Manfred Köhler
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Die Begeisterung, die mit dem Themenwechsel zu diesem ominösen Gletscherprojekt in ihm aufflammte, gefiel Nelli gar nicht – es kam ihr vor, als habe sie sich ihrem Tod damit selbst einen Schritt näher gebracht.
»Was meinen Gletscher betrifft, bist du noch immer von besonderem Wert für mich. Willst du wissen, wieso?«
Nelli nickte zögernd.
»Sicher.«
Das alte Spiel ›Topfklopfen‹ fiel ihr ein. Sie sah sich mit verbundenen Augen über den Boden kriechen und herumtasten, einen Kochlöffel in der Hand. Sie kam dem Topf näher, es wurde wärmer, und wärmer bedeutete bei Andis Spiel tödlicher. Sie wusste warum, kam aber nicht drauf.
»Weil du die Welt bereist hast. Naturwunder und Touristen-Attraktionen. Du hast den Mount Everest und seine Gletscher gesehen, vielleicht feuerspeiende Vulkane, alle Weltmeere, stimmt’s?«
Nelli nickte.
»Dschungel und Wüsten und die höchsten Gebäude der Welt. Riesige Brücken, endlose Wälder, die Pyramiden. Es steht alles hier drin.«
Er tippte auf Nellis Tagebuch.
Sie schaute ihn an und fragte sich, worauf er hinauswollte. Wo würde er sie wohl verschwinden lassen, wenn er mit ihr fertig war? Beides hatte miteinander zu tun. Das war es! Das war der Punkt.
»Sicher auch solchen Quatsch wie Disneyland oder die Hollywood-Studios, kannst es ruhig zugeben.«
Er sah sie herausfordernd an, grinste aber immer noch. Nelli zog es vor, nicht zu reagieren, von ihr aus konnte er die Aufzählung noch stundenlang fortführen. Bis morgen früh.
»Na komm schon, Nelli, das ist besonders wichtig.«
Er hob die Augenbrauen und riß die Augen so grotesk weit auf, daß Nelli fast gelacht hätte.
»Was?«
»Natur und Kultur, sprich Übermenschliches und Menschliches, du hast alles gesehen, oder? Kunst und Kitsch, Vergängliches und Ewiges, Schönheit und Schund. Sag schon!«
»Ja, warum nicht? Was für mich erreichbar war und was ich mir leisten konnte, das hab ich mir angeschaut.«
»Und du hast es hier verewigt.«
Wieder tippte er auf das Tagebuch.
Nelli nickte. Keine Erde, keine Pflanzen, nur Steine, Eis und Schnee. Vergraben konnte er sie nicht. Vielleicht gab es hier oben Höhlen? War die Welt in dieser Höhe noch unerforscht? Und würde sie es bleiben?
»Das wollte ich wissen.«
»Was?«
»Du bist die Expertin, die ich mir immer sehnlichst gewünscht habe.«
»Expertin für was?«
»Für mein Projekt, Nelli. Du bist es mehr als ich selber.«
Er grinste sie verzückt an und schaute dabei halb an ihr vorbei in unbekannte Traumwelten. Es wurde wärmer und wärmer, und mit jeder Frage nach seinem Projekt würde sie sich dem ›Heiß‹ und ›Immerheißer‹ näher bringen. Unter dem Topf wartete der Höhepunkt der Reise, Arm in Arm mit dem Tod.
Keine Fragen mehr, Nelli, lenk ihn ab von diesem Thema! Wo wird er dich verstecken? Es hat alles miteinander zu tun!
»Wie kann ich dein Projekt besser kennen als du, Andi?«, fragte jemand mit ihrem Mund, der sich nach Höhepunkt und Tod sehnte. Nelli selbst schielte nach dem Kerzenleuchter und wollte nicht glauben, daß da jemand diese Frage gestellt hatte. Sie dachte, diesen Jemand hätte sie nach Tausenden von Kilometern ungewollter Begleitung abgeschüttelt und in Eureka und Denver zurückgelassen.
»Nein, nicht besser als ich, aber du bist die beurteilende Instanz, mein unabhängiger Kritiker sozusagen, und du wirst dein Urteil für die Nachwelt verewigen.«
Tipptipptipp auf das Tagebuch – Klappklappklapp.
»Du wirst heute nacht als einzig lebender Mensch außer mir etwas zu sehen bekommen, das alles, was hier drin steht ...«
Er tippte mit dem Zeigefinger auf ihr Tagebuch. Nelli kotzte jede seiner Berührungen an. Sein widerlicher, viel zu langer Zeigefingernagel mit dem Dreckrand erzeugte ein Beigeräusch, das deutlich zu unterscheiden war. Klappklappklapp im Gleichklang mit Tipptipptipp.
»Und ich meine absolut alles, selbst den Mount Everest in Kombination mit Scheiß-Disneyland, um Längen schlägt. Dafür, Nelli glaub mir, lohnt es sich zu sterben.«
Andis Projekt sehen und sterben, da war sie also am Ziel der Reise angelangt. Plötzlich fügte sich alles vor ihren Augen und bekam einen Sinn. Ihre Zielorientiertheit war wohl eher Ahnung zu nennen, und die Abkehr vom Ziel in Eureka und Denver ein letzter Ausbruchsversuch angesichts des näherrückenden Endes. Ihr Abgang hatte ja nicht zwingend am anderen Ende der Welt stattfinden müssen, es konnte auch vor der Haustür sein. Es kommt nie so, wie man es sich vorstellt, aber auf Umwegen läuft es dann doch genau darauf hinaus. Noch mal mit allen Sinnen leben und dann bewußt sterben mit dem Gefühl, nicht überwältigt worden zu sein, sondern eine freie Entscheidung getroffen zu haben. Deshalb also war sie in dieses Haus gekommen, oder?
