Manfred Köhler
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Ausflugsziele

VON DER COPACABANA AUF DEN CORCOVADO
Begegnung mit einem Berg

Auf dem Flug von London nach Rio de Janeiro blättere ich ratlos in meinen Reisemagazinen: Zwei Wochen sind wenig Zeit für einen halben Kontinent. Die vielen lockenden Ziele Brasiliens liegen Tausende von Kilometern voneinander entfernt, für welches soll man sich entscheiden? Ein paar Tage Rio und dann zu den Iguacu-Wasserfällen? Oder in die Hauptstadt Brasilia? Oder einfach ein Auto mieten und Richtung Süden fahren? Kaum an der Copacabana angekommen, ist die Ratlosigkeit plötzlich gegensätzlicher Natur: Ich habe nur die EC-Card dabei, und die wird hier nicht akzeptiert. Damit beschränkt sich meine Reisekasse auf 1.500 Mark in Bargeld und Traveller-Schecks – und meine Auswahl an Abstechern ist gleich Null.

Eine Beschränkung von Wahlmöglichkeiten kann freilich auch befreiend wirken. Ich kremple meine Reiseerwartungen um. Statt hektisch so viele Höhepunkte Brasiliens wie möglich abzuklappern, das ganze Land im Schnelldurchgang, will ich nun Rio kennenlernen, und zwar wohlüberlegt. Zur besonderen Herausforderung wird es, mir die Sehenswürdigkeiten der Zwölf-Millionen-Metropole möglichst kostenlos zu erschließen. Erstes Ziel: das Wahrzeichen Rios, die Christus-Statue auf dem 710 Meter hohen Gipfel des Corcovado – aber nicht mit Taxi oder Zahnradbahn, so wie üblich und recht teuer, sondern von der Copacabana und damit von Meereshöhe aus zu Fuß.

Der erste Anlauf zu diesem kleinen persönlichen Abenteuer endet im Lage-Park: Der Urwaldpfad auf den Corcovado, der hier beginnt, ist stellenweise verschüttet oder überwuchert und daher gesperrt. Ein Fehlschlag ist der Ausflug dieses Tages dennoch nicht. Der Lage-Park liegt am Rand des riesigen, künstlich angelegten Tijuca-Nationalparks, der von natürlich gewachsener Wildnis längst nicht mehr zu unterscheiden ist. In dem umzäunten Areal kann man den Regenwald auf steinernen Pfaden gefahrlos erkunden. Alle paar hundert Meter sorgen Tropfsteinhöhlen, Türmchen, Gänge, Brücken, Tümpel und künstliche Grotten für romantische Überraschungen und verzaubern die Anlage zu einer kleinen Märchenwelt.

Der Lage-Park ist die erste einer ganzen Reihe von Entdeckungen, die ich ohne meine Finanznot wohl nicht gemacht hätte, und von Erlebnissen, die mir Rio von Herzen näher bringen als jede Stadt davor. Bei einem Fußmarsch rund um die Lagune Rodrigo de Freitas fällt mir eine kleine weiß-blaue Kirche auf. Draußen Hektik und Hitze, drinnen Ruhe und lauer Schatten. Ich sitze da eine Weile allein in der vordersten Reihe und will gerade gehen, als ein junger Mann hereinkommt, ohne mich zu bemerken, und das Ave-Maria anstimmt. Er singt laut, mit einer festen klaren Stimme, die das Gotteshaus erfüllt, aber bei aller Inbrunst wie beiläufig, rückt dazu Stühle und sammelt Bibeln ein. Das Ave-Maria, vorgetragen, nicht um zu gefallen, sondern aus innerer Freude heraus und ganz allein für mich – ich habe nie einen bewegenderen Gesang gehört.

Und ich habe nie Sonnenuntergänge und das Herandämmern heißer Nächte intensiver empfunden als am Fuße des Morro de Leme, am Zuckerhut-zugewandten Ende der Copacabana. Hier treffen sich abends die Einheimischen zum Angeln. Hier erklingen am Wochenende live sehr schräge, ohrenbetäubende Samba-Klänge, zu denen spontan und gedankenverloren getanzt wird. Hier kann man, an den einzigartigen grünbewaldeten Hügeln und Bergen orientiert, beobachten, daß die Sonne in Rio tatsächlich senkrecht untergeht. Hier hat man die ganze Copacabana in einer grandiosen blinkenden, leuchtenden und lärmenden Sichel in ihrer nächtlichen Schönheit vor sich. Und hier kann man, während man die Wellen am Strand sich überschlagen hört, die Christus-Statue auf dem Corcovado aus dem Nebel treten und im weißen Scheinwerferlicht gegen den schwarzblauen Himmel erstrahlen sehen.

Dieses Bild in mir, starte ich am nächsten Tag den zweiten Versuch, den Corcovado zu besteigen, diesmal von der anderen Seite her am Rande einer Favela entlang. Ich frage die Frau im Kassenhäuschen der Zahnradbahn-Talstation nach dem Weg – und ob der Aufstieg wirklich so riskant sei, wie man hört. Immer der Zahnradbahn nach, sagt sie – und riskant sei der Fußmarsch allenfalls für Touristen mit Kamera, Schmuck und dickem Geldbeutel. Ich habe nichts bei mir außer der Kleidung am Körper und ein paar Geldstücke und mache mich auf den Weg.

