Manfred Köhler
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Rezensionen 2013

 

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„Ewig“ von Schilddorfer & Weiss:
Unmögliches Geheimnis (5.12.13)
Man nehme etwas, das es überhaupt nicht gibt, erkläre es zum kompliziert verschlüsselten Geheimnis, dessen Enträtselung das Schicksal der Menschheit entscheidet, und lasse diverse verfeindete Parteien aus unterschiedlichen Gründen darauf los. Heraus kommt ein durchaus spannender Thriller mit vielen Irrungen und Wendungen, der sich am Ende notwendigerweise um eine echte Erklärung herummogelt und keinen so recht gewinnen lässt, aber in diesem Fall doch zufriedenstellend aufgelöst wird. Das Autorenduo Schilddorfer & Weiss hat mit diesem Erstling eine durchaus professionelle Arbeit abgeliefert, die in bestimmten Bereichen dann allerdings ganz schön schwächelt. So fallen Recherche-Fehler – wie ein angeblicher Verlauf der Autobahn Hof-Chemnitz durch Thüringen – eben um so mehr ins Gewicht, je akribischer und detailverliebter insgesamt geschildert wird. Die Dialoge sind nicht nur gelegentlich, sondern meistens allzu sehr in die Länge gezogen und flapsig. Und Hinweise, die den weiteren Verlauf der Handlung bestimmen, werden auch schon mal gefunden, indem zwei wohlgemerkt als hochgebildet angelegte Hauptfiguren im Suff mit zwei Tonrittern aus dem Mittelalter herumalbern, einen davon zerdeppern und aus den Scherben dann rein zufällig einen wichtigen Hinweis hervorziehen. Dass der Auftraggeber der einen Hauptfigur ebenso zufällig der Großvater einer anderen Hauptfigur ist, die wiederum der toten Frau der dritten Hauptfigur verblüffend ähnlich sieht, passt in dieses zurechtgestrickte Muster. Was am Ende mit der Geschichte versöhnt, sind zwei sympathische Besonderheiten im Epilog beziehungsweise im Nachwort. Man erfährt einerseits in kurzen Absätzen, wie das Leben der wichtigsten Akteure nach dem offiziellen Ende des Romans weiter verläuft – und bekommt zum anderen die Entstehungsgeschichte des Romans geschildert und damit zum Abschied einen wirklich interessanten Blick hinter die Kulissen. Ergebnis: Drei Sterne für den Roman, einen Zusatz-Stern für Epilog und Nachwort.

 

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„Tangoluder“ von Rob Monroe:
Action, Gags und gepfefferte Sprüche (28.11.13)

Was ein millionenschwerer Kunstraub mit dem Verschwinden einer eher dilettantischen Auftragsmalerei zu tun hat, das gilt es für Privatdetektiv Jack Reilly in diesem temporeichen Gangster-Krimi herauszufinden. Von Anfang an weiß er, dass seine Auftraggeberin, das titelgebende „Tangoluder“, ihn an der Nase herumführt, aber wie heimtückisch er zwischen zwei Fronten gelockt wird, das wird ihm erst nach der ersten Messer-Attacke klar...
An diesem Krimi aus dem New York der 1920er Jahre stimmt einfach alles, angefangen bei den zündenden Gags bis hin zu den glänzend recherchierten Details. Schnörkellos und sprachlich auf höchstem Niveau geht es voran von den ersten Fausthieben und Schusswechseln bis zum furiosen Finale. Besonders zu loben sind der clevere Plot und die Nebenfigur der ebenso entzückenden wie frechen Assistentin Lucy. Für mich der beste Krimi seit langem und daher klare fünf Sterne wert.

