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Die Porzellanfrau

Roman

Im leerstehenden Nachbarhaus der Familie Reinhardt treibt sich eine unheimliche alte Frau herum. Entschlossen, dem Spuk ein Ende zu bereiten, bricht Familienvater Axel Reinhardt in das Haus ein, um die Frau zur Rede zu stellen. Er ahnt nicht, mit wem er sich anlegt...

Die Porzellanfrau
Roman
Verlag Peter Hopf 2005
www.vph-ebooks.de

Leseprobe

„Ganz schön blödsinnig, wegen zwei Stunden in der Druckerei zwei mal vier Stunden auf der Autobahn zu verschwenden“, meinte Robert. „Geht denn das heutzutage nicht auf elektronischem Weg?“
Er, Berti und Mara hatten sich ums Auto gruppiert, um mich zu verabschieden.
„Wenn es ginge, würde ich bestimmt nicht fahren.“
Das war meine zweite Lüge seit dem Gespräch mit Berti in der Garage.
Die erste Lüge war nötig gewesen, als ich Robert am Tag zuvor triefend und dreckig auf dem Weg nach oben begegnet war und er wissen wollte, was mir denn passiert sei, was ich wahrheitsgemäß beantwortete, und was Berti denn eigentlich habe, worauf ich Teenager-Launen vorschob. Er glaubte das offensichtlich nicht, ließ es aber damit bewenden und versprach, Mara gegenüber nichts von dem Vorfall zu erwähnen.
Sie war also die ahnungsloseste von uns allen und demnach die unbeschwerteste, als ich mich verabschiedete und davon fuhr.
Die 16 Seiten des Image-Prospektes hatte ich in einem wahren Arbeitsrausch erstellt und vollendet – am Samstagnachmittag und Abend bis weit über Mitternacht hinaus und an diesem Tag von früh um sieben bis kurz vors Abendessen. So schnell hatte ich noch nie gearbeitet, aber es hatte mich auch noch nie ein solcher Druck angetrieben.
Als ich nun durch den Wald in Richtung Landstraße fuhr, konnte ich erstmals wieder einen anderen Gedanken fassen, und natürlich hatte der erste andere Gedanke mit dieser Porzellanfrau zu tun. Ich hatte mich weit aus dem Fenster gelehnt mit meinem Versprechen an Berti, das Problem schnell und endgültig zu lösen. Natürlich glaubte ich nicht einen Moment daran, daß es sich bei der Gestalt um etwas anderes als ein menschliches Wesen handelte. Ich ging davon aus, daß eine verunstaltete, obdachlose, offenbar gestörte alte Frau sich in dem verfallenen Nachbarhaus eingenistet hatte. Ihr Verhalten gegenüber meiner Tochter ließ mich nicht darauf hoffen, daß die Sache mit einem vernünftigen Gespräch zu klären war. Ich würde den Eigentümer des Nachbargrundstückes ausfindig machen müssen, ihn auffordern, seinen Besitz besser zu sichern, und sollte die alte Frau nicht freiwillig aufhören, meine Tochter zu belästigen, würde ich wohl nicht umhin kommen, die Behörden einzuschalten, was wohl auch zum Besten dieser Frau sein würde – nach allem, was mir Berti erzählt hatte, gehörte sie sowieso in ein Heim. Oder sie war womöglich aus einem ausgebrochen ...
Nebenbei, und auch das kam mir erst jetzt wieder richtig zu Bewußtsein, als ich vom Feldweg auf die Landstraße einbog, war mein Vater überzeugt davon, in drei Tagen zu sterben. Es widerstrebte mir, in diesem Zusammenhang an etwas anderes zu denken als den Verlust an sich, aber es war nicht von der Hand zu weisen, daß in einem solchen Fall ein weiteres Bündel von Problemen auf mich zukäme. Mit meinen Brüdern konnten sich schon die einfachsten Entscheidungen zu endlosen Diskussionen mit langdauernden Zerwürfnissen auswachsen.
Die alten Familiengeschichten, einmal ausgegraben in meinem Kopf, beschäftigten mich die ganze Fahrt lang bis vor die Haustür. Seltsam war es, allein an unserem unbeleuchteten Haus mitten im Wald anzukommen. Es war wohl das erste Mal, daß ich eine Nacht ohne Mara und Berti hier draußen auf dem Felsen über der Flußschleife verbringen würde – dafür in Gegenwart einer ungebetenen, ziemlich unheimlichen Besucherin.
