Manfred Köhler
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Wie tötet eine Würgeschlange eigentlich ihre Beutetiere? Bricht sie ihnen die Rippen und zerquetscht sie? Werden die Opfer erdrosselt? Was mag es überhaupt für ein Gefühl sein, von einer Schlange gewürgt zu werden?

Im Keller seines Hauses hielt Rüdiger Nehberg in einem tropisch eingerichteten Schlangenraum unter anderem eine viereinhalb Meter lange, rund 45 Kilo schwere Felsenpythonschlange, die besonders aggressiv auf Menschen reagierte und grundsätzlich nach ihm schnappte, wenn er sich ihr nur näherte. Mit ihr wollte er das Experiment wagen. Er trug die Python hoch in den Garten und legte sie in die warme Sonne, wo sie sich wohlig aufringelte. Weil Rüdiger Nehberg damit rechnete, dass die Schlange sich in seinem Hals verbeißen würde, hatte er als Schutz gegen die nadelspitzen Zähne eine dick gefütterte Jacke angezogen und den Kragen fest verschlossen. Damit hielt er sich für ausreichend gewappnet, um zu tun, was die Python als Angriff verstehen musste: Er ging zielstrebig auf sie zu und ignorierte ihr warnendes Zischen. Die Schlange reagierte, wie er vermutet hatte. Sie wich nicht zurück, sondern schnellte mit weit aufgerissenem Rachen eineinhalb Meter weit diagonal auf ihn zu, verbiss sich in seinem Hals, peitschte ihre Schlingen um ihn und warf ihn dabei zu Boden. Das Erwartete war eingetreten, das Experiment begann.

Natürlich hatte sich Rüdiger Nehberg nicht ohne Helfer auf den Versuch eingelassen. Sein alter Freund und Reisegefährte Klaus Denart stand bereit, um die Schlange vom Schwanz her abzuwickeln, sobald es um Leben und Tod gehen würde. Doch zunächst schien nicht viel zu passieren. Die Python hielt ihren Besitzer umschlungen wie bei einer festen Umarmung, ohne dabei zu würgen. Rüdiger Nehberg fragte sich noch, ob das schon alles sei - da merkte er, dass er nicht mehr einatmen konnte. Die Schlange blieb, wie eine Stahlfeder, auf Spannung, und sobald ihr Opfer ausatmete, zog sie nach - bis der letzte Sauerstoff aus den Lungen entwichen war. Nach 60 Sekunden war Rüdiger Nehberg am Ende, konnte nur noch hecheln und gab das Zeichen zum Abwickeln. Auch das erwies sich, wie erwartet, als problemlos: Irritiert davon, beim Klammern gestört zu werden, ließ die Schlange rasch von ihrem Opfer ab.

Der Selbstversuch war nach Plan gelaufen, Rüdiger Nehberg hatte sein Ziel erreicht und die Würgetaktik seiner Python am eigenen Leib erfahren. Doch es stand ihm noch eine Überraschung bevor...

20 Minuten nach dem Experiment fing sein Herz wie rasend an zu schlagen, Schweiß brach aus allen Poren und überschwemmte seinen Körper. Eine halbe Stunde lang war sein Organismus außer Kontrolle, dann endete die Panik-Attacke so unvermittelt wie sie begonnen hatte. Nachdem er geduscht und sich umgezogen hatte, fühlte Rüdiger Nehberg sich entspannt und gelockert wie nach einer besonders wohltuenden Massage.

So errang Deutschlands Abenteurer Nummer 1 neben der Erkenntnis, auf die sein Experiment abzielte, gleich noch eine zweite: Der Körper kann Todesangst empfinden, auch wenn der Verstand genau zu wissen meint, dass keine Gefahr droht. Bei den mittlerweile 20 Raubüberfällen, die Rüdiger Nehberg auf Reisen über sich ergehen lassen musste, waren Verstand und Gefühle bei der Bewertung der Gefahr im Einklang, denn an der Bedrohung bestand kein Zweifel, Auswege waren nicht von vornherein in Sicht. Und das ist auch der Grund, warum er sein Schlangen-Experiment, das er von Klaus Denart jederzeit abbrechen lassen konnte, nicht in eine Reihe mit seinen Reise-Abenteuern stellt, sondern als „bagatellig” abtut.