Die ersten paar hundert Meter führen entlang sauberer Wohnhäuser, später säumen Hütten und Bretterverschläge die Zahnradbahn zur Rechten; links der Trasse beginnt schon der Urwald. Fingerdicke Bananen krümmen sich in grünen Stauden der Sonne entgegen, und blaue Schmetterlinge, groß wie Spatzen, tanzen träge über den Schienen. Nach einem Drittel des Wegs entlang der Zahnradbahn kreuzt eine Straße die Geleise – und eine Gruppe Halbwüchsiger verbaut mir den Durchgang. Ich frage sie, wie weit es zum Gipfel sei. Sie überschlagen sich mit Erklärungen und freundlichen Ratschlägen. Der Weg entlang der Schienen sei zu gefährlich, werde ich gewarnt; besser sei es, die Straße zu nehmen, auch wenn sie erheblich länger sei.

Ich folge dem Rat. In weiten Windungen steige ich den Berg hinauf, die Straße ist breit und gut ausgebaut, immer wieder überholen mich Taxis, Kleinbusse, Radfahrer; sogar ein Jogger schnauft wie eine Dampflok an mir vorbei, kommt mir jedoch wenige 100 Meter weiter oben ausgepumpt entgegen. Schon im Wanderschritt sind Hitze und Steigung Belastung genug. Zwei Stunden nach meinem Start an der Talstation der Zahnradbahn erreiche ich ihren Zielbahnhof. Die letzten Treppen noch, dann trete ich unter den ausgestreckten Armen von Christo Redentor hindurch zur vorgelagerten Aussichtsplattform und genieße erschöpft einen Rundumblick über Rio, der mir von Fotos zur Genüge bekannt ist, den ich aber jetzt ganz neu und in seiner Dreidimensionalität und Weite erst richtig begreife. Der Duft des Urwaldes hier oben. Die lauen Winde. Die gleißend helle Statue im Gegenlicht der Sonne. Nebelschwaden und Wolken. So tief unten die Copacabana, die längst nicht mehr irgendein Strand für mich ist, sondern die Heimat, von der aus ich nach hier oben aufgebrochen bin.

Von diesem Nachmittag an ist der Corcovado nicht länger nur ein sehenswerter Berg für mich, die Jesusfigur nicht mehr nur ein grandioses Kunstwerk – die Einheit von Naturschönheit und künstlerisch-bautechnischer Meisterleistung faszinieren mich in einer Art, die ich mir bis heute nicht erklären kann. Es zieht mich noch ein zweites Mal hinauf, ich will den Weg der Zahnradbahn kennenlernen. Wo ich von nun an auch bin in Rio, ich suche diesen Berg, und ich bin immer wieder glücklich, ihn zu entdecken: vom Bus aus; von einem Fenster des Theatro Municipal im Zentrum; und von fast überall an der Copacabana aus, ich kann nicht genug davon kriegen, mich am Strand in den Wellen treiben zu lassen und hinauf zu starren zu dem markanten Felsen mit der weißen Figur. Der Zuckerhut bleibt für mich immer nur einer von vielen Bergen rund um Rio, es reizt mich nicht, mich ihm auch nur zu nähern; der Corcovado wird zu einem Fixpunkt nicht zu erklärender Sehnsucht.

Die Magie dieses Berges wirkt bis heute nach. Wie auch die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen in Rio: die Gastfreundschaft der Familie, die sich im Lage-Park über eine vom Baum gefallene Frucht hergemacht hatte und sie mit mir des Wegs kommenden Fremden ganz selbstverständlich teilte; die Hilfsbereitschaft der alten Frau, die ich nach dem Weg fragte, als ich mich bei einer meiner Bustouren heillos verfahren hatte – die ihre eigenen Pläne verschob, mich an der Hand nahm, über die Straße führte, mit mir in einen Bus einstieg, mich zur Anschlußlinie begleitete und dort in den richtigen Bus zur Copacabana setzte; und die Freigiebigkeit des Busfahrers, der mich am Abreisetag zum Flughafen brachte.

Meine letzten drei Reais kostet die Fahrt. Im Zentrum Rios, im obligatorischen Stau, wuseln Getränkeverkäufer durch die Fahrzeugreihen. Der Busfahrer kauft sich zwei Flaschen Wasser. Ich muß passen: no more money. Da dreht der Mann sich um – und schenkt mir ganz selbstverständlich eine seiner beiden Flaschen. Vergeblich wehre ich ab, bedanke mich dann, beschämt über meinen leeren Geldbeutel. Der Stau löst sich auf, die Fahrt geht weiter, und zwischen den Glasfassaden der Wolkenkratzer erscheinen Streifen von Ferne. Einen Schluck Wasser im Mund, sehe ich für Sekunden ein letztes Mal den Corcovado.

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