Manfred Köhler
Romane
Sachbücher
Texte
Lesungen
Kontakt
Links
Ausflugsziele

SELBSTÜBERWINDUNG DURCH SURVIVALTRAINING
Waagrecht in den Abgrund

„Soll ich den Rucksack etwa tragen?” Doro ist ernsthaft erstaunt. Am Kofferraum des VW-Busses von „C’est la vie Tours” steht sie, zögernd die Hand nach ihrem Gepäck ausgestreckt, das überwiegend erst abends im Zeltlager wieder gebraucht wird - Tages-Endstation auch des VW-Busses. Indes: Eine Survivaltour ist kein Spaziergang, den Ernstfall gilt es zu proben, seine Siebensachen hat man selbst zu schleppen. Und so sieht man sie also loslaufen, Doro und Manfred, die Rucksäcke prall gefüllt und in den Händen, unter den Armen, um den Hals gehängt: Schlafsack, Isomatte, Zeltbahn, Anorak, Fototasche...

Vorgeschichte
Selbsterfahrung durch Survivaltraining, aber so hart mag im Fichtelgebirge der Überlebenskampf schon nicht ausfallen. Die Nähe zum heimatlichen Hof ließ mich den geplanten Outdoor-Kurs von Anfang an unterschätzen. Schon beim Vorgespräch mit Jürgen Kölbel, als wir beisammen saßen, um die gemeinsame Aktion zu besprechen: Sein Unternehmen „C’est la vie Tours” spendete als Gewinnspiel-Hauptpreis einen Survivalkurs für einen Leser des PRO-HOF-Magazins, und ich würde die Tour als Teamkollege dieses Gewinners wie auch als Berichterstatter begleiten. Kein Problem, meinte ich. Jürgen fiel es nicht ein, meinen Optimismus zu erschüttern, im Gegenteil: Von 20 Kilometern Fußmarsch war bei der Vorbesprechung die Rede; 50 sollten es werden.

Doro
„Ich, Doro (37), möchte soooo gerne an eurem Outdoor- und Survivalkurs teilnehmen.” Dieser Satz stand unter Lösungswort und Adresse der Postkarte, die bei unserem Gewinnspiel aus dem Stapel der Einsender gezogen wurde, und machte mir Dorothea Heinze sympathisch, noch bevor ich sie kannte. Erste Begegnung, Vorbereitungskurs und Tour bestätigten den Eindruck, und darüber hinaus lernte ich sie kennen als unternehmungslustig, humorvoll, bescheiden, ruhig und außerordentlich zäh. Doro in Stichpunkten: in Merseburg (Sachsen-Anhalt) geboren; Ausreise noch vor der Wende; Mutter einer 15jährigen Tochter; Lieblingshobby Tischtennis; ist schon mal mit nackten Füßen über glühende Kohlen gelaufen; träumt davon, in der Fränkischen Schweiz zu klettern und eine Cessna zu fliegen.

Programmablauf
Das Survivaltraining beginnt mit einer Abseil-Übung im Steinbruch Bad Berneck. Von hier aus starten die Teilnehmer, zeitversetzt in Zweiergruppen zum Fußmarsch, der über mehrere Stationen zum Nachtlagerplatz in einem Steinbruch am Großen Waldstein führt. Auf dem Übungsplan stehen hier unter anderem: Anlegen eines Biwaks mit Feuerstelle, Abseilen am Rollenseil, Schlachten, Ausnehmen und Braten einer Forelle, Orten verborgener Nahrungsvorräte, eine Orientierungsübung bei Dunkelheit und Abseilen bei Nacht. Die Wanderung am nächsten Tag ähnelt eher eine Durchschlageübung: Mit Kompass geht es nach Marschzahl und Schrittlänge teils querfeldein, zahlreiche Aufgaben sind unterwegs zu lösen. Ziel ist der Förmitzspeicher, letzte Übung eine Gewässerüberquerung am Halteseil auf Zeit.

Wetter
Wie für die Tour bestellt: sonnig, mild, frühlingshaft, mückenfrei. Nur am Sonntag morgen nieselte es eine Stunde lang.

Abseilen
Es beunruhigt mich weniger, von unten mit den Augen an der steilen, nackten Felswand hochzuwandern, als von der Abbruchkante aus die Stimme des ersten Delinquenten zu vernehmen: Frank hat das Abseilen hinter sich, fern und leise hallt sein OK-Ruf „Stand” zu uns nach oben. Also, Helm aufgesetzt, Handschuhe übergestreift, und bloß nicht an Jürgens Sicherungstechniken zweifeln. 60 Meter tief fällt die Felswand unter mir ab, ich soll mich zurücklehnen, weiter, noch weiter, den Körper waagrecht, ganz zögerlich taste ich mich rückwärts am Seil entlang, nicht nach unten schauen, brüchig ist die Felswand, wo das Seil darüberschabt, lösen sich Steine, einer schlägt mir aufs Knie, meine Finger verkrampfen, so bin ich gezwungen, großzügiger vom Seil Gebrauch zu machen, freischwingend sause ich abwärts, habe Erde in den Augen, als ich endlich „Stand” rufe, schmerzen meine Hände bis in die Unterarme, kaum kann ich die Karabiner lösen.

