Manfred Köhler
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Urwald, handgemacht

Die Welt zu retten ist ein verdammt harter Job. Drei Wochen lang muss man im verschwitzten Schlafsack nächtigen, täglich um fünf Uhr aufstehen, zehn Stunden Fließbandarbeit in der Wildnis verrichten und sich dabei auch noch am ganzen Körper von Moskitos zerstechen lassen. Das Ergebnis macht die Welt allenfalls ein kleines bisschen heiler, kann sich aber sehen lassen: Zehn hässliche Kahlschlagflächen im Urwald von British Columbia sind mit 400.000 Bäumchen verpflastert, die Wunden werden mit den Jahren vollständig verheilen.

36 Baumpflanzer sind nötig, um in drei Wochen 400.000 Bäumchen zu setzen. Ein gigantischer Aufwand, dessen Sinn in Kanada leidenschaftlich diskutiert wird. Denn der Wald, so meinen viele, würde irgendwann von selbst nachwachsen - wenn es wohl auch ein paar Jahre länger dauern würde.

Die öffentlichen Zweifel an den Baumpflanz-Aktionen lassen Martin von der Wiederaufforstungs-Gesellschaft Celtic Reforestation Services unberührt. Er betrachtet sich nicht als missverstandenen Umweltretter, der sein Tun rechtfertigen müsste, sondern als Teil einer mächtigen Industrie. Und da zählt für ihn vor allem der Erfolg: In den 13 Jahren, in denen er in dieser Branche tätig ist, hat seine Firma in Kanada rund 111 Millionen junge Bäume gesetzt. Finanziert wurden die Projekte von denen, die den Wald zuvor vernichtet hatten: Wer in Kanada in größerem Umfang abholzt, muss laut Martin dafür entsprechende Gebühren entrichten. Mit dem Geld beauftrage der Staat dann Firmen wie eben Celtic Reforestation Services zur Wiederaufforstung.

Diese Baumpflanz-Aktionen werden generalstabsmäßig durchgeführt. Martin und seine 36 Baumpflanzer - überwiegend Studenten aus ganz Kanada - haben ihr Lager am Cassier Highway unweit der Raststation Bell II aufgeschlagen. Die Pflanzer schlafen in Zelten, Martin in einem Trailor.

Jeden Morgen gleich nach dem Wecken bringt ein Helikopter die Crew zu den meist recht entlegenen Kahlschlagflächen. Mit an Bord ist eine Tagesladung an fünf verschiedenen Baumsorten, die bis kurz vor der Pflanzung tiefgekühlt und damit im Zustand künstlichen Winters in einem Truck gelagert worden sind. Nach einem von Martin erstellten Schema setzen die Pflanzer, leidlich geschützt unter Moskitonetzen, den ganzen Tag lang im Sekundentakt Bäumchen: Loch gemacht, Wurzelballen reingedrückt, Loch zu, nächstes Loch... Nach zwölf Stunden wird die Crew, dreckverschmiert und zerstochen, wieder abgeholt. Abendbrot gibt es in der Raststation, und nach kurzem Plausch kriechen die Pflanzer meist auch schon in ihre Schlafsäcke. Für Lagerfeuer-Romantik bis tief in die Nacht ist die Erschöpfung zu groß.

Als reine Plage wird die Pflanzaktion dennoch nicht betrachtet. Die Studenten empfinden es als anregend, in der bunt zusammengewürfelten Truppe Kommilitonen aus ganz Kanada kennenzulernen, sich anzufreunden und zu einer Mannschaft zu verschmelzen. Natürlich trägt auch die überdurchschnittliche Bezahlung dazu bei, dass man die Zähne gerne mal für drei Wochen zusammenbeißt. Zudem finden viele Befriedigung darin, eine Arbeit zu verrichten, die Sinn hat und überwiegend von Dauer ist: 90 Prozent der Bäumchen überleben das erst Jahr, 85 Prozent verwachsen zu neuem Urwald. Ein schöner Nebenlohn ist das, aber gewiss kein Hauptanreiz. Dass sie die Arbeit machen, um zur Rettung des Planeten beizutragen, behaupten die Studenten allenfalls augenzwinkernd.

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