Manfred Köhler
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Rezensionen 2012

 

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„Strindbergs Stern“ von Jan Wallentin:
Die Enttäuschung überwiegt (26.12.12)

Der Roman hat durchaus seine Momente, und die will ich hier mal voranstellen: Der Tauchgang, der zur Entdeckung des Rätsels führt, könnte besser nicht auf die Geschichte einstimmen; die Erlebnisse der Großmutter sind so erschütternd, dass man gar nicht anders kann als Anteil zu nehmen; die Zerstörung einer Stadt am Beispiel Yperns war für mich in diesen Dimension neu und ungewöhnlich interessant – aber nun zum Bedauerlichen: All das wird letztlich nur gestreift in einem Roman, der immer absurder wird und sich in einem Finale verheddert, dessen Sinn sich mir nicht erschließen will. Statt des Tauchers, der so intensiv geschildert wird, dass man ihn für die Hauptfigur halten muss, bekommt man nach dessen Tod einen Typen vorgesetzt, dessen exzessive Drogensucht ihn zum perfekten Opfer taugen ließe – aber an dieses zerrüttete Wrack hat man sich von nun an als Hauptfigur zu gewöhnen. Allerlei Nebenfiguren mutieren zu Schurken und von Schurken zu Unsterblichen mit Superkräften. Am Ende hat man zwar das eine oder andere starke Bild in sich aufgenommen und manch interessanten Handlungsstrang gelesen, aber was dominiert, ist die Enttäuschung. Dieses Buch kann man allenfalls ganz unten in den Lesestapel legen für den Fall, dass einem irgendwann der Stoff ausgeht und man sonst nichts zu tun hat. Wer es lesen will, statt stundenlang zu zappen, der macht vielleicht auch nichts verkehrt.

 

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„Der 7. Tag“ von Nika Lubitsch
Anscheinend Geschmacksache (19.12.12)

Für diesen Roman hatte ich eine lange Liste mit viel Lob und Begeisterung - aber bevor ich dazu kam, daraus eine Rezension zu verfassen, empfahl ich das Buch weiter. Und demjenigen, dem ich es ans Herz legte, gefiel es überhaupt nicht.
Das verunsicherte mich. Hinzu kommt, dass es ja durchaus nicht wenige negative Besprechungen für das Buch gibt. Die positiven überwiegen zwar bei weitem, aber wenn man die hilfreichsten Rezensionen zuerst aufruft, erscheinen erst mal überwiegend negative. Kann ich mich so sehr getäuscht haben?
Um das herauszufinden, blieb nur eines: Ich las die ersten Seiten des Romans noch einmal und überflog den Rest. Das Ergebnis: Ich finde Geschichte und Schreibstil immer noch gut. Manche Kritikpunkte der Negativ-Rezensenten sind berechtigt. Die sind mir selbst auch aufgefallen, deshalb wäre das hier nie eine reine Jubelkritik geworden. Aber der Rest scheint Geschmacksache zu sein. Da es hier darum geht, was mir gefällt, ganz persönlich, bleibe ich bei meiner Ersteinschätzung: vier Sterne.

 

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Der „Kindle“ von Amazon:
Abschied vom Buch? (12.12.12)

