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ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES BILDBANDES
 „HIGHWAY 50 - DIE LÄNGSTE STRAßE DER USA”
Einmal durch ganz Amerika

Schreiend reißt der Gesetzlose an den Handschellen, flucht und spuckt, tritt um sich. Eine Gerichtsverhandlung verlangt er - vergeblich: Mit brutalen Stößen treibt der Sheriff den tobenden Gefangenen die Stiegen hoch zum Galgen, zurrt ihm den Strick um den Hals und lyncht ihn. weiter...

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UNTERWEGS AUF DER ROUTE 50
Stempel sammeln
in der Mitte des Nirgendwo

Der transkontinentale Highway 50 gehört zu den vielfältigsten Reiserouten Amerikas. Auf seinen 3.073 Meilen vom Ostküstenbadeort Ocean City, Maryland, nach San Francisco, Kalifornien, durchquert er einige der überwältigendsten Landschaften und sehenswertesten Städte der USA. Einen besonderen Reiz hat der Highway 50 in Nevada: Hier gilt er als die einsamste Straße Amerikas.

„Dank Ihrer Tapferkeit und Ihres ausgeprägten Orientierungssinns haben Sie einen der letzten unbefestigten Pfade des alten Westens gemeistert. Obwohl wir sicher waren, daß Sie es schaffen, war uns doch zuweilen bange. Nun können wir Ihnen gratulieren: Sie haben es überlebt, den Highway 50, die einsamste Straße Amerikas gefahren zu sein.” Diesen Text auf einer Urkunde und dazu Anstecker, T-Shirt, Schirmmütze und Aufkleber - damit belohnt der Staat Nevada Reisende, die sich in den Städten Ely, Eureka, Austin, Fallon und Fernley mit „I survived”-Stempeln ihren „Überlebenskampf” auf der 400 Meilen langen Wüstentour beglaubigt haben lassen.

Die augenzwinkernden Anspielungen auf die Verlassenheit der Strecke entlang des früheren Pony Express Trails sollte man nicht als bloße Ironie abtun: Wem zwischen Eureka und Austin der Sprit ausgeht, der ist in echten Schwierigkeiten, und wer spätnachmittags von Austin aus auf Campingplatzsuche geht, kann sicher sein, nicht vor Mitternacht in den Schlafsack zu kriechen. Die wenigen Ortschaften hier, „in der Mitte des Nirgendwo”, sind wie bewohnte Westernfilm-Kulissen, in den Saloons wird gesoffen, geflucht und auf den Boden gespuckt. Die Gastfreundschaft dieser Rauhbeine ist alles verschlingend, unausweichlich, von einer aggressiven Herzlichkeit, beängstigend und rührend zugleich.

„Loneliest Road in America” - für den Staat Nevada trifft dieses Prädikat ohne Zweifel zu. In den meisten anderen der übrigen elf US-Bundesstaaten, die der Highway 50 durchquert, ist er ein Tummelplatz der Attraktionen, und gerade dort, wo die Straße beginnt, ist sie alles andere als einsam: Für den Ostküstenbadeort Ocean City mit seinen gigantischen Amüsierbetrieben ist der Highway 50 Haupteinfallstor für die Touristen aus dem Einzugsgebiet um Washington.

Amüsierstraße ist der Highway auch im westlichen Teil des St. Louis Counties, vorbei führt er am Vergnügungspark „Six Flags”, am Weihnachtswunderland „Santas Magical Kingdom” und an zwei im Dauerclinch liegenden Supermärkten, die mit der angeblich weltgrößten Auswahl an Feuerwerkskörpern prahlen. Einen vierten Höhepunkt gibt es hier ganz umsonst: Der Highway 50 vereinigt sich für wenige Meilen mit der weltbekannten Route 66.

