Manfred Köhler
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Ausflugsziele

ROSEMARIE UND VENANZ MÜLLER ERWANDERN
2.500 KILOMETER LANGE PILGERSTRECKE
Auf dem Jakobsweg
von Hof nach Santiago

An der Hofer Marienkirche erinnert eine Jakobsweg-Gedenktafel daran, dass einer der bedeutendsten Pilgerwege des christlichen Abendlandes vom schlesischen Breslau her kommend durch Hof nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens führt. Rosemarie und Venanz Müller aus Döhlau, Jahrgang 1946 und 1943, sind seit 2001 auf dem Jakobsweg unterwegs – von ihrer Haustür aus die ganze Strecke bis nach Santiago. Wir haben nachgefragt:

2.500 Kilometer zu Fuß, und das über mehrere Jahre verteilt – wie kommt man dazu, sich selbst eine solche Aufgabe zu stellen?

Im Jahr 2000 besuchten wir die Jakobskirche in Nürnberg und kamen dort zum ersten Mal mit dem Jakobsweg in Berührung. Dort lagen Informationen über den ab Nürnberg ausgeschilderten Teil des Weges aus. Da wir schon immer gern gewandert sind und uns für Kirchen interessiert haben, planten wir, den Abschnitt zwischen Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber zu erkunden. Am Neujahrstag 2001 haben wir dann aber den Entschluss gefasst, den Jakobsweg ab Döhlau ganz zu laufen, und zwar in Jahresetappen von 150 bis 200 Kilometer in jeweils etwa acht Tagen. Allerdings gehen wir inzwischen dazu über, längere Etappen einzuplanen, da die Anreise immer aufwändiger wird.

Wie sind die einzelnen Etappen verlaufen, und wo geht es in diesem Jahr weiter?

Die erste Etappe 2001 führte von Döhlau nach Rothenburg, im Jahr darauf ging es weiter bis Ulm, dann bis zum Bodensee, und im vergangenen Jahr erreichten wird den Vierwaldstädter See. Damit haben wir in 34 Tagen etwa ein Drittel der Gesamtstrecke zurückgelegt. Vom Vierwaldstädter See aus wollen wir heuer im September in 19 Tagesetappen weiter bis zum Genfer See.

Was ist Ihre Motivation, den Jakobsweg zurückzulegen?

Die Motivation ist vielfältig: Pilgern auf einem historischen Weg, Menschen, Natur und Kirchen kennenlernen und dabei die sportliche Herausforderung meistern, 2.500 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Je länger wir unterwegs sind, desto mehr sehen wir uns als Pilger. Inzwischen sammeln wir Stempel in Pilgerausweisen, die wir von der Deutschen Jakobusgesellschaft aus Würzburg bekommen haben, und tragen die Jakobsmuschel, das Erkennungszeichen der Pilger, am Rucksack. Allzu viele andere Pilger haben wir bisher allerdings nicht getroffen.

Wie verläuft der Alltag unterwegs?

Nach einem kräftigen Frühstück wandern wir vormittags etwa drei Stunden, kehren dann ein, ruhen aus und laufen nachmittags weitere drei Stunden. Nachdem wir eine Unterkunft gefunden und zu Abend gegessen haben, erkunden wir meist noch die jeweilige Ortschaft und versuchen, mit Einwohnern ins Gespräch zu kommen.

Worüber reden Sie während des Wanderns, was geht Ihnen durch den Kopf?

Wir reden über die Familie und die Freunde zu Hause, aber auch über die Region, die wir durchqueren, und darüber, wie die Menschen da wohl so leben. Es kommt auch vor, dass wir stundenlang schweigend nebeneinander herlaufen. Da schweifen die Gedanken dann auch schon mal zurück in die Kindheit oder zu wichtigen Wendepunkten des Lebens, und man fragt sich, was man richtig oder falsch gemacht und was man möglicherweise versäumt hat.

Was machen Sie bei schlechtem Wetter?

Wenn es nieselt, laufen wir weiter. Bei kurzen Regenschauern stellen wir uns unter, und nur wenn es so richtig schüttet, legen wir auch mal einen Ruhetag ein.

Was war das außergewöhnlichste Erlebnis während Ihrer bisherigen Reise?

Das war unser Aufenthalt im Kloster Einsiedel, der berühmtesten Kirche der Schweiz. Als wir von da aus schon zur nächsten Tagesetappe aufbrechen wollten, bemerkten wir, dass ein großer Festgottesdienst vorbereitet wurde, und es stellte sich heraus, dass an diesem Tag die Weihe der Kirche gefeiert wurde. Wir verschobene unseren Aufbruch und nahmen am Gottesdienst teil. Der Einzug der Mönche und die bewegende Predigt des Erzbischofs von Bamberg, der eigens für diesen Tag angereist war, wird uns immer unvergessen bleiben.

Welche Erkenntnisse hatten Sie während der Reise, und was hat sich dadurch in Ihnen verändert?

Uns ist klar geworden, dass man nur zu Fuß eine Reise wirklich begreift und verarbeitet, weil Schritt-Tempo die Geschwindigkeit ist, für die man als Mensch geschaffen ist. Man wird unterwegs gelassener, genügsamer, organisatorische Fragen spielen kaum noch eine Rolle. Man nimmt das Leben wie es kommt und lernt, mit einfachen Dingen zufrieden zu sein. Selbst das Endziel, die Kathedrale von Santiago, steht nicht mehr so im Vordergrund der Wanderung. Man kann sagen, für uns ist der Weg das Ziel geworden.

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