Seit etwa zwei Monaten habe ich jetzt die Basisversion des Kindle-Lesegerätes. Ebooks lese ich schon viel länger, zuvor am Netbook oder Laptop. Die tatsächliche Veränderung bezieht sich also nicht auf den Umstieg vom Buch auf den Kindle, sondern von einem aufs andere Lesegerät. Und da ist der Unterschied frappierend. Nicht, dass ich nicht gern am Netbook gelesen hätte, auch das hat seine Vorteile, zum Beispiel dass man im Dunkeln keine Lichtquelle braucht. Aber unterwegs ist der Kleinstcomputer als Lesegerät doch recht umständlich. Die Akkulaufleistung ist überhaupt nicht zu vergleichen. Und so weiter. Aber letztlich geht es hier gar nicht um Sachargumente. Die ersten Wochen mit dem Kindle waren eine Zeit, in der sich ganz automatisch etwas änderte, ohne dass ich es geplant hätte. Anfangs habe ich noch gelegentlich am Netbook gelesen oder zu gedruckten Büchern gegriffen. Die liegen nun ungelesen auf einem Stapel, und seit drei Wochen hänge ich nur noch am Kindle. Warum? Weil man sich einfach leichter damit tut. Und der Nachschub an Lesestoff fast automatisch reinkommt. Inzwischen hat sich der Anschaffungspreis dank der Kostenlos-Angebote von Amazon schon amortisiert. Das heißt nicht, dass ich nie mehr zu Büchern greifen werde. Aber ich bin dankbar für die neue, zusätzliche Möglichkeit. Ich habe jetzt die Wahl. Und genau hier möchte ich an die leider noch allzu vielen Ebook-Totalverweigerer appellieren, es doch einfach mal auszuprobieren. Warum sich selbst um eine tolle neue Möglichkeit bringen? Buch-Fans widersetzen sich Ebooks und Lesegeräten mit zwei Argumenten, die eigentlich keine sind: Sie wollen auf den Geruch neuer Bücher nicht verzichten – und auf das Gefühl, etwas in der Hand zu haben, das sich umblättern lässt. Beides hat mit dem Lesen selbst nichts zu tun, aber wer es so liebt, kann es ja weiterhin zusätzlich genießen. Falls er es dann noch will. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand den Kindle ausprobiert und dann wieder ausschließlich zu Büchern zurückkehrt, schätze ich ähnlich hoch ein wie eine Rückkehr vom PC zur Schreibmaschine, nur weil das Farbband so gut riecht und die Tasten so schön klappern.

 

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„Die Inschrift“ von Alexandra Sokoloff:
Keine Gänsehaut, aber Spannung (5.12.12)

Dieser Roman hat mich wirklich überrascht. Die ersten Seiten fand ich so schlecht geschrieben, dass ich schon aufhören wollte zu lesen und das Buch erst mal zur Seite legte. Beim zweiten Versuch kam ich besser mit dem zuweilen etwas überschwulstigen Stil zurecht, der vielleicht auch nur auf schlechte beziehungsweise zu wörtliche Übersetzung zurückzuführen ist. Irgendwann ab der Mitte habe ich den Roman gern weitergelesen. Die Geschichte beginnt mit scheinbar harmloser Geisterbeschwörung und steigert sich bis hin zum Zerstörungswerk eines rasenden Dämons. Wirklicher Grusel stellt sich dabei nicht ein, manches kommt einem auch allzu bekannt vor, aber überraschende Wendungen halten die Spannung aufrecht, und die Steigerungen greifen sinnvoll ineinander. Neu war für mich, dass die Ursache für den Spuk in jüdischer Mythologie wurzelt und mit solcher auch bekämpft wird. Vier Sterne wären sicher nicht zu viel, was das Handwerkliche betrifft, aber ich reduziere auf drei, weil man am Ende das Gefühl hat, nicht wirklich was verpasst zu haben, hätte man diesen Roman ausgelassen.

 

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„Tanz, Püppchen, tanz“ von Joy Fielding:
Anfangs rasant, später enttäuschend (28.11.12)

In diesem Buch ist man sofort drin, und atemlos geht es bis zur Mitte voran. Die zynische Hauptfigur, der trockene Humor, das Rätsel um den Mord, all das zwingt zum Weiterlesen. Glänzend geschrieben ist der Roman, auch das darf nicht vergessen werden. Eigentlich gibt es nur zwei Mängel, aber die wiegen ziemlich schwer. Dass die Hauptfigur, je tiefer man in ihr Geheimnis eindringt, um so weinerlicher wird, lässt sich überlesen. Die Art, wie sie in einer ihrer Frustphasen den entscheidenden Hinweis findet, um den Fall zu lösen, ist allerdings an den Haaren herbeigezogen. Noch ärgerlicher ist die Auflösung, denn die erinnert allzu sehr an einen bekannten Filmklassiker. Das beeinträchtigt den anfangs so guten Gesamteindruck, macht ihn aber nicht kaputt. Ich neige zu drei Sternen, gebe aber aufgrund des hohen Unterhaltungswertes dann doch vier.