Ich stellte den Motor und das Licht ab und schaute zum Nachbarhaus hinüber. Auch dort kein Licht. Keine Sterne am Himmel, kein Mond. Schwarzer Wald unter schwarzem Himmel. Mir gefiel der Gedanke gar nicht, auf dem Weg vom Auto zum Haus womöglich dieser Porzellanfrau zu begegnen. Ich beugte mich hinüber zum Handschuhfach und kramte die Taschenlampe hervor.
Nicht sehr fein, die Idee, die mir gerade gekommen war, aber meine erfolgreichste Strategie gegen Bedrohung war schon immer Gegenangriff gewesen. Wenn mir als erwachsenem Mann hier draußen unheimlich zumute war, dann einer wehrlosen alten Frau wohl erst recht. Vielleicht genügte ja ein gehöriger Schreck, und das Problem löste sich von selbst.
So leise wie möglich öffnete ich die Tür, stieg aus und schloß sie wieder. Die Taschenlampe ließ ich ausgeknipst.
Ein Blick auf mein Handy-Display: elf Minuten vor Mitternacht.
Natürlich war der Gedanke, die alte Frau könnte sich um diese Zeit im Freien herumtreiben und auf Berti lauern, absurd. Sie hatte unsere Abreise mitbekommen, und da im Nachbarhaus alles dunkel blieb, hatte sie meine Rückkehr wohl nicht bemerkt. Hoffte ich zumindest. Wahrscheinlich gab es in dieser baufälligen Bude gar kein Licht, und sollte ich sie geweckt haben, beobachtete sie mich vielleicht längst aus dem schwarzen Haus heraus.
Ich ließ es drauf ankommen, mied den Weg zum Nachbarhaus, trippelte statt dessen am Waldrand entlang, querte nach 20 Metern den Weg, stieg übers Gartentürchen ins Nachbargrundstück, schlich zur Haustür, hob die Fäuste – hielt dann aber inne, denn fies war es schon, was ich vorhatte. Nach einer Sekunde des Zögerns siegte die Wut über das Mitgefühl. Diese alte Hexe hatte meiner Tochter wochenlang das Leben zur Hölle gemacht, verdammt, ich mußte an Bertis Ausbruch tiefster Verängstigung gestern in der Garage denken, mein Zorn kochte hoch, und ich hämmerte mit beiden Fäusten so fest ich konnte gegen die Tür.
„Machen Sie sofort auf!“, brüllte ich. „Ich muß mit Ihnen reden!“
Ich stellte mir vor, wie sie in ihrem Bett oder worauf immer sie schlief hoch schreckte, sich vor lauter Angst irgendwo verkroch oder sich durch eine Ritze davonstahl auf Nimmerwiedersehen.
Von rechts schräg über mir raste etwas Schwarzes auf mich zu, streifte mich am Ohr und flatterte an mir vorbei. Wie unter Strom zuckte ich zusammen, begriff zwar im selben Moment, aber konnte meinen reflexartiges Zurückweichen, Stolpern und Straucheln nicht mehr verhindern. Ich ging in die Knie, faßte mit der linken Hand in eine Brennnesselstaude, riß den Arm vor Schmerz zurück und federte wieder hoch.
„Mistvieh!“, zischte ich der Fledermaus hinterher und rieb meinen verbrannten Handrücken.
Im Haus knarrte es überlaut und lang gezogen, dann folgte eine Art Spreißeln oder Prasseln. Die Geräusche waren so dröhnend und gellend, so plötzlich und unerwartet, daß ich erneut heftig zurückzuckte und die Luft ausstieß.
Was zum Teufel war das denn gewesen? Eine Tür, die aus den Angeln gerissen wurde? Eine Holzstiege, die unter einer Riesenlast einbrach? Ein Schrank voller Glas und Metallteile, der umgekippt und ausgeschüttet wurde?
Schritte trampelten in meine Richtung. Nach einer behäbigen alten Frau in Pantoffeln klang das nicht – eher nach Rübezahl in eisenbeschlagenen Stiefeln und mit einer Mordswut im Bauch.
Rasende Angst schwappte in mir hoch, ich rannte los, sprang über das Gartentürchen, sprintete über den Weg zum Wald und hechtete in die Büsche.
Mein Impuls war, weiter zu rennen, immer weiter durch den Wald, bis ich im nächsten Ort und in Sicherheit sein würde. Nach ein paar Metern ging meiner Panik die Luft aus, ich blieb stehen, duckte mich, drehte mich um und schaute zurück. Inzwischen hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und ich sah durch die Blätter und Äste der Büsche das Nachbarhaus als grauen Schatten vor schwarzem Himmel und mittendrin in diesem Bild die Haustür als rechteckigen grauen Fleck. Jeden Moment würde sie aufgerissen werden. Meine Hände begannen zu zittern.