Auch Reisende, die auf Spurensuche sind und das wahre Amerika abseits schriller Touristenattraktionen kennenlernen wollen, kommen auf dem Highway 50 voll auf ihre Kosten. Eines der Juwelen dieser Straße ist Bent’s Old Fort bei La Junta, Colorado, eine originalgetreu rekonstruierte Handelsstation, hinter deren Lehmmauern Schauspieler in historischen Kostümen Situationen nachleben, wie sie vor 150 Jahren, in der großen Zeit dieses Wild-West-Forts Alltag gewesen sein mögen. Gerade in Colorado bietet der Highway 50 für jeden etwas. Bis zur Grenze von Utah ist die Straße gesäumt von Touristen-Magneten wie der Royal-Gorge-Bridge oder der Western-Filmkulisse Buckskin Joe, von sehenswerten Städtchen wie Salida oder Gunnison, von grandiosen Berglandschaften wie am Monarch Paß, wo der Highway 50 die kontinentale Wasserscheide Amerikas überwindet, und von Black Canyon of the Gunnison wie auch Colorado National Monument, zwei Naturwundern, die einem den Atem verschlagen.

Im Osten von Utah tritt die Vielfalt am Highway 50 zurück, ohne daß man sie vermissen würde; denn die Hauptattraktion dieses Teils des Mormonenstaates ist so übermächtig, daß andere Eindrücke nur stören würden, lästiges Beiwerk wären im Paradies der Traumlandschaften. Tagelang könnte man allein durch den Arches National Park streifen. Auch ohne die faszinierenden Steinbögen wäre das Land südlich der Route 50 ausgedehnte Wanderungen wert. Kaum losreißen kann man sich von Felsformationen, die den Highway auf dem Weg durch Utah säumen, Landschaften, auf die kein Reiseführer hinweist, obwohl sie atemberaubend sind. Durch gigantische Schuppenpanzer aus Stein schlägt sich die Straße ihre Schneise. Mit ein wenig Phantasie läßt sich so manch bekannter Umriß in den wild aufgeworfenen Formationen erkennen, hier ein leck geschlagener Tanker, der vor dürren Grasbüscheln in einem Meer gelben Wüstenbodens versinkt, dort gigantische Baumwollflocken, Mashmellos, Sahnehäubchen und dazwischen ein zäher weißer Teig, in den mit einem riesigen Kochlöffel bizarre Schleifenformen gerührt worden sind. Die beiden Fahrbahnen des Highways fräsen sich gespalten durchs Gestein, wie der Reifenabdruck einer engachsigen Monsterwalze wirkt seine Spur durch die Felsenwüste, und man wähnt sich auf einem Transit durch ein fremdartiges Zauberreich.

Der Highway 50 nimmt auf seinem Weg durch die zwölf US-Bundesstaaten Maryland, Virginia, West Virginia, Ohio, Indiana, Illinois, Missouri, Kansas, Colorado, Utah, Nevada und Kalifornien jede Gestalt an, die ein Autofahrweg haben kann. Mal ist er ein verschlafenes Landsträßchen, über das Traktoren knattern, mal zehnspuriges Autobahngeflecht mit ganztägiger Rush-hour. Eines aber bleibt im Osten wie im Westen gleich: Die vielen kleinen Wunder, von denen die Faszination Amerikas ausgeht, liegen auf dem Highway 50 wie auf einer Perlenschnur aufgereiht. Die alte Handels- und Reiseroute führt durch Washington und damit durchs Herz der Vereinigten Staaten, sie durchquert Bürgerkriegsgebiet und folgt den Spuren der Siedler durch den Wilden Westen und über die Rocky Mountains hinweg bis hinein ins gelobte Land Kalifornien.

Einmal quer durch ganz Amerika fahren, von Küste zu Küste, from sea to shining sea, und dabei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hautnah erleben... Mit dieser Einladung haben bunte Werbeprospekte schon vor Jahrzehnten dafür geworben, dem Highway 50, genannt Main Street of America, vom Atlantik bis zum Pazifik zu folgen. Gerade weil diese Straße schon damals als kontinentale Besichtigungsstrecke verstanden wurde, formierte sich von ihr aus auch organisierter Protest, als in den 60er Jahren die Boomzeit der Interstates begann.

