmenschen einem festen, fremdbestimmten Rhythmus folgen, ist einer der wesentlichen Unterschiede. Andererseits ist es auch nicht so, daß die Wald- und Hüttenmenschen nur vor sich hinwurschteln. Im Aussteiger-Dasein von Beat und Eva findet sich beides nebeneinander: Sie leben in den Tag hinein - sie sorgen aber auch für Fälle vor, an die der Stadtmensch nicht mal denken würde. So steht rund 100 Meter abseits des Hauses, in denen die Glanzmanns leben, ein weiteres Gebäude. Genutzt wird diese neue, geräumige Blockhütte kaum; gebaut hat sie Beat vor allem aus einem Grund: Daß er und seine Frau eine Unterkunft haben, wenn - womit man ständig rechnen muß im Urwald Yukons - das Haupthaus mal niederbrennt.

Was also unterscheidet den Aussteiger, der im Wald lebt, von den benachbarten Stadtmenschen, die ja auch fernab aller Ballungsgebiete mitten im Lebensraum von Bären und Elchen wohnen, damit auf ihre Art ebenfalls Aussteiger sind? Beat will da nur für sich selbst sprechen: Vor seiner Auswanderung nach Yukon habe er so manchen Berg bestiegen und dort so manches Foto gemacht, nicht weil es nötig gewesen wäre, sondern um anderen was zu beweisen. Dieser Drang nach Selbstbestätigung sei inzwischen überwunden - seine Multivisionsschauen zeige er allenfalls noch, um die Leute für das jeweilige Land zu interessieren.

Nicht überwunden ist die Konsumwelt. Nach wie vor sind Eva und Beat darauf angewiesen, Geld zu verdienen, auch wenn sie noch so gern autark leben würden. Auf 90 Prozent schätzen sie den Grad ihrer Unabhängigkeit vom Konsum, meinen damit die Forellen, die sie fangen, die Gänse und Hasen, die sie schlachten, die Fichten, die sie fällen - die übrigen 10 Prozent, dazu rechnen sie Produkte wie Milch, Gemüse, Salz und natürlich Auto und Kleidung. Längst haben sie sich mit der Unerreichbarkeit ihres Ideals abgefunden, haben eingesehen, daß es ein Zurück in die völlige Autonomie der kanadischen Urbevölkerung nicht gibt: "Wer einmal Zucker geschmeckt hat, wird nie mehr darauf verzichten wollen", sagt Eva. Und ein Industrieprodukt wie Zucker könne sie nun mal nicht in ihrer Hütte erzeugen.