Aber konnten Höhepunkt und Tod nicht auch zu trennen sein: Höhepunkt – Begegnung mit dem Tod – knappes Überleben – Erlösung und Befreiung.
»Jetzt könntest du auch mal was sagen.«
Er sah sie tadelnd an.
»Hab ich dich neugierig gemacht?«
»Na ja.«
Nelli räusperte sich.
»Ja, auf jeden Fall. Das klingt geheimnisvoll und spannend, irgendwie sehr verlockend, aber das mit dem Sterben meinst du doch sicher symbolisch, oder?«
Andis Blick wurde unstet. Seine Augen wanderten umher, er schien mit etwas zu ringen.
»Was ich meine«, beeilte Nelli sich hinzuzufügen und straffte sich auf ihrem Stuhl, »äh, um ein Projekt zu beurteilen, egal, was es ist, sollte man auch was über die Vorgeschichte wissen. Du willst ja sicher nicht nur Lobeshymnen, sondern eine fundierte Betrachtung, kein Hurrahurra, sondern eine, äh ...«
»Schon klar. Du mußt mich nicht voll labern.«
Er starrte sie mißbilligend an und hörte auf zu trommeln. Nach einer Sekunde ging es wieder los.
Tipptipptipp – Klappklappklapp.
Der stete Tropfen. Das stete Klopfen höhlt den Buchdeckel. Sollte ich das überleben und nicht den Verstand dabei verlieren, wird mich eine Fingernagel-Scharte auf dem Einband ewig dran erinnern. Der Abdruck des Irren. Wie ein Brandmal des Teufels.
Andi seufzte, stand auf und trat hinter seinen Bürostuhl. Bis sie begriffen hatte, daß sie seinen Rücken sah, hatte sie schon wieder sein Gesicht vor sich. Nelli verfluchte ihr Abschweifen. Vielleicht wäre das die Chance gewesen, den Kerzenhalter zu schnappen und die Bude in Brand zu stecken.
»Jede große Idee wurzelt in mehreren kleinen Einfällen, die sich plötzlich – Heureka ...«
Er schaute sie listig an, ob sie die Anspielung begriff. Nelli lächelte und nickte, und Andi nickte zufrieden zurück.
»Heureka in Eureka.«
Er schloß die Augen, grinste beseligt und wiegte den Kopf. Nelli starrte auf die Kerzen. Sie mußte sich mit Gewalt in Erinnerung rufen, daß sie außer Reichweite standen und sie angekettet war.
»Ich vertraue dir jetzt wirklich mein Innerstes an, Nelli. Ich hoffe, du erweist dich dieses Vertrauens als würdig.«
Von den Kerzen schaute sie hoch zu seinem Gesicht. Er hatte die Augen noch geschlossen, aber es kam ihr vor, als könne er sie durch die geschlossenen Lider hindurch sehen.
»Deine Geheimnisse sind bei mir sicher, Andi«, sagte sie leise.
Er grinste übers ganze Gesicht, die Augen immer noch geschlossen.
»Ohne Zweifel, Nelli, ganz ohne Zweifel.«
Während er die Augen wieder öffnete, erschlaffte sein Grinsen so langsam und kontrolliert, als würde es gedimmt.
»Nun gut, bei mir waren es drei Begebenheiten, die jede für sich viele Einfälle nach sich zogen und schließlich vor fünf Jahren zu der ganz großen Idee verschmolzen. Plötzlich machte alles einen Sinn. Kennst du Johann Peter Hebel?«
»Den Dichter?«, fragte Nelli vorsichtig. An Andis Blick sah sie, daß sie etwas für ihn sehr Wichtiges richtig beantwortet hatte.
»Ja, den Dichter. Seine kleine Geschichte vom Unverhofften Wiedersehen rührt mich heute noch zutiefst, sie hat alles in mir angestoßen, sie hat ...«
Er starrte ins Leere, holte Luft, seine Wangen röteten sich.
»Ich war ja noch ein Kind damals, es muß wohl Intuition gewesen sein, eine tiefe Bereitschaft für das Thema, eine Art Vorahnung auf mein Schicksal, jedenfalls – kennst du die Geschichte überhaupt?«
Mit großen Augen richtete er den Blick erwartungsvoll auf Nelli.
»Ja, klar«, antwortete sie sofort und hoffte, mit dieser Lüge keinen Fehler zu machen.
»Das ist schön. Du bist wirklich die Richtige, Nelli.«
Sie nickte ihm aufmunternd zu und entspannte sich etwas. Er war wie in Trance. Besser konnte es gar nicht laufen. Wer so weit ausholte, der würde stundenlang erzählen. Sie würde ihm alles versprechen, bis es plötzlich Morgen war und die ersten Gäste vor der Tür standen, während er immer noch erzählte. Sie würde versprechen, daß sie schweigen würde, und sie würde es ehrlich meinen und auch einhalten, und er würde sie gehen lassen. Höhepunkt und Tod würden miteinander dahergekommen, aber nicht miteinander gehen, sie würde den Tod geahnt haben und ihn gerade dadurch überwinden und ins Leben zurückkehren, sie würde…
»Dann weißt du ja«, sagte Andi langsam und gewichtig, »daß Tod und ewiges Leben eins sind. Dein Tod wird wunderschön sein, gar nicht schmerzvoll, Nelli, und dir ewige Jugend und Schönheit schenken.«