 

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„Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson:
Von Schreib- und Finanzkrisen (5.11.13)
Kann ein einzelner Wertpapierhändler eine Finanzkrise auslösen? Drei Schicksale sind in diesem Roman auf unterhaltsame Weise verkettet. Die Nörgelei einer Übersetzerin führt zur Schreibkrise eines Bestseller-Autors; dessen Krise wiederum macht die Übersetzerin arbeitslos. Die Unglücksserie eines Brokers reißt eine Bank in den Untergang – und beraubt besagten Autor scheinbar seines Vermögens. Wie die drei Hauptfiguren sich gemeinsam wieder freizappeln, welche Rolle Elton John dabei spielt und wie die Welt noch mal gerettet wird, das alles ist nicht unbedingt glaubhaft, aber insgesamt ein wahres Lesevergnügen. Dass die drei Hauptfiguren abwechselnd in der Ich-Form erzählen, erweist sich anfangs als gewöhnungsbedürftig, macht aber langfristig den Reiz des Romans aus. Fünf Sterne für Wortwitz, Spannung und drei liebenswert-schrullige Akteure.

 

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„Bis an das Ende der Nacht“ von Christopher Coake:
Keine Atemaussetzer, aber solide Unterhaltung (31.10.13)
Wer Geschichten liebt, in denen Konflikte sich steigern und die auf einen Höhepunkt zusteuern, der in eine klare Auflösung mündet - der sollte von diesem Buch die Finger lassen. Die Storys gleichen eher Fragmenten, man wird hineingeworfen und wieder heraus. Doch als das, was sie sind, sorgen sie für abwechslungsreiche Unterhaltung. Abgründe der menschlichen Natur werden ausgeleuchtet, auch starke Gefühle geweckt. Dass man vergisst zu atmen, wie in einem Werbespruch auf dem Cover verkündet, ist zwar heillos übertrieben, auch zum „Coake-Fan“ bin ich nicht geworden; aber ich hatte an keiner Stelle das Bedürfnis, das Buch beiseite zu legen.

 

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„Echt? In der DDR gab’s mehrere Parteien?“ von Daniel Morawek und Christian Döring:
Was ein blutiger Mund wert war (2.10.13)
Ein DDR-Bürger zerschneidet sich beim Essen eines Frühstücks-Brötchens den Mund an einem eingebackenen Metallteil und erhält dafür 50 (Ost)-Mark Entschädigung. Wäre nicht gerade Volkskammerwahl gewesen, hätte er gar nichts bekommen. Die ganze Abwegigkeit des DDR-Alltags wird in diesem Ebook anhand von erlebten Beispielen aufgezeigt, aber nicht anklagend, sondern sachlich geschildert und dank dem Frage-und-Antwort-Spiel der beiden Autoren stets spannend und fundiert. Letztlich handelt es sich bei dem Buch um die Biographie eines Mannes, der seinen Weg ging und sich nichts vorschreiben ließ – nicht einmal, wenn es zu seinem eigenen Besten gewesen wäre. Die Chance nämlich, die DDR in Richtung Westen zu verlassen, nahm er nie wahr. Er wollte in seiner Heimat leben, aber nach seinen Regeln, nicht denen der Stasi. Zwangsläufig wurde er damit zu einem Mitgestalter der Wende, nicht ohne sich dabei Schikanen und Gefahren auszusetzen.
Ein Ebook, das Lesegenuss mit Wissensgewinn verbindet. Verdiente fünf Sterne.

 

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„Mordverdacht“ von John Lescroart:
Schuldig mangels Alternativen (25.9.13)
Wie es einem gehen kann, wenn sich ein Ermittler mangels anderer Tatverdächtiger an einem festbeißt, das wird in dem Justizthriller „Mordverdacht“ auf nachvollziehbare und sachlich fundierte Weise geschildert. Der Tatverdacht ist hinreichend begründet, wobei es der Autor unterlässt, den Leser allzu sehr auf falsche Fährten zu locken. Die Auflösung ist nicht unbedingt ein Volltreffer, aber halbwegs befriedigend. Insgesamt ist der Roman ein spannendes Lesevergnügen, das keine echten Schwächen aufweist.