Start
Misslingt: Während ich noch Abseil-Fotos schieße, muss Doro schon mit der ersten Aufgabe beginnen: Es gilt, in zehn Minuten eine Karte von Streckenabschnitt A zu zeichnen. Leider überträgt Doro den falschen Ausschnitt, und mir reicht die Zeit, da ich zu spät komme, nur für eine Grobskizze. Folglich verlaufen wir uns, während wir mit unserem hastig zusammengerafften Gepäck kämpfen, schon nach wenigen 100 Metern zum ersten Mal.

Gepäck
Selbstverschuldetes Handicap Nummer zwei: unsere Gepäckorganisation. Wie Attrappen wirken unsere Rucksäcke verglichen mit dem Marschgepäck der anderen Teilnehmer. Irgendwann vor dem Aufbruch wird schon noch Zeit sein, ordentlich zu packen, meinte ich; falsch gedacht, und so trage ich am ersten Tag den Großteil meiner Ausrüstung in den Händen. Auch Doro hat Probleme. Zwar gelingt es ihr, den bis in die Kniekehlen baumelnden Schlafsack zu fixieren, doch zwicken sie ständig die viel zu schmalen Trageriemen ihres Rucksäckchens.

Orientierung
Fehler Nummer drei: Wir schlagen das Wissen, das uns Jürgen bei einem Einführungskurs vermittelt hat, in den Wind. Statt die Marschkompasszahlen an einem Geländepunkt festzumachen, laufen wir, im Vertrauen auf den eigenen Orientierungssinn, nur grob in die ermittelte Richtung; ganz abgesehen davon, dass ich beim Schrittezählen immer mal wieder durcheinander gerate. Was wir bei dem Kurs am schmerzlichsten gelernt haben: Das Orientierungssystem nach Kompass funktioniert - aber nur, wenn man sich exakt daran hält.

Abkürzungen
Vierter und fatalster Fehler (der allein mir anzulasten ist): der Versuch, Orientierungsschlampereien durch Abkürzungen wieder wettzumachen. Noch am Vormittag des ersten Tages verirren wir uns dadurch so heillos, dass ich schon keinen Ausweg mehr sehe. Doro aber entdeckt ein Bächlein, das auch auf unserem Kartenausschnitt verläuft, und an dem Rinnsal hangeln wir uns zum nächsten Orientierungspunkt.

Marschieren
Wovon jeder überrascht wurde, auch die alten Wanderhasen: Der Fußmarsch zieht sich brutal in die Länge. Schon bald sind unsere Wasservorräte aufgebraucht, zu essen haben wir nichts mitnehmen dürfen, und so wird das Laufen zur elenden Schinderei. Doro muss sich alle paar 100 Meter setzen und ausruhen. Den Grund für ihre ständigen Schwindelanfälle behält sie lange für sich. Erst am Nachmittag rückt sie damit heraus, am Tag zuvor heftige Magenbeschwerden gehabt zu haben. Seit zwei Tagen hat sie nichts gegessen... Eine kranke Teamkollegin, und das mitten im Wald, nirgends auch nur ein Bauernhof in der Nähe! Erst jetzt fällt mir auf, dass wir Jürgen seit dem Aufbruch am Morgen nicht zu Gesicht bekommen haben.

Seildiebe
Während des ganzen ersten Tages stelle ich mir vor, wie Jürgen uns an den Stationen vom Gebüsch heraus beobachtet und sich über unsere Orientierungslosigkeit amüsiert. Tatsächlich aber hat er längst den Biwakplatz angesteuert und bereitet fieberhaft die Abendübungen vor. Eigentlich hatte er die größten Brocken schon am Tag zuvor bewältigt, doch unbekannte Saboteure haben ihm das Seil für die geplante Rollenseilübung abmontiert und gestohlen. Ein anderes Seil per Flaschenzug neu über den smaragdgrünen Steinbruchsee zu spannen, kostet ihn drei Stunden und bringt ihm den ganzen Zeitplan durcheinander.

Hunger
Als uns mittags in einem Dorf köstliche Schweinebratendüfte in die Nase steigen, wird mir klar, warum Jürgen am Morgen die Geldbeutel eingesammelt hat. Jetzt ist es später Nachmittag, der Magen grollt vor Hunger, und langsam fange ich an mir zu wünschen, ich hätte mich nie auf dieses Survivaltraining eingelassen. Doro hat sich inzwischen wieder gefangen. Dennoch rate ich ihr, Jürgen unbedingt über ihren Gesundheitszustand zu informieren. An der nächsten Station aufzugeben, lehnt Doro entschieden ab.