Bagatellig? Eine Python absichtlich zu reizen, um sich angreifen und würgen zu lassen bis kurz vor den Erstickungstod - wenn das nicht der Rede wert sein soll, wie spektakulär muss da erst ein Unternehmen ausfallen, damit Nehberg es als Abenteuer einstuft, wie draufgängerisch muss einer sein, bis er es verdienen würde, Abenteurer genannt zu werden?

Doch nichts davon. Rüdiger Nehbergs Definition ist simpel: Ein Abenteurer ist für ihn ein Mensch, der bereit ist, Risiken einzugehen, der mögliche Gefahren zwar durch Vorsichtsmaßnahmen begrenzt, aber dabei in Kauf nimmt, dass ein Restrisiko bleibt, gegen das man auch mit noch so viel Umsicht nicht vorbeugen kann. Ein Restrisiko war für ihn bei seinem Schlangen-Experiment ausgeschlossen, also war es kein Abenteuer.

Umgekehrt aber wäre mit dieser Definition des Experten jede Autofahrt ein Abenteuer, denn das Risiko eines Unfalls besteht immer, die Verletzungsgefahr lässt sich durch Anschnallen zwar begrenzen, aber jeder, der sich hinters Steuer setzt, muss in Kauf nehmen, dass ein Restrisiko bleibt, gegen das auch der besonnenste Fahrer nicht gefeit ist.

Ein Abenteuer scheint vor allem eine Sache des Standpunktes und der Gewohnheit zu sein. Sich von einer Schlange würgen zu lassen, war für Rüdiger Nehberg nicht nur deshalb bagatellig, weil er kein Risiko darin sah, sondern weil er von frühester Jugend an Umgang mit Schlangen hatte, also weit entfernt war von der Abscheu, mit der die meisten anderen Menschen diesen Tieren begegnen. Für einen Polizeihunde-Trainer ist es nichts Besonderes, sich, mit einem Beiß-Schutz gewappnet, von einem Schäferhund angreifen zu lassen. Wer Hunden normalerweise aus dem Weg geht, für den kann es dagegen schon eine kleine Heldentat sein, einen knurrenden Dackel zu streicheln.

Was ein Abenteuer ist, kann wohl jeder nur für sich selbst beantworten. Dieses Buch soll auch keine theoretische Untersuchung des Themas sein und das Ziel verfolgen, eine allumfassende Definition zu liefern; es soll vielmehr in Zusammenhang bringen, was bekannte Berufs-Abenteurer und weniger bekannte Hobby-Weltreisende über ihr eigenes Tun denken, es soll Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Abenteurer herausarbeiten und vor allem zeigen, dass der Abstand zwischen denen, die man Abenteurer nennen kann, und denen, die sich weit davon entfernt wähnen, ein solches Leben zu führen, gar nicht so groß ist. Abgesehen von spektakulären Experimenten wie Nehbergs Würgeschlangen-Aktion lässt sich der Hauptunterschied mit einem Satz zusammenfassen: Abenteurer schieben ihre Wünsche nicht auf die lange Bank, sie zaudern nicht oder lassen sich von unbestimmten Ängsten aufhalten, sondern sie tun, was sie sich vorgenommen haben - egal, was es auch sein mag.

Von Abenteurern lernen, heißt also nicht, sich abzuschauen, wie man waghalsige Expeditionen übersteht - es geht um die Neubewertung des gesamten Lebens, unabhängig von der Art der Tätigkeit. Es geht um Selbstbestimmung, es geht darum, das zu tun was man gern macht, den ersten Schritt zu wagen und sein Leben schließlich selbst in die Hand zu nehmen. Ob man das durch mehr oder weniger gefährliche Reisen macht, endlich den ungeliebten Beruf wechselt oder eine zerrüttete Ehe beendet - sich auf ein Abenteuer einzulassen, bedeutet vor allem, etwas auszuprobieren, vielleicht daran zu scheitern, aber dadurch vielleicht auch herauszufinden, was man wirklich vom Leben erwartet, anstatt dieses Leben damit zu verschwenden, falschen Wunschträumen nachzuhängen.

Den Stoff für dieses Buch lieferten Gespräche mit Abenteurern, die es geschafft haben, mit ihren Reisen und Aktionen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber auch mit Menschen, die jenseits spektakulärer Rekordleistungen ihr persönliches Abenteuer suchen und auf deren Leben das Reisen einen bestimmenden Einfluss hat, ohne dass es den erlernten Beruf ersetzt hätte. Als Abenteurer bezeichnen sich diese Globetrotter in den seltensten Fällen; und doch haben auch sie manch Wissenswertes zum Thema Abenteuer beizutragen.