Manfred Köhler
Romane
Sachbücher
Texte
Lesungen
Kontakt
Links
Ausflugsziele

CHRISTA DEVINE HAT IN IHREM LEBEN SO MANCHEN NEUANFANG GEWAGT
Von der Fabrikleiterin zur Rucksacktouristin

Als die Hoferin Christa Frank 1964 im Alter von 21 Jahren nach Amerika auswanderte, war ihr gar nicht wohl dabei. Sie sprach kein Wort englisch, hatte keinen Führerschein und saß daher mit ihren zwei Töchtern die meiste Zeit in einem kleinen Dorf in Texas. Viel lieber wäre sie damals in ihrer Heimat geblieben, an einem Ort, an den sie hingehört.

Heute, im Alter von fast 60 Jahren, ist Ortsgebundenheit kein erstrebenswertes Ziel mehr für Christa DeVine, geborene Frank. Oft ist sie umgezogen in ihrem Leben, regelrecht herumgezogen ist sie, zuletzt ein Jahr lang durch Südamerika als Rucksacktouristin per Bus und zu Fuß. Englisch spricht sie natürlich längst fließend, ebenso spanisch, denn neben ihrer zweiten Heimat, den USA, gibt es noch eine dritte: Mexiko.

Die Entwicklung von der jungen nachkriegsdeutschen Kleinstädterin, die sich ein beschauliches Leben erträumte, hin zur erfolgreichen amerikanischen Geschäftsfrau und Weltbürgerin wäre ohne die anfangs so schmerzliche Trennung von ihrer Heimat nicht möglich gewesen. Was man aus seinem Leben macht, glaubt Christa DeVine, ist einem nicht in die Wiege gelegt: „Es sind die Erlebnisse und die damit verbundenen Eindrücke, die einen Menschen formen.“

Natürlich spielt das Schicksal auch eine Rolle - die Zeit, in die man hineingeboren wird. Christa DeVines Vater kehrte aus dem Krieg nicht zurück, ihre Mutter musste sie und sich selbst alleine durchbringen. So blieb nach dem Besuch der Schiller-Schule statt des erträumten Wirtschaftsstudiums nur die Lehre zur Verkäuferin in einem Schreibwarenladen.

Im damaligen Hofer Amerika-Haus im Wittelsbacher Park las sie Bücher über Amerika und verspürte dabei ein gewisses Fernweh. Vielleicht war es also nicht nur Zufall, dass sie in Nürnberg, wo sie ab ihrem 18. Lebensjahr bei der Firma Photo-Porst arbeitete, in einer Eisdiele einen amerikanischen GI kennenlernte, heiratete und ihm bald nach Amerika folgte. In der Provinz des US-Bundesstaates Texas, allein mit ihren Töchtern Diana und Melinda, denn ihr Mann musste bald immer öfter beruflich nach Deutschland reisen, wich der Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten bald bitterem Heimweh.

Aber die junge Deutsche blieb und biss sich durch, ertrotzte sich die ersehnte Freiheit in der neuen Heimat, indem sie den Führerschein machte und nun nicht mehr in der Einöde festsaß. Sie las sich aus Büchern die englische Sprache an, fand Freunde, lebte sich ein. Die Töchter wuchsen als Amerikanerinnen auf.

Alles ging gut, bis nach neun Jahren die deutsch-amerikanische Ehe am Ende war. Als alleinerziehende Mutter wollte Christa DeVine nicht in den USA bleiben und kehrte mit ihren Töchtern nach Hof zurück. Hier allerdings fühlten sich die Kinder fremd. Als auch nach zwei Jahren die Probleme an der Schule nicht aufhörten und fast täglich Tränen flossen, entschied sich die Hoferin für die Interessen ihrer Kinder und gegen die eigenen: Sie wagte abermals einen kompletten Neuanfang, diesmal in Barnsville, Ohio.

Christa DeVine belegte Business-Kurse an der dortigen Universität, fing als Näherin in der Firma „Refrigiwear“ an, einem Spezialausrüster für Polarkleidung, und arbeitete sich bis zur Fabrikleiterin hoch. Der amerikanische Traum? Man könnte es meinen, fand doch Christa DeVine auch noch ihr privates Glück und heiratete ihren heutigen Mann. Ihr Posten als „Director of Manufacturing“ entwickelt sich jedoch zum Alptraum. Neben ihren eigentlichen Führungsaufgaben blieben auch Renovierungsarbeiten an ihr hängen, und ständig musste sie durch die Welt jetten – von Atlanta nach New York, von New York nach Portugal, von Portugal nach Mexiko – ein Leben aus dem Koffer, und vier Jahre lang kein einziger Tag Urlaub. Was folgte, ist für deutsche Verhältnisse schwer nachzuvollziehen, in Amerika aber gang und gäbe: Christa DeVine hängte ihre hochbezahlte Stellung an den Nagel.

Sie wollte mehr Zeit für sich und die Familie, wollte zur Ruhe kommen. Aber die Jahre des Herumreisens hatten sie geprägt. Bei ihren beruflichen Aufenthalten in Mexiko hatte sie das Land lieben gelernt. Und so wurde Christa DeVine nach ihrer Kündigung im Jahr 1995 nicht etwa Hausfrau, sondern verkaufte ihr eigenes Haus, lagerte ihren Besitz ein, ließ ihren Mann in dessen Haus zurück und nahm sich ein Jahr Zeit für sich selbst, um Zentral- und Südamerika kennenzulernen: von Mexiko, wo sie einen sechswöchigen Sprachkurs besuchte und an einem Baumpflanzprojekt teilnahm, fuhr sie per Bus durch Guatemala, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Panama bis nach Kolumbien, eines der gefährlichsten Länder der Welt – und dann weiter bis hinunter nach Argentinien.

Zurück in Ohio, gelang ihr der abermalige Neuanfang mühelos: Sie wurde Partnerin in der Steuerberatungskanzlei ihres Mannes und machte als Reiseführerin für Mexiko-Touristen und Spanisch-Lehrerin ihre Erfahrungen in Südamerika zu einem weiteren beruflichen Standbein.

Christa DeVine hat sich weit von dem Leben entfernt, in das sie hineingeboren wurde. Doch ihre Wurzeln hat sie noch immer in Hof, die deutsche Staatsbürgerschaft nie zugunsten der amerikanischen aufgegeben. Wenn sie alle vier Jahre die Heimat besucht, freut sie sich schon wochenlang vorher auf deutsches Brot und Hofer Bratwürste, und ihr Herz lacht, wenn sie vom Flugzeug aus die Tannenwälder und die kleinen Felder sieht.

Heuer war es wieder so weit: Seit Mitte September genießt Christa DeVine ihr Leben in der alten Heimat, trifft alte Freunde, besucht sogar Kurse in Klöppeln und Stricken an der Volkshochschule Hof Stadt. Wenn sie nun in diesem Monat zurück nach Barnsville fliegt, fällt ihr der Abschied leicht und schwer zugleich. Unendlich lang scheinen dann die nächsten vier Jahre, die vergehen müssen, bis sie Hof wieder sieht; aber hier bleiben und auf Dauer leben könnte sie auch nicht, und das nicht nur wegen ihrer Familie, sondern auch, weil ihr dann Mexiko fiel zu weit wäre. Christa DeVine hat es als junge Frau aufgegeben, einen einzigen Ort als Heimat zu haben, aber hat dafür die Welt als Heimat gewonnen.

Weitere Texte

Hauptseite