Kekse
Früher Abend: Rund drei Stunden nach den anderen Gruppen erreichen wir die vorletzte Station. Ein Schild verspricht uns Nahrungsvorräte und Wasser auf 50 Schritte nach Marschkompasszahl 1.700 - also mitten im Dickicht des Waldes. Wir schießen drauflos, in die richtige Richtung zwar, aber mal wieder ohne Schritte zu zählen. Jürgen, der diesmal tatsächlich in der Nähe gelauert hatte, verhindert, dass wir uns völlig einwirren. Wir finden eine Stelle im Wald, an der, gut getarnt, aber gerade noch erkennbar, eine Holzkiste vergraben ist. Der Inhalt: Leitungswasser und Bundeswehr-Betonkekse. In unserem Zustand ein Labsal. Jürgen mahnt uns zur Eile, ein nicht unbeträchtlicher Streckenabschnitt sei noch zu bewältigen.

Aufgelesen
Entkräftet und lustlos, verirren wir uns auf diesen letzten sieben Kilometern noch einmal bis zur völligen Orientierungslosigkeit. Also zurück, einen anderen Weg nehmen, hoffen, damit richtiger zu liegen. Endlich erreichen wir den Steinbruch, in dessen Nähe das Biwak liegen muss. Die letzte Aufgabe, den Lagerplatz zu orten, lösen wir nicht mehr: Claudia und Jürgen haben sich angesichts unserer massiven Verspätung per Auto auf die Suche gemacht und lesen uns auf. Wir sind froh, dass es endlich überstanden ist, aber auch unbefriedigt, das Tagespensum nicht aus eigener Kraft bewältigt zu haben. Zwar wäre die letzte Orientierungsübung so happig gewesen, dass auch die anderen fast daran gescheitert waren, doch es wären nur noch wenige 100 Meter zu laufen gewesen...

Biwak
Als wir ankommen, stehen schon alle Zelte, die Bayernflagge ist gehisst, ein Hexenkessel voll Bouillon brodelt über dem Lagerfeuer und die ersten Forellen, eingewickelt in feuchtes Klopapier, werden aus der Glut geholt. Appetitlich wirken die schmuddligen Mumien nicht. Man muss sie aus dem verbrannten Papier pulen und das Fleisch einer grauen Pampe entnehmen. Unsere Forellen tummeln sich noch in einem Eimer, eigentlich müssten wir sie jetzt schlachten, ausnehmen, einwickeln. Doch nur Doro kann sich überwinden, einen der Fische mit der Keule zu erschlagen. Das Ausnehmen bleibt uns erspart, wir dürfen Forellen essen, die schon zubereitet sind; rauchig-salzig schmecken sie, nach der Hungertour ein echter Genuss.

Höhepunkt
Die Familien einiger Teilnehmer schlafen mit in unserem Zeltlager. Insgesamt sind wir elf Erwachsene, drei Kinder und ein Hund. Jürgen zerteilt sich schier, uns ein ebenso kurzweiliges wie lernintensives Biwak-Abenteuer zu bescheren. Den letzten Programmpunkt des Abends werden alle später als absoluten Höhepunkt loben; doch ich habe mich schon im Schlafsack eingerollt, als Jürgen die anderen zum Abseilen in die dunklen Tiefen des Steinbruchs zusammentrommelt.

Gemogelt
Tag zwei: Eigentlich müssten wir wie erschlagen sein, doch das Marschieren fällt leichter als tags zuvor. Doro, frisch gestärkt durch Bundeswehr-Kaffee und Marmeladenbrot, gibt ein flottes Tempo vor. Wir legen mehr Sorgfalt aufs Orientieren, mogeln nur auf einem besonders unübersichtlichen und langen Streckenabschnitt, indem wir einem anderen Team nachschleichen. Es ist Mittag, als wir den Förmitzspeicher und damit das Ziel erreichen.

Siegerehrung
Die Survivaltour endet, wo sie begann: im Unterrichtsraum von C’est la vie Tours in Fattigau. Es gibt Wurstbrote, Chips und Flips, Bier und Sekt, viel Lob von Jürgen und Pokale für alle Teilnehmer - den größten für Ralph und Jürgen, den kleinsten für Doro und mich. Zu keiner Zeit und erst recht nicht jetzt lässt Jürgen den Eindruck entstehen, wir seien gegeneinander angetreten. Denn was zählt ist, in welchem Grad wir das eigene Leistungspotential ausgeschöpft und was wir gelernt haben - handwerklich, über das Leben und über uns selbst.

Verletzungen
Frank hat am zweiten Tag wegen massiver Beschwerden in den Achillessehnen aufgeben müssen, Schürfwunden und Prellungen beim Abseilen gab es reichlich. Doro fährt unverletzt nach Hause. Ihrem Magen geht es wieder blendend, zum Abschied strotzt sie vor Tatendrang.

Weitere Texte

Hauptseite