 

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„Pik Dame“ von Alexis Lecaye:
Ein Wühltisch-Schnäppchen (21.11.12)

Eigentlich wollte ich diesen Roman rundum positiv bewerten, weil er genau die Sogwirkung ausübt, die ein guter Thriller braucht, um zu überzeugen, und der Gesamteindruck danach nicht wirklich schlecht war. Denke ich allerdings über Details nach, so fallen mir doch einige Schwächen ein, allen voran das Hauptärgernis, dass der Parallelstrang eines zweiten Falles nicht, wie erwartet, in Beziehung zum Hauptfall gesetzt wird, sondern völlig versandet und eher an einen zweiten Krimi denken lässt, der zu schwach für ein eigenständiges Buch gewesen wäre, und daher einfach hier mit verwurstet wurde. Zunehmend störend wirkten beim Lesen auch die ständigen Rückblenden in die schlimme Kindheit der Killerin, mit denen aber nicht wirklich Verständnis für ihre späteren Taten geweckt werden konnte, falls das vom Autor beabsichtigt war. Die Auflösung akzeptiert man zunächst, aber ohne Hinweis auf eine Fortsetzung in diesem speziellen Fall wirkt sie doch langfristig unbefriedigend. Ich komme zu dem Schluss, dass der Roman das Kunststück beherrscht, sich vordergründig ins beste Licht zu rücken und von den eigenen Schwächen abzulenken. Hätte ich das Gelesene nicht reflektiert, um es zu rezensieren, hätte ich den besten Eindruck zurückbehalten. Unterm Strich bleibt keine Reue, sondern das gute Gefühl, da reduziert im Supermarkt gekauft, ein Wühltisch-Schnäppchen gemacht zu haben.

 

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„Von Zombies und eBooks“ von Corinna D. Rindlisbacher:
Kurzer Ratgeber mit neuem Ansatz (14.11.12)

Von Ratgeber-Literatur ist man es ja eher gewohnt, alte Weisheiten in neuer Verpackung verkauft zu bekommen. Der Ansatz dieses Büchleins aber ist anders. Auf die Vorgehensweise, zu der hier geraten wird, bin ich selbst noch nicht gekommen, sie scheint mir schlüssig, und deshalb bin ich aktuell dabei, sie zu erproben.
Wer nun trotz meiner Empfehlung zögert, weil das Ebook offensichtlich sehr, sehr kurz ist, dem sei obendrein empfohlen, sich davon nicht abhalten zu lassen. Man zahlt bei Ratgebern ja nicht für viele Worte, sondern dafür, dass der erteilte Rat auch nützlich ist. Je weniger Zeit man aufwenden muss, um den Nutzen zu erlangen, desto besser. Das scheint mir hier der Fall zu sein, und daher gibt es – sogar gerade wegen der Kürze – fünf Sterne.

 

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„Die Arena“ von Stephen King:
Bösartiger Provinzpolitiker (7.11.12)