 

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„Falscher Engel“ von Jay Dobyns:
Mentale Zerreißproben (2.9.13)
Jay Dobyns surft und spielt Golf, läuft in Flipflops herum und wohnt mit Frau und Kindern in einem Vorort für wohlhabende Kleinbürger. In seinem anderen Leben verunziert er seinen Körper mit Tätowierungen, brettert mit seiner Harley durch die Lande und gibt sich als Auftragskiller aus. Wie sich diese extrem unterschiedlichen Welten zunehmend vermischen, derweil Dobyns als verdeckter Ermittler bei den Hells Angels den Job seines Lebens durchzieht, das wird in diesem Spiegel-Bestseller ebenso spannend und lebendig wie drastisch geschildert. Wohin gehört er nun? Immer noch in die Vorort-Siedlung? Oder sind längst die Hells Angels seine Familie? Das harte, gefährliche und von mentalen Zerreißproben bestimmte Leben eines Undercover-Polizisten, aufgezeichnet anhand eines Falles, der Schlagzeilen gemacht hat: spannend wie ein Thriller.

 

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„Nachtfahrt“ von Jan Costin Wagner:
Geheimnisvolle Sogwirkung (14.8.13)
Die wenigsten Romane schaffen es, die erfundene Welt während der Lesezeit wichtiger werden zu lassen als die echte – und darüber hinaus noch lange nachzuwirken. Mit „Nachtfahrt“ gelingt Jan Costin Wagner dieses Kunststück und ein weiteres, nämlich Empathie für den Schweinehund von Erzähler zu wecken. Um so erstaunlicher ist das, weil der Roman mit seinem Überhang an abgehackten Sätzen sprachlich zuweilen an die Grenzen guter Lesbarkeit geht. Wagner erschafft einen Figurenkosmos, in dem man als Beobachter gerne verweilt, sich am Ende aber rausgeworfen fühlt. Die Auflösung lässt derart zu wünschen übrig, dass von potentiellen fünf Sternen leider nur drei übrig bleiben.

 

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„Im ersten Glanz der Sonne“ von Beverley Harper:
Etikettenschwindel (27.6.13)
Eine spannende Schatzsuche auf Mauritius verspricht der Klappentext dieses Romans, aber man muss lange lesen, um zumindest einen Ansatz davon zu entdecken. Zweifellos war hier ein Profi am Werk, der Text ist flüssig geschrieben, man liest ganz gerne bis zum Ende, aber es bleibt ein schales Gefühl zurück. Denn man bekommt insgesamt nur wenig von dem geboten, was die Inhaltsangabe verspricht. Die „gefährliche Jagd nach den dunkelsten Geheimnissen von Mauritius“ beschränkt sich auf einen harmlosen Einbruch, ein paar Prügel und eine Entführung, die dann doch keine ist. Die wenigen ernsthaft gefährlichen Situationen werden aufgelöst durch die Witterung oder die Dummheit der Gegenspieler. Das Spannendste an dieser Geschichte ist noch das Geplänkel der Hauptfiguren, was den Roman zuweilen durchaus unterhaltsam macht, aber zu dem, was einem versprochen wurde, wird er dadurch trotzdem nicht: zu einem Schatzsucher-Abenteuer.

 

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„Der Schauermann“ von Martin Barkawitz:
Toller Krimi und spannende Geschichtsstunde (14.5.13)

Bei diesem Krimi weiß man nicht, was man zuerst loben soll: den gelungenen Plot, die spannende Handlung oder die Art, wie hier eine Fülle an neuem Wissen so vermittelt wird, dass man es so ganz nebenbei und mit echter Neugier aufnimmt. Der Schauermann ist ein Stück Hamburg und Hamburger Geschichte und deutsche Geschichte. Eine untergegangene Welt ersteht hier neu, und man merkt bei jeder Zeile: Genauso könnte es gewesen sein. Wie exakt der Autor recherchiert hat, beweist das Glossar am Ende des Romans. Die fremden Begriffe erschließen sich zwar aus der Handlung, aber es lohnt sich, immer gleich nachzuschlagen. Fünf Sterne und unbedingte Leseempfehlung für diesen Roman.

