Manfred Köhler
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Vom Schicksal des Mörders Nikol List
und Schillers Drama „Die Räuber“

Vor 300 Jahren wurde in Hof ein Verbrechen verübt, das indirekt zu einem welt- bekannten Werk beitragen sollte: Das Schicksal des Diebes und Mörders Nikol List, der 1699 hingerichtet wurde, diente Friedrich von Schiller zum Teil als Vorlage für sein Schauspiel „Die Räuber“.

rädern

Nikol List, geboren vermutlich 1656, ging durch den größten Kirchenraub aller Zeiten in die Geschichte ein: 1698 brachen er und seine Kumpane in die Michaeliskirche von Lüneburg ein und stahlen Teile des sagenhaften Schatzes der Goldenen Tafel. Zum Verhängnis wurde den Räubern ein Einbruchdiebstahl im selben Jahr in Hof. Die Verbrecher flüchteten nach Greiz, wurden dort gefasst und zurück nach Hof überstellt, wo man ihnen den Prozess machte. Während ein Mitglied der Bande namens Horn am 16. Oktober 1698 in Hof hingerichtet, ein anderes freigelassen wurde, lieferte man Nikol List nach Celle aus, wo er am 23. Mai 1699 gerädert wurde: Arme und Beine wurden mit acht Schlägen zerschmettert, danach wurde er geköpft, die Leiche wurde verbrannt. Nikol List hatte im Laufe seines Lebens zwei Morde und 40 Diebstähle begangen, darunter neunmal schweren Kirchenraub. Dazu ein Interview mit Dr. Arnd Kluge, Stadtarchivar der Stadt Hof:

Warum wurde List nicht hin Hof hingerichtet, sondern in Celle, und warum hat man sich damit bis zum nächsten Frühjahr Zeit gelassen?

Sicherlich lag wegen des Kirchenraubes der Goldenen Tafel ein Auslieferungsbegehren des Herzogs von Lüneburg vor. Damals war Celle die Hauptstadt des Herzogtums Lüneburg, deshalb fand der Prozess dort statt. Eine Prozessdauer von Oktober bis Mai ist nicht sonderlich lang. Heute dauern Prozesse oft viel länger. Falls List nicht gestanden hat, musste man erst Zeugen befragen, andere polizeiliche Methoden gab es ja nicht. Die Zeugen mussten vielleicht erst aufgefunden werden, denn es gab keine Meldebehörde, und mussten dann anreisen. Wir haben seit dem 16. Jahrhundert in Deutschland einen Rechtsstaat, zumindest ansatzweise, so dass man an Prozessvorschriften gebunden war. Das dauert.

Wurde der Räuber Horn in Hof auch so grausam hingerichtet wie List in Celle?

Ein Einbruchdiebstahl war kein Verbrechen, das als besonders schlimm galt. Daher wurde der Dieb „normal“ bestraft. Für Diebstahl als „feiges“, also heimliches Verbrechen, war die normale Strafe eine entehrende, das Hängen. Die galt als verschärfte Strafe gegenüber dem Köpfen. Das Köpfen war zwar äußerlich blutig, aber für den Getöteten kurz und schmerzlos. Wenn der Henker ordentlich arbeitete, war der Geköpfte sofort tot. Das Hängen hingegen dauerte lange. Man kannte damals noch nicht die heute angewandte Art des Hängens, die sofort tötet, weil die Nackenwirbel brechen – Hängen war damals langsames, qualvolles Ersticken. Manchmal musste der Henker nachhelfen, indem er sich an die Beine des Opfers hängte, damit er endlich keine Luft mehr bekam. Noch grausamer war die Bestrafung von Nikol List, der als Bandenchef zuerst gerädert wurde, das heißt, ihm wurden mit einem großen, hölzernen Rad die Arme und Beine gebrochen, bevor er geköpft wurde. Man konnte ihn nicht hängen, da er nach dem Rädern nicht mehr laufen konnte. Das Verbrennen war ein symbolischer Reinigungsakt wie bei Hexen, die ja auch nach der Hinrichtung verbrannt wurden, weil sie angeblich mit dem Teufel im Bunde standen. Dem liegen alte Rechtsvorstellungen zugrunde, die davon ausgehen, dass die Taten des Getöteten den Zorn Gottes auf die Gesellschaft ziehen. Das Verbrennen war eine Reaktion auf den Kirchenraub, während ein einfacher Mörder normalerweise nicht verbrannt wurde.