Eigentlich wollte ich diesen Roman keines Blickes würdigen, weil mir die Ausgangsidee zu sehr nach einem Plagiat des Plots von Marlen Haushofers „Die Wand“ aussah. Aber wie das bei Stephen King meistens so ist: Man fängt an zu lesen - und will nicht mehr aufhören. Die Richtung der Handlung ist dann auch recht schnell ganz anders als im Original, und letztlich geht die Faszination der Geschichte auch gar nicht vom Geheimnis der Kuppel aus, sondern davon, was die Betroffenen aus der neuen Situation machen. Selten kam mir eine Figur so gruselig vor wie der bösartige Provinzpolitiker und Autohändler „Big Jim“, gerade weil er insgesamt als relativ normaler Mensch mit allen Schwächen geschildert wird. Die Art, wie dieser sich als jovialer Übervater gebärdende Schurke mit Hilfe der Polizei eine Kleinstadt im Handumdrehen in eine Mini-Diktatur umwandelt, macht angst, weil man spürt: Genauso könnte es wirklich passieren, jederzeit und überall, wenn die Macht in falsche Hände fällt. Leider geht dieser Haupthandlungsstrang dann im überkonstruierten Ende unter. Die Auflösung kommt sicher unerwartet, aber ich bin mir immer noch nicht sicher, ob sie mir gefällt. Lesegenuss mit gewissen Schwächen, also ein Stern Abzug.

 

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„Trübe Wasser sind kalt“ von Patricia Cornwell:
Seltsame Dreiteilung (31.10.12)

Diesen Roman will ich mal aus der Distanz heraus beurteilen. Es ist etwa ein halbes Jahr her, dass ich „Trübe Wasser“ gelesen habe, was hilfreich ist für eine Gesamteinschätzung, auch wenn Details schon vergessen sind. Der Eindruck aus heutiger Sicht ist, dass die Geschichte zwei wesentliche Brüche aufweist. Es geht los mit einem Mord auf einem militärischen Gelände, man vermutet also Ermittlungen in diesem Umfeld. Bald zeigt sich aber, dass eine Art Sekte hinter allem steht, die nun die Hauptfigur, eine Gerichtsmedizinerin, bedroht. Der zweite Bruch ist noch krasser: Wie aus dem Nichts wird aus dem Ermittlungskrimi plötzlich ein Thriller mit einem terroristischen Anschlag auf ein Atomkraftwerk und einer drohenden Apokalypse. Quasi im Alleingang bringt die Hauptfigur, die eigentlich Ärztin und nicht Polizistin ist, die Täter zur Strecke und rettet Amerika. Wenn ich all das jetzt bedenke, scheint es sich um kein Buch zu handeln, das man empfehlen kann. Ich weiß aber noch, dass mein Eindruck beim Lesen ganz gut war. Drei Sterne sind also angesichts der durchwachsenen Gesamtlage angemessen.

 

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„Ohne Gnade“ von Thomas White:
Fragwürdige Auflösung (24.10.12)

An diesem Thriller ist grundsätzlich nichts auszusetzen: flott geschrieben, spannend, voller Wendungen und vorangetrieben von einem Killer, den man sich mieser und fieser gar nicht vorstellen könnte. Genau deshalb mag die äußerst brutale Auflösung dem urzeitlichen Gerechtigkeitsempfinden auch entsprechen, aber dem rechtsstaatlich geprägten Verstand widerspricht sie doch sehr. Das sei zumindest angemerkt, aber da es sich um kein Lehrstück über Moral handelt, sondern einen Krimi, von dem man sich vor allem Nervenkitzel und Unterhaltung wünscht, wäre alles andere als die volle Punktzahl dem Autor gegenüber ungerecht.

 

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Die Belagerung Hofs 1553 von Kurt Stierstorfer:
So macht Geschichte Spaß (17.10.12)