 

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„Sechs“ von Niels Gerhardt:
Was ist Realität? (27.3.13)

Wie echt sind eigentlich Träume? Und ist es nicht letztlich egal, ob das, was man erlebt, Traum oder Realität ist, solange man es für Realität hält? Diesen Fragen, die ganz ähnlich in den Filmen „Matrix“, „Total Recall“ und „Vanilla Sky“ behandelt wurden, geht der Autor in einer Mischform aus Thriller, Horror- und Mystery-Roman nach. Ob einem die Geschichte gefällt, hängt also vor allem davon ab, ob man bereit ist, sich auf diesen Genre-Mix einzulassen. Auf jeden Fall liest der Roman sich spannend bis zum Schluss, hat ein überraschendes Ende und enthält rückblickend keine allzu großen Widersprüche. Als angenehme Überraschung empfand ich es, dass der Autor in einem Schlusswort seine Gedanken zur Entstehung des Manuskripts erläutert und einen Einblick in den doch recht komplexen Aufbau gewährt. Eigentlich müsste man die Geschichte, mit diesem Wissen ausgestattet, gleich noch mal lesen. Und in diesem Fall wäre das nicht einmal verschwendete Zeit.

 

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„Das Vermächtnis des Bösen“ von Philip Jolowicz:
Ahnenforschung mit Folgen (20.3.13)

Um die Zweischneidigkeit der Ahnenforschung geht es in diesem Thriller, der durchgängig abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt wird. Wer hätte nicht gern einen Präsidenten im Stammbaum - aber was, wenn man im Gegenteil auf einen direkten Vorfahren stößt, der weltweit als Massenmörder verhasst ist? Für einen Normalbürger hätte das natürlich heutzutage kaum irgendwelche Folgen; für jemanden, der hohe Staatsämter anstrebt, vielleicht. Deshalb tut der Autor gut daran, erst sehr spät mit den Motiven des Schurken der Gegenwart herauszurücken, denn sobald die erst mal klar sind, wirkt die Geschichte doch arg bemüht. Nicht, dass sie schlecht erzählt wäre. Man bleibt dran bis zum Schluss und ist mit der Auflösung ganz zufrieden. Aber lässt man alles auf sich wirken, wird der Gesamteindruck etwas schal. Wer es für glaubhaft hält, dass – wohlgemerkt gutsituierte - Menschen vor überhaupt nichts zurückschrecken, um beruflich noch weiter aufzusteigen, der mag Gefallen an dem Stoff finden. Wer etwas höhere Ansprüche an die Motivation eines Täters stellt als reines Prestigedenken, der sollte sich anderen Lesestoff suchen.

 

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„Todeshunger“ von David Moody:
Der Hass ernährt den Hass (6.3.13)

Aufgrund einer Infektion zerfällt die Menschheit in zwei Lager: Die Infizierten werden zu „Hassern“, die gnadenlos morden, die Resistenten zu „Unveränderten“, denen keine Wahl bleibt als ebenfalls zu töten, um sich der Hasser zu erwehren. Das unausweichliche Gemetzel mündet in eine Apokalypse, aus der kein anderer Ausweg denkbar wäre als die totale Vernichtung einer der beiden Parteien – gäbe es nicht einige Hasser, denen es gelingt, ihren „Todeshunger“ zu unterdrücken und die Kontrolle über ihr Leben zumindest teilweise zurück zu gewinnen. Diese eine Facette gibt dem Splatter-Ansatz differenzierte Züge. So begreift der Hasser, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, irgendwann die Sinnlosigkeit des Mordens, aber der Krieg hat sich längst verselbstständigt, und die gegenseitigen Gräueltaten bieten immer wieder neue Gründe, den Hass zu schüren – gemäß dem Schiller-Zitat: Der Krieg ernährt den Krieg. Wohin das führt, bleibt am Ende des Romans ungeklärt, denn es handelt sich um Teil 2 einer Trilogie. Die in sich abgeschlossene Geschichte ist trotzdem verständlich, auch ohne Teil 1 „Im Wahn“ zu kennen.

