Manfred Köhler
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DIE GESCHICHTE EINES BOTSCHAFTSFLÜCHTLINGS
Neuanfang mit leeren Händen

Als Gerd Lehmann am 29. September 1989 seine Taschen und Koffer kurzerhand zurückließ, mit leeren Händen hinaufging zur Bundesdeutschen Botschaft in Prag, um sich über den Zaun zu schwingen, da kehrte er nicht einfach nur seinem Staat den Rücken. Gerd Lehmann, damals 28 Jahre alt, trat in dieser Stunde ganz bewusst aus dem Leben aus, das er bis dahin geführt hatte, sagte sich los von der Geborgenheit seiner Familie und seines Freundeskreises, um inmitten fremder Menschen in einem für ihn nur vom Hörensagen bekannten Land unter völlig anderen Bedingungen neu zu beginnen.

War es des Geldes, der Segnungen sozialer Marktwirtschaft wegen? Gerd Lehmann, vor seiner Flucht Gräfenhainicher, DDR-Bürger, Bandanlagenmaschinist von Beruf, will es damals schon gewusst haben: dass man nicht durch bloße Anwesenheit im „Goldenen Westen” zum wohlhabenden Mann wird, dass Überfluss auch Übersättigung zeitigen, dass Freiheit durchaus zu Haltlosigkeit führen kann; dass durch den bloßen Wechsel von Staat zu Staat, von Sozialismus zu Kapitalismus, beileibe nicht jedem Arbeit, Auto, Eigenheim in den Schoß fallen würden. Gerd Lehmann, in seinem neuen Leben Oberkotzauer, Bundesbürger, Versicherungskaufmann von Beruf, hatte ohnehin einen anderen Grund für seine Flucht als den materieller Unzufriedenheit.

Nicht linientreu war er zu DDR-Zeiten, aber auch kein Rebell, kein anschmiegsamer Parteisoldat, doch gewiss auch kein Vorkämpfer der Wende. Gerd Lehmann wollte zwar bestimmt ein Zeichen setzen, als er, damals als Schichtsteiger im Tagebau in leitender Position beschäftigt und folglich SED-Mitglied, bei einer Wahl zum Vorsitzenden der Parteigruppe, auf die Vorgaben des Statuts pochte: dass die Abstimmung nur bei Vollzähligkeit der Wahlgruppe rechtskräftig sei. Mag es auch sein Ziel nicht gewesen sein, mit diesem eher geringfügigen Einspruch die staatstragende Partei in Frage zu stellen, wollte er doch vielmehr, in Einklang mit dem System, die Art und Weise anprangern, wie bestehende Gesetze zurechtgebogen wurden - Gerd Lehmann erging es doch wie so vielen, „die ihren Mund nicht halten konnten”.

Die Wahl, da half Gerd Lehmanns Vorstoß nicht das mindeste, wurde wie geplant mit 20 statt mit 40 Wahlberechtigten durchgezogen - um später mit einer gefälschten Anwesenheitsliste beglaubigt zu werden. Das erst war der Grund für Lehmann, mit der SED zu brechen. Aber auch die Genossen brachen mit Gerd Lehmann. Der studierte Maschinenbauer, als Schichtsteiger im Rang etwa einem Industriemeister gleichgestellt, wurde vom Dienst suspendiert, mit einem Berufsverbot belegt und dazu verdonnert, in einer sogenannten Knastbrigade Hilfsarbeiten zu verrichten. Lehmanns Einkommen fiel von 1.500 auf 700 Mark im Monat.

Mit dem wirtschaftlichen Niedergang und mit dem sozialen Abstieg vom DDR-treuen Vorzeigearbeiter zur politischen Unperson wurde auch Lehmanns private Situation unerträglich. Damals schon von seiner Frau geschieden, war er gezwungen, weiter mit ihr und der vierjährigen Tochter unter einem Dach zu leben. Lehmann klagte gegen das Berufsverbot und erzwang bei einer außergerichtlichen Einigung immerhin den Neuaufstieg zum Bandanlagenmaschinist mit 1.200 Mark monatlich. Ein Ausreiseantrag indes wurde abgeschmettert.

Für Gerd Lehmann war es eine Zeit staatlicher Repressalien und privater Demütigungen, als sich die Wende in der DDR ankündigte. Die Chance, über Ungarn zu entkommen, ließ Lehmann lange an sich vorüberziehen. Erst im September 1989 gelang es guten Freunden, ihn aufzurütteln, ihn davon zu überzeugen, dass er in Gräfenhainichen, dass er in der DDR unter der Knute der SED keine Chance haben würde, jemals wieder auf die Füße zu kommen. Per Motorrad brach Gerd Lehmann am 28. September 1989 in eine Zukunft auf, die zwar ungewiss war, die ihm aber nur Besseres würde bescheren könne, als es in der Heimat zu diesem Zeitpunkt zu erwarten war.

Auch der neue Lebensweg war zunächst gepflastert mit Hindernissen. Strenge Kontrollen erwarteten Gerd Lehmann an der DDR-Grenze zu Böhmen, die Grenze zu Ungarn gar, so wurde er in Prag gewarnt, sei mit Straßensperren abgeriegelt, auf dem Weg dorthin drohe die Verhaftung. Lehmann handelte kurzentschlossen: Er ließ sein Motorrad stehen, fuhr mit dem Taxi in Richtung Bundesdeutsche Botschaft. Doch dort hatte man das Gelände bereits weiträumig für alle gesperrt, die irgendwie nach fluchtbereiten DDR-Bürgern aussahen. Prager Polizei fing das Taxi ab, der junge Deutsche musste aussteigen. Erneut war er gezwungen, sich von Eigentum zu trennen, um den Weg fortsetzen zu können. Gerd Lehmann stellte Taschen und Koffer ab, näherte sich der Botschaft wie ein Spaziergänger und stieg, ab diesem Augenblick gleichermaßen heimatlos wie besitzlos, über den Zaun.