Hätte jemand diese Geschichte als historischen Roman erzählt, man würde sie wohl als unglaubwürdig abtun: Da belagert ein feindliches Heer aus Tausenden von Landsknechten eine Stadt, schießt sie sturmreif, unternimmt die größten Anstrengungen, die Bevölkerung auszuhungern, erzwingt nach sieben Wochen endlich die Kapitulation – und dann kommt wenig später mit gerade mal 60 Mann der Landesherr angeritten, metzelt die Besatzer nieder und erobert die Mauern im Handstreich zurück.
Solche Wendungen waren möglich, weil die damaligen Landsknechte oft genug sturzbetrunken waren, auf Posten schliefen oder lieber nach ihrem Sold krakeelten statt ihren Dienst zu tun. Wie es damals bei Belagerungen zuging, nämlich in keiner Weise so streng militärisch, wie man das von späteren Schlachten kennt, das schildert Kurt Stierstorfer ebenso detailliert wie leicht verständlich in einer kräftigen, packenden Sprache. Wer das Buch zuklappt, hat so viele Bilder vor sich ablaufen sehen, dass er meint, die Ereignisse in einem Film verfolgt zu haben oder dabei gewesen zu sein. So macht Geschichte Spaß: Man wird bestens unterhalten und lernt die Fakten dabei so ganz nebenbei – nicht, weil man muss, sondern weil es einfach interessant ist, die Rahmenbedingungen der Ereignisse zu kennen.

 

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„Dying to live - vom Überleben unter Zombies” von Kim Pfaffenroth:
Urzeitliches Zusammenrücken (10.10.12)

Worin liegt die Faszination von Endzeitgeschichten? Vielleicht darin, dass man meint, dann aller Alltagssorgen ledig zu sein, die jetzt schlimmer scheinen als alles, was kommen könnte? Oder weil man die eigene Gesellschaft aus diesem Blickwinkel erst schätzen lernt – wie alles, das für immer vorbei und endgültig untergegangen ist? Am meisten fasziniert wohl auch der Gedanke an ein urzeitliches Zusammenrücken in einer neuen Art von Wildnis, in der die Menschen wieder mehr Beute als Jäger sind.
Das alles klingt in diesem Roman an und erzeugt beim Lesen das seltsame Gefühl, zugleich in die Zukunft und die Vergangenheit der Menschheit zu schauen. Vor allem aber erzählt Kim Pfaffenroth eine spannende Geschichte. Volle Punktzahl gibt es trotzdem nicht, weil der Roman sprachlich einiges zu wünschen übrig lässt.

 

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„Der Keim des Verderbens” von Patricia Cornwell:
Verfallsdatum überschritten (2.10.12)

„Der Keim des Verderbens“ war nach „Trübe Wasser sind kalt“ der zweite Roman in der Kay-Scarpetta-Reihe, den ich gelesen habe. Der Gesamteindruck ist bei beiden sehr ähnlich: Positiv fällt auf, dass die Geschichten gut und flüssig erzählt sind, dass man sie gerne liest und nicht aufhören will bis zum Ende; sehr negativ allerdings finde ich, dass die Autorin in beiden Romanen ausführlich einen Fall schildert und zum Thema macht, den sie im Lauf der Geschichte völlig aus den Augen verliert. Im Roman „Der Keim des Verderbens“ wird diese erste Mordreihe nicht mal aufgeklärt. Kurz vor dem Ende wird eine Auflösung aus dem Hut gezaubert, die einfach nur unbefriedigend ist, vor allem auch, weil die Motive in keinem Verhältnis zu den Taten stehen. Ein weiteres Manko ist meiner Meinung nach die übertriebene Detailtreue. Zwar ist es natürlich gut, wenn gründlich recherchiert wurde, aber mit einer derartigen Fülle von Fachbegriffen will man eigentlich als Leser nicht überfrachtet werden. Die Exaktheit der Autorin trägt zu einem Effekt bei, der mir schon bei ihrem anderen Buch aufgefallen ist: Die technische Entwicklung hat den Roman bereits weit überholt, und alles, was die Themen Internet betrifft, wirkt inzwischen wie längst über dem Verfallsdatum, obwohl ja noch gar nicht so viel Zeit vergangen ist. Erst recht kommt einem das so vor, weil penetrant ein bestimmter Internet-Provider genannt wird, der damals höchst populär war, aber inzwischen kaum noch in Erscheinung tritt.