 

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„Bezüglich Enten und Universen“ von Neve Maslakovic:
Interessanter Ansatz, einschläfernde Umsetzung (27.2.13)

Mit jedem Ereignis, das mehr als ein Ergebnis zur möglichen Folge hat, entstehen neue, zusätzliche Universen, in denen die verschiedenen Ergebnisse wiederum neue verschiedene Ereignisse auslösen und weitere Universen hervorbringen. Dieser faszinierende Gedanke ist nicht neu, aber wird in diesem Roman zunächst in reduzierter und damit ungewöhnlicher Variante angegangen: Es gibt nach einer Aufspaltung genau zwei bekannte Universen, zwischen denen die jeweiligen Bewohner queren und ihr Alter Ego treffen können. Das klingt nach einem reizvollen Stoff, aber die Umsetzung ist in diesem Fall leider etwas dröge geraten. Zur Mitte hin muss man sich schon arg durchbeißen, und man tut es in der Hoffnung, dass am Ende noch der große Knalleffekt folgt, eine überraschende Erkenntnis oder ganz neue Sichtweise. Die bleibt leider aus, und so muss ich feststellen: Dies ist nicht nur ein Buch, das man kein zweites Mal lesen möchte, auch das erste Mal hätte nicht unbedingt sein müssen.

 

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„Die Kunst des klaren Denkens“ von Rolf Dobelli:
Kann das Leben verbessern - theoretisch (20.2.13)

Dieses Buch könnte das Leben verändern. Ein Licht nach dem anderen geht einem beim Lesen auf. Man fängt an, sich Notizen zu machen, das eigene Leben zu durchleuchten, sich mehr Wachsamkeit vorzunehmen, auswendig zu lernen - verliert aber bald den Überblick. Zu groß ist die Fülle von Erkenntnissen und Beispielen. Je mehr man liest, desto unübersichtlicher wird es. Und man begreift, lange bevor der Autor einem diese eigene Erkenntnis bestätigt: Die meisten Denkfehler begeht man, weil das menschliche Gehirn nun mal so geschaffen ist, sie zu machen. Wie der Autor im Schlusswort einräumt, unterlaufen ihm auch selbst viele der genannten Denkfehler weiterhin. Aber es gibt Hoffnung. Denn einen Praxistipp, der mit etwas Mühe dauerhaft funktionieren könnte, hat er noch parat: Unwichtige Entscheidungen nicht so hoch hängen – die ganz wichtigen aber anhand der Denkfehler-Liste gründlich abklopfen.
Fazit: Das Buch ist vor allem unterhaltsam, allein deshalb lohnt sich die Anschaffung. Es weckt Erkenntnisse, und Erkenntnisse zu haben, tut gut. Allzu große Hoffnungen auf Verbesserungen im eigenen Leben sollte man aber wohl zurückstellen.

 

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„Frost“ von John Rector:
Wenn nur dieses Ende nicht wäre... (13.2.13)

Wahnsinnig spannend, bis auf das letzte Kapitel – und das ziemlich ärgerliche Ende. Eigentlich wäre für mich damit alles gesagt. Aber ganz so leicht will ich es mir nicht machen. Klar ist schon mal: Ein Happy End kann für eine solche Geschichte nicht in Frage kommen. Warum also enttäuscht mich diese Auflösung so sehr? Weil sie mich als Leser auf die Folter spannt, aber im entscheidenden Moment ohne Antwort zurücklässt. Genau genommen aber stimmt das nicht. Den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit zufolge, ist nur eine Antwort möglich, und die wäre dann doch zu traurig. Also lässt Rector sie unausgesprochen und gibt damit Raum für ein bisschen Hoffnung. So gesehen ist das Ende folgerichtig, passt zum Charakter des Pärchens und setzt alles auf Anfang. Aus drei Sternen werden dann doch noch vier.