Eine der letzten Bastionen der Interstate-Gegenbewegung „National Highway 50 Federation” steht heute noch da, wo sie einst als erstes Bollwerk gegen die hektischen Autobahnen errichtet wurde: in La Junta, Colorado. Doyle Davidson, vormals Executive Vice President, also Vizepräsident dieses Verbandes, ist der letzte Streiter, der die Stellung hält. Den Highway 50 als einheitliche Straße von Küste zu Küste zu bewahren, betrachtet er als seine Lebensaufgabe, und obwohl Doyle Davidson eine empfindliche Schlappe einstecken mußte, als der westlichste Abschnitt zwischen Sacramento und San Francisco vom Interstate 80 abgelöst wurde, der Highway 50 seitdem also offiziell verkürzt und verstümmelt im Landesinneren von Kalifornien endet, hat er nie aufgehört sich für die Straße einzusetzen.

Von 1961 bis 1970 war Doyle Davidson als Präsident der Handelskammer von La Junta permanent unterwegs, den gesamten Highway 50 auf und ab, immer wieder von Küste zu Küste, 60.000 Meilen pro Jahr, um bei Bürgerversammlungen und im Gespräch mit Verantwortlichen in Städten und Gemeinden für die Erhaltung der Straße zu trommeln. Jedem einzelnen Amerikaner entlang der Route 50 sollte klar werden: Wenn du zuläßt, daß hier ein Interstate gebaut wird und damit der Highway 50 stirbt, dann verendet bald auch deine Heimatstadt. In dieser Zeit warb Doyle Davidson für seinen Highway-50-Verband über 800 Mitglieder.

Daß die Interstates sich durchsetzten, konnte der Verband freilich nicht verhindern. Was nicht heißen muß, Doyle Davidsons Einsatz sei umsonst gewesen. Denn wer weiß, ob es den Highway 50 als offizielle Straße noch geben würde, hätte der Mann aus La Junta nicht in so vielen Amerikanern die Flamme entzündet, die in ihm selbst brannte.

So sind Highway-50-Ruinen heute ein eher seltenes Bild, anzutreffen meist nur dann, wenn die Route 50 als solche neu trassiert wurde. Die Bewohner der Ortschaften Noble und Olney in Illinois zum Beispiel teilen sich ein Stückchen Old 50, degradiert zur Nebenstraße 250, seit der neue Highway 50 als großzügige Umgehungsstraße die beiden Orte ausläßt, statt sie zu verbinden. Ein wenig Route-66-Nostalgie weht über der 250: Alte Motels am Stadtrand von Olney sind nur noch Trümmerhaufen, ein früher beliebter und glänzend besuchter Diner dient jetzt als Würmer-Verkaufsstelle für die Angler der Region. Westlich von Noble mündet die 250 wieder in den neuen Highway 50, aber die alte 50 ist damit noch nicht zu Ende. Namenlos und zur Ruine verfallen, streckt sich die Straße, die niemand mehr braucht, noch über viele Meilen neben der neu gebauten Trasse. Gras wächst auf der früheren Fahrbahn, Brücken sind mit Barrieren versperrt.

Über solchen Straßenfragmenten liegt der Zauber des alten, echten Amerika, und man findet viele ähnlich romantische oder auf ganz andere Art faszinierende Fleckchen am Highway 50, vor allem auch in alten Diners, Saloons und Tante-Emma-Läden. Eine Straße der Vielfalt ist dieser Highway 50. Wer ihm folgt, der kommt vorbei an wildromantischen Traumlandschaften, begegnet Cowboys und Truckern, sieht Büffel in freier Wildbahn, passiert Geisterstädte und verlassene Häuser am Wegesrand und spürt bei alledem, daß diese Straße eigentlich viel mehr ist als eine Verbindungsstrecke von Küste zu Küste. Auf der Hauptstraße Amerikas ist der Weg das Ziel, und das Ziel heißt: mit allen Sinnen eintauchen in Amerika.