Verflucht noch mal, beherrsch dich, du feiger Arsch! Frontalangriff mir selbst gegenüber, ich selbst mein eigener Feldwebel, auch das hatte immer geholfen.
Diesmal half es nicht. Das Zittern wanderte meine Arme hoch über Brust und Rücken und erfasste meinen ganzen Körper. Ich ballte die Fäuste. Biß die Lippen zusammen. Starrte hinüber.
Nichts passierte. Kein Licht, keine Tür ging auf. Nicht das kleinste Geräusch mehr.
Aber dieser Krach gerade eben, der war unüberhörbar gewesen, dröhnend, drohend und erschreckend rücksichtslos. Immerhin, dachte ich, nun habe ich den Beweis, daß im Nachbarhaus jemand eingezogen ist. Jemand oder Etwas.
Blödsinn, reiß dich zusammen, Mann, du zitterst vor einer alten Frau!
Und wenn nicht? Berti war überzeugt davon, daß es kein Mensch war, was sie da aus einem Porzellangesicht heraus anstarrte. Aber was sollte es denn sonst sein?
Scheißegal, darüber muß ich mir nicht um Mitternacht in vollkommener Dunkelheit im Wald stehend den Kopf zerbrechen!
Ich schüttelte mich und konzentrierte mich darauf, ruhig zu atmen.
Es half. Mein Zittern ließ nach, die Anspannung wich, und ich wollte mich schon wegdrehen und durch den Wald zurück zum Auto schleichen.
Ich tat den ersten Schritt, unter meinem Fuß knackte ein Ast, und zugleich klirrte es leise, aber der helle, klare Ton kam von woanders – fast schien es mir, als hätte es am oder im Auto geklirrt.
Ein ganz neuer Gedanke kam mir. Vielleicht versteckten sich Verbrecher hier draußen, Bankräuber oder Terroristen, und was Berti gesehen hatte, war eine Tarnung gewesen oder eine Maske, um sie zu erschrecken. Einer von ihnen hatte soeben mein Auto geknackt. Und wartete nur darauf, daß ich ihm ins Messer lief.
Das Handy in meiner Tasche. Ich tastete danach, es gab mir Sicherheit. Noch immer zitternd, erstellte ich eine an Mara adressierte SMS mit nur einem Wort: Hilfe!
Den Daumen auf der Senden-Taste ging ich so leise wie möglich durch den Wald in Richtung des Autos. Natürlich würde eine SMS gegen eine Bedrohung, wie ich sie mir ausmalte, allenfalls dazu beitragen, daß meine Leiche schneller gefunden wurde, aber ich hatte doch das beruhigende Gefühl, einen entsicherten Revolver zu umklammern.
Mit dem Auto schien alles in Ordnung zu sein. Ich konnte im Innenraum des Wagens das Halbrund des Lenkrades und die Buckel der Nackenstützen erkennen. Sie kamen mir unregelmäßig vor, der auf der Beifahrerseite deutlich höher als der meines Fahrersitzes. Hockte da jemand auf dem Beifahrersitz? Atemlos und zitternd wartete ich in den Büschen, ob sich der lauernde Feind durch eine Bewegung verraten würde.
Irgendwann wurde es mir zu dumm, ich mußte an mein Versprechen Berti gegenüber denken – so löste ich es bestimmt nicht ein. Ich drängte mich durchs Geäst der Büsche, sprang über den Graben auf den Weg, ging zum Auto und öffnete die Fahrertür. Es war eine Überwindung, mich hinein zu beugen und meinen Aktenkoffer vom Beifahrersitz zu holen, aber nichts passierte, und ich begann mich über mich selbst zu ärgern. Für nichts und wieder nichts hatte ich mich in diesen Schlammassel aus irrationaler Panik und echtem Schrecken geritten. Keine gute Voraussetzung, das Problem nachhaltig zu lösen.
Auf dem Weg vom Auto zum Haus piepte mein Handy. Der Ton signalisierte den Eingang einer SMS. Ich hatte es eingesteckt und schon gar nicht mehr daran gedacht. Hoffentlich hatte ich nicht versehentlich meinen Hilferuf abgeschickt, Mara würde außer sich sein!
Der Hilferuf war noch im Ausgangsfach. Ich löschte ihn, kaum hatte ich die Haustür hinter mir versperrt, und rief die SMS auf, die mich eben erreicht hatte. Es war nur ein Satz ohne Absender und Unterschrift:
„Leg dich nicht mit mir an!“