 

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„Schuld und Sühne“ von Fjodr Dostojewski:
Der Wunsch nach Erlösung (6.2.13)

Rodion Raskolnikow ist nicht nur ein Doppelmörder aus Habgier und Selbstüberschätzung, er zeigt auch keinerlei Reue. Er ist wehleidig, wankelmütig und mitleidlos gegen andere. Wie kann man am Schicksal einer solchen Figur Anteil nehmen über Hunderte von Seiten? Genau darin, Empathie selbst für einen solchen Mistkerl zu erzeugen, besteht die große Kunst Dostojewskis. Man will, dass der Mörder überführt wird - und hofft doch, dass er davonkommt. Man fühlt sich abgestoßen von seinen Gedanken und Taten, von seiner Antriebslosigkeit und Weinerlichkeit und erkennt sich doch allzu oft selbst. Um Sühne geht es vordergründig; in Wahrheit wünscht man sich, dass Erlösung immer möglich ist, egal, was man getan hat. Denn das Scheißgefühl, etwas auf dem Kerbholz zu haben und sich vor den Folgen zu fürchten, kennt nun mal jeder. Die (Er-)Lösung, die hier angeboten wird, ist sicher nicht nach jedermanns Geschmack, aber stellt doch insgesamt zufrieden. Und kann man der Geschichte selbst nichts abgewinnen, allein die Sprachgewalt dieses Weltklassikers ist fünf Sterne wert.

 

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„Sara“ von Stephen King:
Krimi, Spukhaus- und Love-Story in einem (30.1.13)

Stell dir vor, du bist verflucht, aber weißt es nicht. Wie reagierst du, wenn der Fluch ein erstes Opfer fordert, dabei alles nach einen Unfall aussieht, aber bestimmte Merkwürdigkeiten in eine ganz andere Richtung deuten? Die Art, wie Stephen King seinen Helden hinter ein erbärmliches Familiengeheimnis kommen lässt und ihn dabei durch eine Krimi-Grusel-Liebes-Geschichte hetzt, beweist einmal mehr sein geniales Talent für die Verknüpfung von Intuition und Handwerk. Aus der eher banalen Ausgangsidee hätte bei einem anderen Autor ein schlechtes Buch werden können, und auch ein Stephen King macht daraus kein Meisterwerk, aber er versteht es, die Geschichte so aufzudröseln und dann, in die unterschiedlichsten Erzählebenen zerlegt, einzigartig miteinander zu verweben, dass kein Moment Langeweile aufkommt. Die Abfolge von Wendepunkten und Enthüllungen führt zu einem gut vorbereiteten und doch überraschenden Ende und damit zu einem Lesegenuss ohne Reue.

 

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„Fuchsjagd“ von Minette Walters:
Spannend bis zum verfrühten Höhepunkt (23.1.13)

Wenn der Schurke überführt und verhaftet ist, sollte die Geschichte aufgeklärt und zu Ende sein. Verstößt eine Vollblut-Schriftstellerin wie Minette Walters gegen diese Regel, erwartet man dafür Gründe und eine ganz neue Wendung, mit der die Spannung noch mal hochgefahren wird. Leider wartet man im Falle dieses Romans vergeblich. Über zig Seiten wird nach dem Höhepunkt das zuvor aufgebaute und kaum überschaubare Intrigengeflecht aufgedröselt und verschiedenen Verursachern zugeordnet. Aber die Luft ist einfach raus.
Ein Volltreffer ist der Roman auch vor dem zunächst ziemlich rausgerotzten und dann unnötig in die Länge gezogenen Höhepunkt schon nicht. Im Mittelpunkt steht der Telefonterror gegen einen sturen alten Mann, der scheinbar unsäglich darunter leidet, aber irgendwann fragt man sich schon: Warum zieht er nicht einfach den Stecker raus oder lässt sich eine Geheimnummer geben? Der smarte Anwalt des alten Mannes opfert sein eigenes Privatleben und plagt sich ausgerechnet über die Weihnachtsfeiertage mit dessen Übellaunigkeit herum, statt mit seiner eigenen Familie zu feiern. Und die verschollene Enkelin droht zunächst mit einer Unterlassungsverfügung gegen weitere Kontaktaufnahme – um dann plötzlich radikal umzuschwenken und sich sogar in Lebensgefahr zu begeben für eine Familie, die sie zuvor überhaupt nicht kannte und keinesfalls kennenlernen wollte.
Dem Erzähltalent von Minette Walters ist es zu verdanken, dass man angesichts dieses Durcheinanders nicht irgendwann aussteigt. Trotz allem liest man die Geschichte ganz gern bis zum Ende und bereut es danach nicht mal allzu sehr. Fazit: Ein Thriller kann spannend sein, auch wenn er nicht schlüssig aufgebaut und nachvollziehbar begründet ist.

