Manfred Köhler
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Ausflugsziele

BEGINN EINER LANGEN REISE
Der Biker als Zielscheibe

Die 30.000 Kilometer lange Fahrradtour von Alaska nach Feuerland beginnt mit zwei Pannen.

Beim Abflug vom La Guardia Flughafen in New York Richtung Anchorage wird die Maschine, in der ich sitze, von einem anderen Flugzeug gerammt und trägt eine beachtliche Beule davon. Also wird ein anderes Flugzeug zu einem anderen Gate gebracht, und mit dreistündiger Verspätung geht es endlich los. In Anchorage angekommen, fehlt mein Bike. Diese zweite Panne kommt mir gar nicht so ungelegen: Ich nutze die Gelegenheit, um Schlaf nachzuholen, ein bisschen in Anchorage herumzuschauen und meine Sachen für die Reise nach Fairbanks auf die Reihe zu bekommen. Erst jetzt schleicht sich das große Reisefieber ein.

Mit einem Haushalt in Form von sechs wasserdichten Vaude-Taschen, meiner mobilen Küche und einem Zelt im Anhänger fahre ich los. Die erste Etappe führt mich in das fantastische Gebirge des Denali Parks. Von dort drehe ich Richtung Süden und radle den Alaska Highway hinunter. Immer wieder überwältigen mich Landschaften und Natureindrücke: Die Bergwelt des Denali - auch Mount McKinley genannt - und meine erste Begegnung mit Bären in der Wildnis von Alaska, das sind Augenblicke, die ich nie vergesse! Auch die Menschen und ihre Behausungen beeindrucken: So habe ich mir Alaska nicht vorgestellt. Ich verbringe alle Nächte im Freien, was in der unberührten Wildnis ganz schön aufregend ist. Einmal stolperte ein Elch fast durch mein Zelt. Um diese Jahreszeit wird es hier nie richtig dunkel, und so bin ich oft nach 23 Uhr noch unterwegs, bis ich irgendwann einfach keine Kraft mehr habe.

Nach den ersten Tagen hat sich mein Körper wieder auf das Tourenfahren eingestellt. Es gibt neue Dinge zu beachten und Handgriffe zu erledigen, die ich während des Winters und der Vorbereitungszeit nicht gebraucht hatte. Ich erlebe mich selbst wieder von einer anderen Seite, einer Seite, die ich gut kenne und sehr schätze: Mit vollbepackter Ausrüstung, mit zerzausten Haaren und vom Wind getrieben, mache ich mich auf, die Natur zu entdecken. Mit einem Gesamtgewicht von 130 Kilo kurble ich den Alaska Highway herunter. Ungewohnte Gedanken schwirren mir durch den Kopf, zum Beispiel: Was tun, wenn ein Bär aus den Büschen springt? Langsam wird mir bewusst: Ich bin wieder auf Tour.

Eine Traumreise

Oh, wie schön war das Wetter in Alaska im Vergleich zu Kanada. Von Prince Rupert an regnet es jeden Tag, es ist kalt, und obendrein habe ich ständig Gegenwind. Abgesehen vom Wetter fallen mir auch andere Unterschiede zu Alaska auf. Ich bin jetzt so weit südlich, dass es nicht die ganze Nacht hell bleibt, sondern ab 23 Uhr für ein paar Stunden richtig dunkel wird. Die Leute in Kanada sind viel lockerer drauf. Die Besiedlungsdichte nimmt zu, das heißt, die Dörfer und Kleinstädte entlang der Straße sind nicht mehr so weit auseinander.

Trotz Regen, Wind und Steigungen – auch jenseits von Alaska erlebe ich eine Traumreise. Ich durchquere Kanada entlang der Westküste, erreiche Vancouver und Victoria. Von hier geht es zügig weiter durch Washington State, Oregon und Kalifornien. Diese Küstengebiete und die herrlichen Straßen in den USA wegen in mir schiere Glücksgefühle: Ich bewege mich auf dem besten Tourenrad mit der tollsten Ausrüstung entlang wunderschöner National Parks und reizvoller Landschaften – das lässt mich die nicht so schönen Seiten meiner Tour bald vergessen. All die kleinen negativen Dinge erscheinen mir unwichtig, wenn ich unterwegs bin. Manche Menschen würden auf vieles verzichten, um wenigstens an einem Tag die Möglichkeit zu haben, so frei die Natur zu erleben wie ich das monatelang darf...

Begegnungen

Seit meiner Abfahrt in Anchorage habe ich Biker aus Deutschland, England, Japan und natürlich den USA getroffen. Darunter waren auch Sylvia und Gabe, die ich in Alaska kennen gelernt hatte und Tausende Kilometer weiter südlich wieder traf. Ihre Tour führte sie auf dem Tandem durch Alaska, mit dem Boot auf dem Yukon hinunter, und jetzt waren sie mit dem Auto wieder auf dem Weg zurück nach Colorado. In Alaska hatten wir nur eine Nacht unter dem gleichen Dach verbracht, und ich war überrascht, dass mich die beiden jetzt wieder erkannten und sogar stehen blieben, um mich zu begrüßen.

