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Leseprobe
»Seine Leiche ist nicht mehr da?«, fragte Nelli und wechselte den Telefonhörer von der linken in die rechte Hand. »Nicht mehr da?«,
wiederholte sie. »Das heißt dann wohl, er wurde verbrannt statt beerdigt?« »Nein, das heißt ganz offen gestanden, daß wir nicht wissen, was mit ihm passiert ist«, antwortete der Polizist.
»Dann lebt er womöglich noch?« »Nein, natürlich nicht. Das auf keinen Fall. Sie haben doch, glaube ich, seine Leiche sogar berührt?« Nelli schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie sie den Finger an Andis
harte, kalte Wange gedrückt hatte. Gott sei Dank, hatte sie damals gedacht, Gott sei Dank, der steht nie mehr auf. »Sollte ich deshalb bei Ihnen anrufen? Weil Sie denken, ich wüßte, was passiert ist?« »Sie
sollten mich anrufen, um uns Ihren Aufenthaltsort mitzuteilen. Auch wenn die Leiche nicht verschwunden wäre, müßten wir wissen ...« »Wie kann denn eine Leiche überhaupt verschwinden?«, fiel Nelli dem Polizisten
ins Wort. »... müßten wir wissen, wie wir Sie erreichen können, wenn noch Fragen auftreten«, redete er gegen ihre Frage an. »Immerhin handelt es sich um einen der ungewöhnlichsten Serienmordfälle der
Polizeigeschichte. Die Ermittlungen werden sich noch Monate hinziehen, und Sie sind unsere einzige lebende Zeugin.« »Ich habe nach wie vor keinen festen Aufenthaltsort«, sagte Nelli leise und ahnte, daß sie bei
der Polizei ohnehin längst als Herumtreiberin eingestuft worden war. »Und wo sind Sie zur Zeit?« »In Oberfranken, ein paar Kilometer südlich von meiner Heimatstadt Hof. Der Ort heißt Oberkotzau. Aber hier
bleibe ich nicht.« »Wo wollen Sie denn hin?« »Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Würden Sie mir jetzt bitte erklären ...?« »Ich weiß es auch nicht. Wir haben ihn nach der Bergung im Gletscher bei den anderen
Toten abgelegt, und am nächsten Tag...« »Warum denn abgelegt?«, fragte Nelli dazwischen. »Beruhigen Sie sich. Es war, wie Sie wissen, ein Samstagabend, als die Bergwacht ihn aus der Gletscherspalte zog. Wir
hatten weder einen Kranken- noch einen Leichenwagen vor Ort, weil am Montag darauf ohnehin die Bergung der Opfer begonnen hätte.« »Also haben Sie ihn und die anderen bis dahin unbewacht im Gletscher
zurückgelassen?« »Das Gelände war hinreichend abgesperrt. Und Tote muß man in der Regel nicht bewachen, Nelli.« »Offensichtlich doch!« »Es ist nun mal passiert.« »Und wie soll das jetzt weitergehen?«
»Wir ermitteln natürlich in alle Richtungen, aber ...« »In alle Richtungen, na toll! Tun Sie das sonst etwa nicht?« »Hören Sie, Nelli!« »Und mir gefällt auch nicht, daß Sie mich dauernd Nelli nennen. Das
ist seine Art zu sprechen.« Die direkte Anrede mit ihrem Vornamen machte Nelli eine Gänsehaut. Sie hörte Andis Stimme, seine an ihr festgemachten Selbstgespräche, seine Art, mit ihr umzugehen wie mit etwas, das
ihm gehörte und womit er machen konnte, was er wollte. »Ahnst du schon, worauf es hinausläuft, Nelli? Was soll denn das, warum krümmst du dich so zusammen, Nelli? Genauso hat er mit mir geredet, als ich da lag
und ihm ausgeliefert war.« Der Polizist schnaufte hörbar, und seine Stimme klang deutlich weniger vertraulich, als er weiter sprach. »Es tut mir leid, Frau Prenz, das konnte ich nicht wissen.« »Das konnten
Sie nicht wissen und wir duzen uns nicht. Hallo, sind Sie noch da?« »Was ist?« »Mein Geld ist gleich durch.« »Wie kann ich Sie erreichen?«, fragte der Polizist. »Gar nicht. Ich rufe Sie wieder an.«
»Aber da wäre noch was ganz Wichtiges zu besprechen...« Es klickte leise. »Verdammt!« Das war ihr letztes Kleingeld gewesen. Und sie hatte auch sonst nicht mehr viel Geld. Nelli ließ den Hörer sinken, bis
die Telefonschnur spannte, und stützte sich an den Apparat. Ihr Atem ging stoßweise. Da stand ihr Fahrrad, wie sie selbst an die Telefonstele gelehnt. Sie war frei und unbedroht, konnte tun und lassen, was immer,
konnte aufsitzen und fahren, wohin immer sie wollte. Aber Andi war verschwunden. Leiche oder lebendig, niemand wußte, wo das Scheusal steckte, und was es mit seinem Verschwinden auf sich hatte. Sie stand noch
fünf, sechs, vielleicht auch zehn Minuten an der Hauptstraße von Hof in Richtung Schwarzenbach/Saale, starrte blicklos auf die vorbeifahrenden Autos und Lastwagen und wußte einfach nicht, was sie machen sollte.
Eigentlich wollte sie zur Förmitztalsperre und von da aus zum Waldstein, zum Weißenstädter See, über Gefrees nach Bad Berneck, wieder hoch Richtung Münchberg ... – die Zickzack-Route ihres Aufbruches vor sieben
Jahren. Damals hatte sie gewußt, sie mußte umkehren, denn daheim wartete das Kind, ihre Stieftochter Monika, und hatte keine Ahnung, wo Nelli war. Sie hatte das Umkehren am Förmitzspeicher aufgeschoben, hatte es auf
dem Waldstein aufgeschoben, war ziellos auf dem alten Herrenfahrrad ihres verstorbenen Mannes durchs hufeisenförmige Mittelgebirge geradelt, bis sie in Richtung Bayreuth ausgeschert war, sich dort in einem Kaufhaus
in der Fußgängerzone eine Radlerausrüstung gekauft und damit allen Gedanken an Rückkehr eine mehr als nur vorläufige Absage erteilt hatte. Wäre sie damals umgekehrt, gleich hier oder spätestens an der
Förmitztalsperre ... Es ist nie zu spät! Nelli gab sich einen Ruck, wendete ihr Fahrrad, schob es vom Gehsteig, schwang sich auf den Sattel und nahm die Straße zurück Richtung Hof.
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