 

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„Der Fall Urbas“ von Josef Rauch:
Dialekt-Rätsel und coole Sprüche (16.1.13)

Wer Detektiv-Figuren liebt, die ihre eigenen Ermittlungen mit trockenem Sarkasmus kommentieren und dabei wie am Fließband coole Sprüche absondern, der ist bei diesem Rundgang durch die schönen und weniger schönen Stadtteile von Fürth genau richtig. Neben dem Geheimnis des Kriminalfalls gibt es für die Leserinnen und Leser immer wieder – auch für Franken aus anderen Landesteilen - nicht gerade einfache, aber mit lustigen Aha-Effekten gespickte Dialekt-Rätsel zu lösen. Insgesamt ist „Der Fall Urbas“ ein kurzweiliger Lokalkrimi mit ebensoviel Spannung wie Gelegenheiten zum Schmunzeln. Intelligente Unterhaltung, sehr zu empfehlen.

 

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„Der Übergang“ von Justin Cronin:
Das Gegenteil von Übergang (9.1.13)

Wenn man es genau nimmt, widerspricht der Inhalt des Romans seinem Titel. Aus der einsetzenden Apokalypse heraus wird man ohne Übergang in eine ferne Zukunft katapultiert, die mit dem, was man zuvor gelesen hat, praktisch nichts mehr zu tun hat. Diesen Bruch fand ich schade, weil mir der erste Teil des Romans wirklich gut gefallen hat. Man lernt einen Figurenkosmos kennen, in dem man gerne verweilt. Aber plötzlich ist es aus damit und geht ganz anders neu los. Eigentlich handelt es sich um zwei Romane im Doppelpack. Gegen beide ist nichts zu sagen. Insgesamt ist die Handlung spannend, gut geschrieben und frei von unnötigen Längen. Vielleicht liegt der Makel für mich darin, dass mir der erste Teil zu gut gefallen hat und dass er eben zu abrupt endet. Kein Übergang also, aber wenn man mit der Erwartungshaltung an den Roman rangeht, zwei gute Geschichten geboten zu bekommen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, kann man die Lektüre durchaus genießen.

 

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„Das Buch der Verdammnis“ von Gunnar Schuberth:
Eine Fundgrube skurriler Einfälle und zündender Gags (2.1.13)

Horror und Humor, geht das? Und ob! In seiner neuen Gruselkomödie „Das Buch der Verdammnis“ lässt Gunnar Schuberth seinen Helden, einen verkrachten Schundromanschreiber, seiner eigenen Serienfigur begegnen. Aber handelt es sich wirklich um den erfundenen Dämonenjäger? Oder doch nicht? Anfangs könnte so manche andere Erklärung für Namensgleichheit und Ähnlichkeit herhalten, aber als auch noch mehr und mehr Horrorfiguren aus dem Romankosmos in die wirkliche Welt eindringen, wird dem Helden wider Willen klar, dass er andere Saiten aufziehen muss. Lesevergnügen pur, unbedingte Empfehlung.

 

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