Mit meiner Ankunft in San Francisco habe ich die ersten 6.000 Kilometer meiner Megatour zurückgelegt. Es war für mich sehr beeindruckend und nach allem, was ich erlebt habe, kann ich nur raten: Leute, rafft euch auf und lebt eure Träume, das Leben ist kurz! Schaltet den Fernseher aus und zieht hinaus, um die Welt zu sehen. Sie ist immer noch die schönste Spielwiese und der tollste Freizeitpark!

PS. Heute weiß ich: Die Mücken in Alaska sind viel lästiger und gefährlicher als die Bären!

Im Wilden Westen

Braungebrannt und vom Wind zerzaust sind meine Frau Renate und ich nach 1.900 Kilometern von San Francisco nach Moab, dem Ziel unserer gemeinsamen Reise, angekommen. Wir sind 3.000 Meter hohe Pässe gefahren und durch die trockensten Gebiete der USA geradelt, haben einmalig schönen Gegenden durchquert und einen immer noch Wilden Westen erlebt. Es hat uns beiden gut getan, endlich mal wieder gemeinsam draußen im Zelt zu schlafen, im frischen Morgenwind aufzubrechen und jeden Tag etwas Neues kennen zu lernen. Renate fliegt nun wieder zurück in Südtirol, und ich verbringe noch einige Tage in Boulder. Ich genieße den Spätherbst und die wärmenden Sonnenstrahlen. Gleichzeitig weiß ich, dass die kalten Tage früher oder später auf mich zukommen und mir der Winter sehr bald um die Ohren pfeift.

Wilde Geschichten über die Autofahrer in den Südstaaten habe ich schon viele gehört, aber ich glaube es erst, seit ich selbst von einem Autofahrer mit einem fußballgroßen Eisklumpen beworfen wurde. Ich hatte Glück, dass der betrunkene Cowboy sich kaum zwischen Eis, Auto und Bike orientieren konnte und den Eisbrocken in den Acker schleuderte, ohne mich zu treffen. Der Vorfall erinnerte mich an einen Biker, den ich in Alaska getroffen hatte. Er hatte mir seine Schusswunde gezeigt, die er in Texas von einem vorbeifahrenden Autofahrer verpasst bekommen hatte. Nach den vielen Kilometern und den verrückten Erlebnissen auf den Straßen wird mir bewusst, dass die Radtour durch Amerika auch tragisch enden könnte.

Buntes Treiben in New Orleans

New Orleans hat Charme und ist reich an Geschichte und Geschichten. Ich wohne etwas außerhalb vom Zentrum in einem kleinen Motel und fahre an den zwei Tagen meines Aufenthaltes mit dem Bus ins Stadtzentrum. Jedes mal bin ich der einzige Weiße, denn in den öffentlichen Verkehrsmitteln dieser Stadt fahren nur Schwarze. Diese Busfahrten unter lauter Farbigen sind für mich immer tolle Erlebnisse, denn da wird erzählt, gelacht und manchmal auch lauthals geschimpft – ganz anders als in einem Bus mit lauter weißen Amerikanern, die meist schweigen und zum Fenster hinaus starren.

Weil ich zu Fuß unterwegs bin, erlebe ich das bunte Treiben in New Orleans hautnah. Ich beobachte die Leute und höre beschwingten Jazz in den Kneipen und auf den Straßen. Gaukler und Überlebenskünstler aus Jamaica, Australien und vielen anderen Ländern führen ihre Kunststücke auf den Straßen vor. Maler, Musiker und Geschichtenerzähler drängeln sich um die besten Plätze. New Orleans, die Stadt am breiten Mississippi, vereint alles was man sich vorstellt, aber sie hat auch eine traurige Seite: In all dem Trubel vergisst man schnell, dass die Stadt durch den Sklavenhandel bekannt wurde.

Mit dieser Erkenntnis fahre ich weiter nach Florida. Disney World und das Kennedy Space Center sind die nächsten Stopps, dann geht es weiter nach Miami, wo meine Tour von Alaska durch Kanada und die USA zum Ende geht.

Vergitterte Geschäfte

Während ich diese Zeilen schreibe, fallen draußen Schüsse, und Autos mit Blaulicht und Sirenen rasen an meinem Fenster vorbei. Ich bin mitten in Caracas, und die stinkenden, dunklen Abgaswolken der Busse, der Stadtlärm und der Müll sind die Bilder, die durch meinem Kopf gehen. Vergitterte Geschäfte, knietiefe Schlaglöcher, Wandergeschäfte aus Kisten und Behältern, bunte Lotteriegeschäfte, Restaurants mit hirnbetäubend lauter Musik – dies waren meine ersten Eindrücke der venezolanischen Großstadt.