Es erwartete ihn das Chaos: knöcheltiefer Schlamm, nichts zu essen und nichts zu trinken, keine Decken - und nur ein Toilettenwagen für rund 4.000 Flüchtlinge. Dazu völlige Ungewissheit: Werde ich meine Familie je wiedersehen, werde ich, sofern die Flucht gelingt, im Westen Arbeit und Wohnraum finden? Und vor allem: Wie lange werde ich auf dem Gelände der Botschaft ausharren müssen? Auf diese Frage sollte Gerd Lehmann recht rasch eine Antwort bekommen. Nach einer Nacht inmitten der Menschenmassen, ausgestreckt auf einem Stückchen Pappe am morastigen Boden, sollte er an einem Ereignis teilhaben, das, aus heutiger Sicht betrachtet, einem Dammbruch gleichkam.

Dass der Abend des 30. September 1989 eine Entscheidung bringen könnte, das hatte sich bereits am Nachmittag herumgesprochen. Als dann bei Einbruch der Dunkelheit Scheinwerfer aufgebaut wurden, ahnte jedoch keiner der Botschaftsflüchtlinge, was es zu verkünden gab - und vor allem wer es war, der da zu ihnen sprechen würde. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Kaum dass Hans-Dietrich Genscher seine erlösende Nachricht überbracht, kaum dass sich der Jubel gelegt hatte und in der Freude spontan das Deutschlandlied gesungen worden war, begannen bereits die Vorbereitungen für die Ausreise. Gerd Lehmann und die übrigen Noch-DDR-Bürger wurden mit Bussen abgeholt, in Züge verfrachtet - und dorthin zurück genötigt, von wo sie unter Mühen und Gefahren aufgebrochen waren. Denn, so war die Bedingung der SED-Diktatoren, die Ausreise musste über DDR-Territorium führen.

Gelegenheit, noch einmal Abschied zu nehmen vom Mauerstaat: bei einer nächtlichen Fahrt, die alles andere war als ereignislos, die jederzeit, so habe man damals befürchtet, auf einem Abstellgleis hätte enden können. So war die Angst allgegenwärtig. Wie die Stasi: Ihre Mitarbeiter waren im Zug verteilt, sammelten unterwegs die Ausweise ein. Auf dem Plauener Bahnhof nutzten andere Fluchtbereite die letzte Gelegenheit, auf den Zug aufzuspringen. Doch diese Szenen der Torschlusspanik blieben nicht die letzten beherrschenden Eindrücke, die Gerd Lehmann mit in die Bundesrepublik nahm. Es waren die winkenden Menschen am Streckenrand, darunter auch die Besatzung eines Streifenwagens. Beim Anblick der freundlich grüßenden Volkspolizisten habe er bei sich gedacht: Wir haben mit unserer Flucht den Anstoß gegeben, dass es nicht mehr lange so weitergeht mit der DDR-Unmündigkeit.

Mit der eigenen Hilflosigkeit jedenfalls war es vorbei. War Gerd Lehmann nach seiner Ankunft in Hof, der ersten Station im Westen, zunächst nach Neu-Ulm weitergefahren, so kam er am 9. Oktober nach Hof zurück - weil hier seine Aussichten, rasch Arbeit zu finden, weitaus besser waren. Bereits am nächsten Tag trat Lehmann eine Stelle als Kunststoff-Formgeber bei der Oberkotzauer Firma Gealan an. Drei Wochen später verließ er das Übergangswohnheim in Schwarzenbach/Saale, zog zur Miete in ein Zimmer, später in eine kleine Wohnung.

Schon als am 9. November die Mauer fiel, konnte keine Rede mehr davon sein, dass Gerd Lehmann in einem unbekannten Land inmitten fremder Menschen lebte. Rasch hatte er Freundschaften geschlossen, ohne große Schwierigkeiten hatte er sich in seinem neuen Beruf zurechtgefunden. Als Gerd Lehmann über die Weihnachtstage nach Gräfenhainichen fuhr, um seine Familie zu besuchen, kam er als Gast, nicht als Heimkehrer.

Ein Zurück in die alte Heimat ist auch heute nicht denkbar für Gerd Lehmann. In Oberkotzau hat er seine Wohnung, seine neue Arbeit als Versicherungskaufmann, seinen gesamten Bekanntenkreis. In Gräfenhainichen dagegen stünde er ein weiteres Mal vor einem kompletten Neuanfang. Außerdem war eine Rückkehr auch nie geplant: Als Gerd Lehmann Ende September 1989 auf dem Pflaster Prags seine letzte Habe aufgab und über den Zaun kletterte, da war er gezwungen, einen Schlussstrich unter sein vorangegangenes Leben zu ziehen. Dass der Staat, wegen dem er seiner Heimat den Rücken kehrte, bald nicht mehr existierte, spielte dann keine Rolle mehr. Denn mit den Menschen, die ihn im Namen dieses untergegangenen Systems zur Flucht getrieben hatten, würde Gerd Lehmann in Gräfenhainichen auch heute noch täglich aufs neue konfrontiert.

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