Manfred Köhler
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ANKUNFT IN FEUERLAND
Die Traumreise,
die mit einem Alptraum endete

Eigentlich hatte ich ja erwartet, dass ich den abenteuerlichsten Teil meiner letzten großen Reise von Alaska nach Feuerland schon hinter mir hätte: Immerhin wären meine Frau Renate und ich in den USA fast von einem Baum erschlagen worden, und die höllischen Schlammpisten in den Regenwäldern Südamerikas verlangten mir einfach alles ab. Doch die dritte Etappe der Tour von Lima bis hinunter nach Ushuaia in Feuerland sollte es noch einmal so richtig in sich haben...

Die erste Aufregung gibt es gleich nach der Ankunft in Lima: Mein Cousin Dieter, der mich die ersten drei Wochen begleitet, wird auf offener Straße überfallen. Ein starkes Uhrenarmband und Dieters Standfestigkeit machen dem Dieb zwar einen Strich durch die Rechnung. Allerdings trägt mein Cousin bei dem rabiaten Angriff eine Schramme am Handgelenk davon.

Dem ersten Schrecken soll bald ein weiterer, viel größerer folgen. Mit meiner Frau Renate, meiner Weggefährtin auf dem nächsten Streckenabschnitt, mache ich mich an die Überquerung der Anden. Schon nach der ersten Nacht starren wir auf schneebedeckte Berge. Doch es gibt kein Zurück. Auf 3.800 Metern Höhe geraten wir in eine Wolkenwand aus Hagel, Schnee und eisigen Winden. Renate zeigt erste Anzeichen von Sauerstoff-Unterversorgung. Schmerzen in den Muskeln und Atemnot bringen sie an den Rand der Verzweiflung, und ich bekomme Angst um ihre Gesundheit. Mit einem Seil hänge ich ihr Bike an meines, und mühsam kurble ich die zwei Räder bergauf. Etwas höher setzt Schneetreiben ein, und immer weiter führt unser Weg bergauf. Mit letzter Kraft kämpfen wir uns weiter hoch.

Oben angekommen, erblicke ich eine Hütte, in der wir Unterschlupf finden. Ich umhülle Renate mit ihrem Schlafsack und rede ihr Mut zu. Sie hat einen viel zu hohen Pulsschlag, Atemnot und ist völlig unterkühlt. Bei Minusgraden verbringen wir die Nacht auf dem Boden der Hütte. Am nächsten Morgen mache ich mich auf die Suche nach einer Möglichkeit, meine kranke Frau und unsere Ausrüstung so schnell wie möglich nach Cuzco zu bringen. Der Fahrer eines qualmenden und stinkenden Hühnertransporters erbarmt sich, wir dürfen unsere Sachen aufladen und mitfahren. Nach einer Nacht in einer warmen, trockenen Unterkunft in Cuzco ist Renate auf dem Weg der Besserung.

Bis in den kleinen Ort Juli in Peru geht alles glatt – dort erfolgt ein weiterer Überfall. Ein Mann springt aus einer Seitenstraße und will mir meine Vorderradtaschen vom Bike reißen. Ich verpasse ihm eine kräftige Ohrfeige, und er verliert dadurch zwar seinen Hut, aber greift mich trotzdem weiter an. Ich schreie ihn an so laut ich kann, und erst das bringt ihn zur Besinnung. Murrend und knurrend dreht er sich um, hebt seinen Hut auf und macht sich davon.

Ärgernissen wie diesem stehen Erlebnisse gegenüber, die uns unvergessen bleiben werden, weil sie so überraschend positiv und erfreulich sind. In Iquique an der chilenisch-pazifischen Küste kommen wir trotz endloser Steigungen früher an als erwartet, weil uns Hilfe zuteil wird, mit der wir nie gerechnet hätten. Am Abend nämlich hält ein Pickup neben unserem Zelt. Juan de Alvarez, der Fahrer des Wagens, hatte uns am Nachmittag gegen die Steigungen ankämpfen sehen und beschlossen, mit einem größeren Auto zurückzukehren, um uns zu helfen. Verblüfft über so viel Hilfsbereitschaft, nehmen wir das Angebot an und verfrachteten unsere Ausrüstung auf den Pickup. Gegen 23 Uhr erreichen wir Iquique, wo Juan eine Dieselmotoren-Werkstatt mit 18 Mitarbeitern betreibt. Warum er keine Kosten noch Mühen gescheut hat, uns unaufgefordert abzuholen und bei sich einzuquartieren? Er hatte einfach Freude daran, uns ein bisschen über sein Leben und seine Familie zu erzählen.

Renate durchquert noch mit mir die Atacama-Wüste, danach muss sie zurück nach Hause, und ich bin wieder allein unterwegs. Anfangs geht alles reibungslos: Die Panamericana südlich von Santiago, ein perfekt ausgebauter Motorway, ist die ideale Strecke, um Kilometer zu machen. Zwischen Santiago und Los Angeles geht es relativ flach dahin, dann folgen einige Hügel. Störend ist nur der Gegenwind, der mir von früh bis spät um die Ohren pfeift.

Doch das soll nur ein Vorgeschmack sein. In der Gegend von Villarrica herrschen zwar noch mal 36 Grad Hitze, ich muss jeden Tag mindestens fünf Liter Wasser trinken, um nicht auszutrocknen – danach aber beginnt für mich schlagartig der Winter. Auf der Carretera Austral, einem echten Knochenrüttler, sind die Nächte bereits eiskalt. In der Gegend des Moreno Gletschers packt mich der Sturm mit Geschwindigkeiten von bis zu 55 Kilometer pro Stunde, und so entschließe ich mich spontan, nicht nach Chile und damit gegen den Wind zu fahren, sondern nach Esperanza Las Horquettas und Rio Gallegos. 13 Stunden lang lasse ich mich vom Wind treiben, teilweise muss ich sogar bremsen, weil ich einfach zu schnell werde.

