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Klaus ist begeistert, findet in dem Durcheinander jedoch nicht die optimalen Bedingungen zum Fotografieren, bittet daher hektisch, eines
der dreirädrigen Motorräder nochmal zurückzustoßen - und provoziert damit ungewollt ein Donnerwetter. Vorführung beendet! Der Frenchman redet sich in Rage.
In diesem Moment geschieht etwas, das die seltsame Stimmung auf die Spitze treibt - und dann unvermittelt umschlagen läßt. Die Erde unter
unseren Füßen gerät in Bewegung. Ein ganz leichtes Wanken nur, doch man spürt, daß nicht allein der Quadratmeter Boden, auf dem man selbst steht, sondern ein weitläufiges Stück Land erschüttert wird, daß auch die
Berge vor einem ins Zittern geraten sind, der Wald hinter einem, die Gebäude ringsum. Der Frenchman schimpft eine Weile dagegen an, unterbricht sich dann, lauscht, entspannt sich. „Da habt ihr’s: Wer mich wütend
macht, dem schick ich ein Erdbeben!” Grunzt noch einen Lacher, grollend wie ein Nachbeben, und der Streit ist vergessen.
Eines der seltsamsten Erlebnisse unserer Reise war diese Begegnung mit Roland Fellman am Old Glenn Highway bei Palmer im Süden Alaskas.
Aber nicht mal ein Extrembeispiel. Das Nebeneinander und Durcheinander unterschiedlichster Stimmungen und Eindrücke ist charakteristisch für den äußersten Nordwesten Amerikas. Grundverschiedene Lebensweisen werden
hier nicht unabhängig gepflegt, sondern beliebig kombiniert. Alaska und Yukon, hier findet man Wildnis, aber man findet auch alle Errungenschaften der Zivilisation, und das nicht nur in den großen Städten, sondern
überall entlang der Highways. Die Menschen, die hier leben, müssen sich nicht entscheiden, ob sie Urwald wollen oder Technik, Einsamkeit oder Gemeinschaft, denn beides liegt unmittelbar beieinander: In den
Ortschaften ist das moderne Amerika zu Hause, zehn Meter weiter eine Wildnis, so rauh und unerschlossen, wie sie die ersten Siedler vorfanden.
Ganz selbstverständlich integrieren die Bewohner Alaskas und Yukons die Gegensätze in ihr Leben, bilden aus Tradition und Fortschritt die
Kombination, die ihnen selbst am meisten zusagt. Hier kann man Ureinwohner treffen, die in der historischen Tracht ihrer Vorfahren am Computer sitzen, den Speck eines selbstgefangenen Wals essen und dazu Diätcola
trinken. Man kann dem Trapper begegnen, der in einer abgelegenen Blockhütte leben, aber nicht auf Auto, Schneemobil, Telefon und Fotoapparat verzichten möchte. Und man kann abseits des Highways in ein
Goldgräber-Camp für Touristen gelangen, in dem zwar in verschlammten Zelten gehaust wird, an Ort und Stelle aber eine generatorbetriebene Laminiermaschine steht, mit der die Nugget-Funde der Urlauber auf kleinen
Kärtchen in Goldpfannenform zum Andenken eingeschweist werden.
Jenseits menschlicher Siedlungen ist der Alaska Highway nur ein hauchdünnes Kratzerchen im Elefantenkörper des Urwaldes. Auch heute noch
kann man hier ermessen, wie gewaltig die Hindernisse waren, die dem Bau dieser Landverbindung zwischen den USA und ihrem 49. Bundesstaat Alaska im Weg standen. Seit Anfang des Jahrhunderts war zwar immer wieder
darüber diskutiert, das Projekt aber angesichts der Haupthürden - dicht verfilzter Urwald, Schlamm und Permafrost - stets zurückgestellt worden.
Anfang der 40er Jahre mußte es dann von heute auf morgen gehen. Am 7. Dezember 1941 hatten die Japaner Pearl Harbor bombardiert, es galt,
einer möglichen Invasion über Alaska zuvorzukommen. Am 2. Februar 1942 wurde die Route festgelegt, schon einen Monat später rollten die ersten Baukommandos nach Dawson Creek in British Columbia, wo die
Eisenbahnlinie Richtung Norden endete. Zu rein militärischen Zwecken sollte von hier aus ein befestigter Weg bis hoch nach Fairbanks in der Mitte Alaskas gebaut werden. Die Herausforderung war ungeheuerlich - doch
der Zeitdruck trieb die Straßenbauer voran. Schon acht Monate und zwölf Tage später war die Piste durch den Urwald geschlagen.