Wie kann man sich die Verhandlung in Hof vorstellen?

Über den Prozess gegen Horn ist nichts überliefert. Wir können davon ausgehen, dass er nach dem üblichen Muster vor sich ging, das seit dem 16. Jahrhundert im gesamten Reich angewandt wurde. Im Hausbuch des Hofer Apothekers Walburger, Band 5, hat Dr. Rudolf Müller am Beispiel eines Hexenprozesses beschrieben, wie der „Endliche Rechtstag“ vor sich ging.

Wurden Geständnisse durch Folter erwirkt?

Ob Herr Horn gefoltert wurde, ist unbekannt. Man folterte nicht wie heute, um jemanden zu quälen. Die Folter – eigentlich „peinliche“, das heißt schmerzhafte Befragung – fand nur statt, wenn der Beschuldigte nicht gestand oder auf frischer Tat ertappt wurde. Sollte Horn gestanden haben, ist er nicht gefoltert worden. Da man davon ausgehen musste, dass ein Angeklagter auch unschuldig sein konnte, und keine Herrschaft daran interessiert war, Krüppel zu produzieren, die anschließend vom Staat unterhalten werden mussten, war die Folter oft wesentlich weniger grausam als man oft meint.

Wo und unter welchen Bedingungen waren die Räuber eingesperrt?

Wo Horn in Hof eingesperrt war, ist unbekannt. Manchmal waren Verbrecher im Schloss eingesperrt, manchmal in einem Turm der Stadtbefestigung oder im Rathausgewölbe. Man muss sich diese Gefängnisse als üble Löcher vorstellen, da man normalerweise nicht lange einsaß. Gefängnisse waren immer Untersuchungsgefängnisse, eine Haftstrafe gab es noch nicht.

Wusste man bei der Verhandlung in Hof bereits, dass List den Kircheneinbruch in Lüneburg begangen hatte, oder hat er das in Hof gestanden?

Die Tatsache, dass man List von Greiz nach Hof ausgeliefert hatte, zeigt, dass man offenbar von seinen sonstigen Verbrechen zu diesem Zeitpunkt noch nichts wusste. Da in Lüneburg das weit schlimmere Verbrechen stattgefunden hatte, da gegen eine Kirche gerichtet, wäre er sonst sicherlich gleich dorthin gekommen. Das Lüneburger Verbrechen ist wohl erst später bekannt geworden – ob durch Geständnis des List oder seiner Kumpane oder durch einen offiziellen Auslieferungsantrag Lüneburgs, das wissen wir nicht. Da man in Hof den Henker des Landesherrn nehmen musste und keinen eigenen besaß, war das Verbrechen dem Markgrafen in Bayreuth sehr wohl bekannt, so dass davon auszugehen ist, dass es über die üblichen adligen Kommunikationskanäle auch bald in Lüneburg bekannt wurde. Ob List übrigens ein Räuberhauptmann war, ist unklar. Sowohl das Verbrechen in Lüneburg als auch das in Hof waren Diebstähle, kein Raub. Ein Räuberhauptmann dagegen überfiel zum Beispiel wandernde Händler, Postkutschen oder Gaststätten, wo er mit dem Widerstand der Beraubten rechnen musste. Bei List scheint es sich dagegen um ganz normalen Seriendiebstahl gehandelt zu haben. Im 17. und 18. Jahrhundert waren sowohl Raub als auch Diebstahl weit verbreitet, da die Staaten die Sicherheit noch nicht so gewährleisten konnten und die wirtschaftlich schwierigen Zeiten viele Menschen in Not brachten, die sich dann manchmal dem Verbrechen als Erwerbsquelle zuwandten.

 

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