Aber natürlich kann ich nicht immer den Wind entscheiden lassen, wohin mein Weg mich führt. Und so kommt es, dass ich einmal leicht 140 Kilometer am Tag zurücklege, weil mich der Wind vor sich hertreibt, am nächsten Tag aber nur 60 Kilometer bei gleichem Zeitaufwand schaffe, weil der Wind aus der falschen Richtung kommt. Manchmal müsste ich mich mit einem Strick am Sattel festbinden, damit mir der Sturm das Bike nicht unterm Hintern wegfegt. Tagelang radle ich durch alle möglichen und unmöglichen Wettersituationen und empfinde die Natur hier in den südlichen Teilen Südamerikas wie ein einziges Rätsel. Die Temperatur geht manchmal auf minus sechs Grad herunter, dazu bläst ein eisiger Wind mit einem Höllentempo, und es bleibt mir nichts anderes übrig als mich bibbernd hinter einer Hütte oder einer Wand zu verkriechen. Unvermittelt kommt die Sonne hervor, der Wind hört auf, und ich fange an zu schwitzen. Das Wetter ändert sich derart rasch, dass ich mich ständig umziehen müsste. Trotz guter Ausrüstung macht mir dieses Durcheinander ziemlich zu schaffen.

Auf den allerletzten Kilometern wird es noch einmal ganz schlimm, und kurz vor Ushuaia stürmt es derart, dass ich absteigen und schieben muss. Bei Einbruch der Dunkelheit komme ich an. Ich weiß nicht, wie oft ich während meiner Reise an diese Stadt gedacht habe – jetzt bin ich mittendrin. Ich lehne das Bike vor einem Restaurant in der Nähe des Hafens an eine Mauer und gehe hinein, um eine Kleinigkeit zu essen. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie ein Windstoß das Bike erfasst und es umwirft. Fast kommt es mir so vor, als wolle der Wind sagen: Genug ist genug!

Ich selbst sehe es ähnlich. Die Tage bis zu meiner Rückkehr nach Europa will ich die Reise noch einmal vor meinem inneren Auge ablaufen lassen und die Erlebnisse einordnen. Ich habe mir einen Traum erfüllt und unendlich viel dazugelernt. Unvergesslich schön bleiben die Erlebnisse und die Bilder im Kopf in Kanada und Nordamerika, Alaska und die herrliche Natur in diesen Gebieten der Erde. Die ersten Erlebnisse mit Bären. Die Küstenstraße in den USA von Washington State nach Kalifornien. Der Redwood National Park mit den herrlichen Bäumen. Mount St.Helens National Park. Monument Valley, Death Valley, Grand Canyon. Die Rockies und die Küstengebiete im Süden der USA und in Florida. Die tollen Menschen, die ich mit und ohne Bike unterwegs getroffen habe. Die Dschungelgebiete in Brasilien und La Gran Sabana in Venezuela, die Llanos mit den vielen Vogelarten in Venezuela. Der Stierkampf in Merida. Die Anden und Machu Picchu. Cusco in Peru und die absolut chaotische Stadt Lima in Peru. Die herrlichen Küstengebiete in Chile, die Fahrt durch die Atacama und auf der Carretera Austral, der Perito Moreno Gletscher in Argentinien, Torres del Paine und die Bootsfahrt im Beagle Kanal in Patagonien...

Mit Gedanken an diese Bilder und Erlebnisse schließe ich die Reise innerlich ab – viel kann ja jetzt nicht mehr passieren. Doch damit soll ich mich gründlich irren...

Der letzte Tag meiner letzten großen Reise endet mit einem Alptraum: Auf dem Flughafen von Asuncion in Paraguay werde ich in Untersuchungshaft genommen. Ich habe bereits eingecheckt für den Flug nach Santiago, da kommen plötzlich zwei Polizisten auf mich zu und fordern mich auf, sie in die Abteilung für Drogenfahndung zu begleiten, da in meinem Gepäck ein verdächtiges Objekt gefunden worden sei und die Drogenhunde angeschlagen hätten. Ich werde in ein Zimmer gebracht und von acht Polizisten in die Mangel genommen. Zuerst denke ich, dass man mir im Hotel etwas ins Gepäck gesteckt hätte oder dass in dem Taxi, in dem ich zum Flughafen gefahren bin, vorher Drogen transportiert worden sein könnten und etwas von dem Geruch an meinem Gepäck hängen geblieben sein könnte. Mit Hilfe eines Dolmetschers werde ich intensiv verhört. Zum Glück stellt sich nach einer halben Stunde heraus, dass es sich um falschen Alarm handelt. Der Chef der Truppe entschuldigt sich bei mir und meint locker, auch Hunde machten eben manchmal Fehler...

Inzwischen blicke ich auch auf diesen größten aller Schrecken der Reise als Erlebnis zurück, das ich nicht missen möchte. In den zwei Jahren, die ich unterwegs war, hat sich vieles verändert, doch eines ist geblieben: meine unbändige Lust darauf, Neues zu erleben. Das gilt auch für meine bevorstehende Vortragstournee durch Europa – und meine Auswanderung nach Australien im nächsten Jahr. Mein altes Leben als weltreisender Biker und Abenteurer ist gerade zu Ende gegangen, aber mein neues Leben in Australien hat noch nicht begonnen. Ich genieße diese Zeit des Übergangs und Neuanfangs.

 

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