Manfred Köhler
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DIE ZWEITE ETAPPE:
Höllische Schlammpisten und
unbeschreibliche Einsamkeit

Nach wer weiß wie langer Zeit sind meine Frau Renate und ich erstmals wieder gemeinsam mit vollbepackten Bikes unterwegs - und geraten auf einer eigentlich harmlosen Strecke noch in der ersten Woche in Lebensgefahr.

Von San Francisco aus waren wir auf der zweiten Etappe meiner Tour von Alaska nach Feuerland zum Yosemite National Park gefahren, wo gerade alle Geschäfte, Campingplätze und Versorgungsquellen für den Winter dicht gemacht wurden. Das konnte uns jedoch nicht hindern, im Park zu übernachten. Auf einem Stück ebenem Boden etwas abseits der Straße bauen wir unser Zelt auf. Gegen zwei Uhr nachts rauscht und kracht es, und die Erde erzittert, als ein riesiger Baum nur einige Meter von unserem Zelt entfernt zu Boden kracht.

Neben spannenden Erlebnissen wie diesem sind es vor allem die grandiosen nordamerikanischen Landschaften, die mir unvergessen bleiben werden. Bizarre Formen, leuchtende Farben und unbeschreibliche Einsamkeit, das sind unsere Eindrücke im Death Valley im Osten Kaliforniens. Auf anscheinend nie endenden Straßen kurbeln wir unsere vollbeladenen Bikes hoch zu den kahlen Felsformationen. In einem Indianerreservat feiern wir unseren fünften Hochzeitstag, dann sind die drei Wochen mit Renate auch schon wieder zu Ende.

Bevor der Winter über die Rockys hereinbricht, zieht es mich in Richtung Süden. Doch das schlechte Wetter holt mich ein: erst Regen, dann Schnee, Eis, Glätte - und dazu ein derartiger Wind, dass es mich bei jedem Truck, der mich überholt, fast in den Graben drückt. Erst in Texas gelingt es mir, die kalten Wintertage im Norden zurückzulassen. Über New Orleans geht meine Reise weiter entlang der Küste nach Florida. Das Weihnachtsfest verbringe ich bei sommerlichen Temperaturen am Strand.

In Südamerika wird es so richtig heiß, und das nicht allein wegen der Temperaturen: In Caracas sind Überfälle am hellichten Tag auf der Straße, aber auch im Hotel und in Geschäften an der Tagesordnung. Man merkt den Unterschied zur relativen Sicherheit in den USA schon an den Gegenmaßnahmen: Bewaffnete Sicherheitsbeamte patrouillieren hier überall vor den Geschäften, und Polizisten sind in den Fußgängerzonen allgegenwärtig.

So bald wie möglich verlasse ich daher Caracas in Richtung Valencia. Die ersten Kilometer, die ich zurücklege, sind wunderschön dank der Kaffeeplantagen, Palmenhaine und der kleinen Dörfer entlang der Strecke. Biken in Südamerika ist abenteuerlich und auf vielerlei Weise grundlegend anders als in den USA. Hier donnern die Leute nicht abgeschirmt hinter schwarzen Scheiben an mir vorbei und hupen mich an - man hat das Gefühl, unter Menschen zu sein. Egal, ob aus Bussen, Lkw oder Taxis, die Verkehrsteilnehmer winken mir freundlich zu. Ein Motorradfahrer hält mich sogar an, um mir alles Gute wünschen.

Die Anden bieten mir ganz schöne Herausforderungen. Mit Ausnahme kleiner Abfahrten geht es hinauf auf 3.600 Meter Passhöhe nur bergauf - und dann bis zu 50 Kilometer lang bergab. Nicht weniger hart sind die Dschungel-Pisten. Die Straße von der brasilianischen Grenze nach Riberalta zum Beispiel ist etwas ganz Spezielles. Wer sich, wie ich, den Spaß machen möchte, diese Strecke an einem tropischen Regentag zu bewältigen, der braucht Ausdauer, Mut und vor allem gute Reifen, denn was sich auf diesen knappen 100 Kilometern abspielt ist der wahre Wahnsinn. Streckenweise ist die Straße so glatt, dass ich nur schieben kann, und sie ist zerfurcht von Löchern und Gräben. Auf der gesamten Strecke kommen mir ständig Motorräder und Autos entgegen, die schlittern und quer fahren, aber volle Pulle Gas geben, um nicht im Schlamm hängen zu bleiben. Zweimal muss ich mich mit einem Satz in den Graben retten. Vier Autos und ein Lkw sind ihrerseits dort gelandet. Ein Auto ist sogar umgekippt, zwei haben Achsenbrüche.

Nach Streckenabschnitten wie diesen genieße ich es, die Höhepunkte Südamerikas kennenzulernen wie ein ganz normaler Tourist, nämlich in aller Ruhe zu Fuß oder auch mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In Cusco / Peru zum Beispiel gönne ich mir ein paar Rasttage und besichtige unter anderem das Inka-Museum und die Kirchen. Dann geht es per Zug zu den Ruinen von Machu Picchu. Was ich da sehe, erlebe und denke, wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Ich durchwandere die Ruinen und komme aus dem Staunen über diese bautechnische Meisterleistung nicht mehr heraus. Für mich ist dieser Ausflug der Höhepunkt der gesamten bisherigen Tour, deren zweite Etappe nun zu Ende geht: Von Lima aus geht es zurück nach Europa, wo ich bei einigen Messen präsent sein muss. Schon jetzt freue ich mich auf die dritte Etappe von Lima zur Südspitze Feuerlands...

 

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