Natürlich konnten die Bauarbeiten mit der Fertigstellung nicht abgeschlossen werden. Regen und Schnee, Wärme und Frost fraßen unentwegt an
der Piste, ständig gab es etwas zu verbessern oder wieder herzustellen. 1948 wurde die Strecke für den Zivilverkehr freigegeben, wurde aber im selben Jahr wegen der hohen Zahl von Fahrzeugschäden wieder geschlossen.
1949 war die Straße so weit in Schuß, daß sie abermals eröffnet werden konnte. Schritt für Schritt wurde der Alaska Highway seitdem zu einer modernen Fernstraße mit Tankstellen, Motels und Restaurants ausgebaut.
Diesen Standard haben inzwischen alle Highways in Alaska und Yukon, zuweilen sogar die Pisten. Trotzdem sind die Straßen keine hektischen
Verbindungslinien von A nach B geworden, die man durcheilt auf der Flucht vor der Einsamkeit der ozeanweiten Wälder. Eher sind diese Highways Begegnungsstätten und Beobachtungsrouten. Man muß nicht lange auf ihnen
unterwegs sein, schon kreuzt ein Schwarzbär den Weg, schaut ein Elch aus dem Dickicht, läßt sich ein Weißkopfseeadler über den Bäumen treiben. Gletscher kriechen von eisigen Höhen herab bis direkt an die Straße. Und
mag man auch zwei Stunden fahren können, ohne ein Haus zu sehen, Briefkästen säumen doch ständig die Straße, geben Hinweis auf Menschen, die sich zwar im Abseits verstecken und als Selbstversorger leben, die Gäste
aber herzlich willkommen heißen und selten mit leeren Händen ziehen lassen.
Und die einem Geschichten mit auf den Weg geben, die man nie mehr vergißt. Von solchen Geschichten lebt der terra-magica-Bildband:
Geschichten von der Russin Zinaida Reutov, die mit 15 heiratete, drei Kinder gebahr und mit 24 schon Witwe wurde; von dem Weltrekord-Goldwäscher Clare Hewson, der nur durch Zufall erfuhr, daß sein Großvater beim
Klondike-Goldrausch mit dabei war und jetzt dessen Leidensgeschichte rekonstruiert; von dem jungen, bettelarmen österreichischen Bergarbeiter Edmund Schuster, der es als Einwanderer in Alaska zum Doktor der
Soziologie brachte, nebenbei eine Baufirma gründete und sich in grandiosen Berghöhen über Anchorage ein herrliches Haus baute; von dem erfolgreichen Schweizer Fotografen Beat Glanzmann, der seine einträgliche
Karriere als Multivisions-Referent sausen ließ und nun mit seiner Frau und seinen Schlittenhunden in den Urwäldern Yukons haust.
Ungewöhnlich sind alle Geschichten, die man in Alaska und Yukon zu hören bekommt. Und manche sind so richtig verrückt. Auch ohne
Wutausbruch und Erdbeben: Der Frenchman übertraf dabei alles. Aufgewachsen ist er auf einem Friedhof in Nebraska, nach Alaska kam er als Goldgräber, blieb aber glücklos und landete in einem Haus, in dessen
Untergeschoß früher während der Wintermonate Leichen gestapelt wurden, bis im Frühjahr der Friedhofsboden auftaute. Ganz klar, daß es in einem solchen Totenkeller auch spukt! Um auf sich aufmerksam zu machen, lassen
die Geister an windstillen Frühlingstagen angeblich die Wäscheleine schnalzen. Oder stellen sich bei Familienfeierlichkeiten heimlich mit auf zum Erinnerungsbild. In der Tat besitzt Roland Fellman ein Foto, auf dem
drei unscharfe Flecken ihn und seine festlich gewandete Frau umringen. Der Frenchman rückt die gelbe Schweißerbrille zurecht, die er als Sonnenbrille trägt, und identifiziert auf den Flecken hier einen Mund, dort
eine Nase...
Auch wenn wir ihm dabei nicht ganz folgen konnten, einen wohligen Grusel haben wir doch mit nach Hause genommen. Alaska und Yukon sind für
uns seitdem nicht nur Heimat von Grizzlys und Elchen, wir denken dabei auch an den modrigen Leichenkeller, die blassen Spukgestalten - und ihren reizbaren Untermieter, dessen Zorn wir nur dank eines Erdbebens
entrinnen konnten.
Alaska Highway No. 1 Bildband; Erika und Klaus Beer (Fotos), Manfred Köhler (Text)
1. Auflage 1998 in Deutschland, Österreich, Schweiz Reich Verlag, Luzern, ISBN-Nr. 3-7243-0336-X
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