Als ich gestern hier angekommen war und meine Ausrüstung in einem Hotel im Stadtzentrum untergebracht hatte, wollte ich so schnell wie möglich in das Gewimmel und Gewusel der Menschen hier eintauchen. Ich wollte ein Teil des Geschehens werden, um mich möglichst rasch anzupassen. Nach sechs Monaten USA war mein inneres Bedürfnis, mit und unter Menschen zu sein, sehr groß. Als ich die ersten langen Menschenschlangen vor den Bushaltestellen sah, wurde mir der Unterschied bewusst. In Nordamerika beherrschen die Autos die Straßen, hier sind es die Menschen. Natürlich hat das organisierte Chaos in Südamerika auch seine Nachteile. Schon im Flugzeug, dann im Flughafengebäude, im Taxi, im Hotel und im ersten Restaurant, das ich besuchte, wurde ich auf die Gefahren in Caracas aufmerksam gemacht. Überfälle am hellichten Tag auf der Straße, aber auch im Hotel und in Geschäften sind anscheinend an der Tagesordnung. Man merkt den Unterschied zur relativen Sicherheit in den USA schon an den Gegenmaßnahmen: Bewaffnete Sicherheitsbeamte patrouillieren hier überall vor den Geschäften, und Polizisten sind in den Fußgängerzonen allgegenwärtig. An persönlichem Komfort allerdings muss ich keine Abstriche machen, ich bekomme alles was ich brauche: Unterkunft im Hotel, Essen in einem Restaurant, Geld aus dem Automaten, ein Telefongespräch mit meiner Frau, und sogar der Anschluss zum Internet klappte auf Anhieb.

Ohne Spanisch-Kenntnisse verloren

Von Caracas aus mache ich mich auf den Weg nach Maracay und Barinas und kurbele hoch hinauf zum Pico Aquilla, den ersten Viertausender für mich in den Anden. Vom höchsten Punkt in Venezuelas Straßennetz geht es dann 100 Kilometer lang talabwärts durch wunderschöne Andendörfer bis nach Merida. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ja schon gute 12.000 Kilometer von Anchorage bis hierher zurückgelegt und die schweren Etappen in den Anden sind ein absoluter Höhepunkt. Schnell merke ich, dass ich ohne Spanisch-Kenntnisse verloren bin. Nach einem zweiwöchigen Spanischkurs in Merida strample ich weiter durch die Llanos hinüber in die Lost World der Gran Sabana. Bei den Angel Falls herrscht Wassernot. Ein Flug dorthin rentiert sich wohl kaum. Also fahre ich weiter nach Brasilien.

Glück gehabt

Auf dem Weg von der venezolanischen Grenze nach Boa Vista wird mir von täglichen Überfällen auf den Straßen erzählt. Nachdem ich die Grenze passiert habe und bereits 70 Kilometer unterwegs bin, kommt mir ein Auto entgegen und rast an mir vorbei, wendet abrupt, kommt zurück und bremst unmittelbar vor mir. Zwei Kerle steigen aus dem Auto, beide mit Knarren am Gürtel, und kommen auf mich zu. „Policia Federal. Wir kontrollieren den Highway“, sagen sie. „Bier oder eiskalte Coca Cola, was hätten Sie lieber?“ Im Moment ist mir weder Bier noch Cola zumute, aber dennoch entscheide ich mich für die Cola. Noch mal Glück gehabt!

Enormer Wasserbedarf

Meine Reise durch Brasilien führt mich weiter nach Manaus, Humaita und Porto Velho. Die Hitze und die tropischen Regengüsse haben mir arg zu schaffen gemacht, aber ich vermute, dass die harten Strecken durch die Tropen noch vor mir liegen, denn es geht jetzt Richtung Äquator. Mein täglicher Wasserbedarf ist enorm, er liegt zwischen fünf und sieben Liter. Zum Glück ist Trinkwasser in Form von Regen- oder Brunnenwasser hier relativ unproblematisch zu bekommen, die Leute in den kleinen Ortschaften haben mir immer ausgeholfen. Um mich abzukühlen und zu waschen, springe ich einfach in einen der vielen kleinen Flüsse. Viele Einheimischen tragen hier entweder ein Buschmesser oder eine Knarre mit sich herum. Die Mücken sind lästig, die Ameisen zwicken, die Vögel kreischen, und die Schlangen haben bis jetzt immer Platz gemacht.

Halbzeit

Nach sechs Wochen erreiche ich ein kleines, aber freundliches Dorf am Mamoré Fluss, Guajara-Mirim, gelegen an der Grenze zu Bolivien. Ich bin ein wenig traurig, denn meine Reisezeit zwischen Alaska und hier ist unglaublich schnell vergangen. Es ist zeitlich sowie auch kilometermäßig „Halbzeit“. Erlebt und gesehen habe ich während der ersten drei Monate in Südamerika sehr viel. Stark beeindruckt hat mich vor allem diese grenzenlose Freundlichkeit vieler Menschen, denen ich begegnet bin. Dagegen weniger beeindruckt haben mich die widrigen Straßenverhältnisse. Regen und Schlamm haben die Fahrt in den letzten Tagen nicht gerade leicht gemacht. Von oben bis unten verschmutzt, komme ich in Riberalta (Bolivien) an und finde dennoch sofort ein Zimmer. In Europa wohl undenkbar. Aber hier zählen zuerst die menschlichen Bedürfnisse und dann das Geld. Ich hoffe, dass das auch weiterhin so bleibt.

 

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