 

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„Thüringer Kriminalchronik hingerichteter Verbrecher“ von Michael Kirchschlager:
Detaillierte Schilderungen ungewöhnlicher Schicksale (28.9.12)

Dieses Buch kaufte ich mir, um Fakten für ein eigenes Romanprojekt zu recherchieren. Ich rechnete mit trockenen und umständlichen Protokollen vergangener Ereignisse in schwer verständlicher Sprache und war erstaunt, wie spannend und lebensnah die Schicksale beschrieben werden.
Über den Aspekt der Verbrechen hinaus erfährt man anschauliche Fakten aus dem Alltag der Menschen: Was sie dachten, wovon sie träumten, wie weit sie zuweilen herumkamen - und wie sie es schafften, ihr eigenes Leben in den Untergang zu steuern. Dabei überrascht es am meisten, dass damals überhaupt so viel über die Biographien einfacher Leute aufgezeichnet wurde und dass diese Berichte die Jahrhunderte überdauern konnten. Die Ansicht, die Justiz in früheren Zeiten sei überwiegend grausam und willkürlich gewesen, wird hier durch so manches Fallbeispiel widerlegt. Auch damals schon wurden die Verbrechen in der Regel mühsam durch das Sammeln von Beweisen aufgeklärt, und mancher Täter schaffte es durchaus, so geschickt zu tricksen und zu lügen, dass er sich seiner Überführung lange Zeit entziehen konnte, obwohl seine Schuld längst feststand.
Eine Widersinnigkeit, die bis hin zu gegenwärtigen Todesurteilen zu finden ist, gab es  vor Jahrhunderten schon: dass der Delinquent bei einer Erkrankung noch kurz vor der Hinrichtung von Ärzten mühsam aufgepäppelt wurde - um gleich anschließend vom Henker umgebracht zu werden.
Mir fällt nichts ein, was mich an diesem Buch enttäuscht hätte, und daher gibt es die volle Punktzahl.

 

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„Das Siegel der Borgia“ von Sarah Bower:
Spannend, aber trotzdem etwas farblos (19.9.12)

Wie lebte es sich im Italien des beginnenden 16. Jahrhunderts als privilegierte Konvertitin und freundschaftlich-vertraute Untergebene der Herzogin von Ferrara? Um dieser Frage nachzugehen, bedient sich Sarah Bower eines Kunstgriffs: Sie nimmt eines von zwei unehelichen, aber anerkannten Kindern des legendären Papstsohnes, Kriegsherrn und Mörders Cesare Borgia und macht dessen – historisch unbekannte – Mutter zur Hauptfigur des Romans. Diese Hauptfigur Esther, genannt „Violante“, lebt am Hof von Cesares Schwester Lucrezia, eben jener Herzogin von Ferrara, verliebt sich in Cesare und empfängt ein Kind von ihm, das er ihr jedoch wegnimmt, um es standesgemäß erziehen zu lassen. So kämpft sie nicht nur um seine Liebe und mit ihren widersprüchlichen Gefühlen zu ihm, sondern auch darum, am Leben ihres Kindes zumindest teilzuhaben.
Diese Ausgangslage führt zu einem faktenreichen und spannenden, aber dennoch etwas farblosen Roman, was daran liegen mag, dass die Heldin wenig Möglichkeiten hat, aktiv in die Handlung einzugreifen. Die mächtige Familie Borgia ist ihr zwar gewogen, aber sie unterliegt auch völlig deren Launen. Dass sie eins ihrer Ziele oder gar beide erreichen könnte, ist von Anfang an aussichtslos. Und das große Geheimnis, das am Ende gelüftet wird, beruht letztlich nur auf einem Gerücht, das der echten Lucrezia nachgesagt wird und das höchstwahrscheinlich historisch falsch ist.
Trotz aller Kritik, ich habe das Buch gern gelesen und hatte in keinem Moment das Bedürfnis, es beiseite zu legen. Daher zwar keine fünf, aber immerhin vier von fünf Sternen.

 

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