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FORTSETZUNG DES THRILLERS „SCHRECKENSGLETSCHER“
Die dunklen Seiten des Opfers

„Tiefpunkt” heißt der zweite Teil des Thrillers „Schreckensgletscher” von Manfred Köhler. Der Roman erscheint im Juli 2007 beim Gmeiner-Verlag. Im folgenden Interview geht es um Hintergründe der Fortsetzung.

Die Hauptfigur Nelli Prenz aus dem Roman „Schreckensgletscher“ hat den Serienmörder nicht als Ermittlerin zur Strecke gebracht, sondern hat sich als potentielles Opfer zur Wehr gesetzt und ihn nach langem Kampf besiegt. Sie ist damit eigentlich keine klassische Krimi-Serienfigur, die aus ihrer beruflichen Rolle heraus automatisch immer wieder mit Verbrechen konfrontiert wird. Welche Idee steckt also hinter der Fortsetzung?

Der schlimmste Moment in der ersten Geschichte ist für Nelli erreicht, als sie sich damit abfindet, in jener Nacht getötet zu werden, sich in ihr Schicksal schon fügt – und ihr potentieller Mörder ankündigt, sich nach der Tat auch ihre Stieftochter Monika zu holen. Erst durch diese Drohung erwacht Nellis Kampfgeist, sie besiegt ihren Peiniger und rettet damit auch Monika. Es lag nun also nahe, im zweiten Teil jemanden die Drohung wahrmachen zu lassen und Nelli in eine noch tiefere Krise zu stürzen.

Aber der Mörder aus Teil 1 ist doch tot und begraben?

Durch Zufall erfährt Nelli, daß die Leiche kurz nach der Bergung verschwunden ist – ein makabrer Scherz, wie die Polizei vermutet. Für Nelli ist die Information jedoch alarmierend. Ob er nun noch gelebt und sich selbst davongestohlen hat oder von jemandem abtransportiert wurde, mit Nellis fragilem Gefühl von wiedergewonnener Freiheit und Sicherheit ist es augenblicklich vorbei. Ohnehin war ja der Abschluß der ersten Geschichte kein Happy End. Nelli ist nach ihrer Heimkehr pleite, obdachlos, sie hat keine Ziele, keine Perspektive und ist damit kurz davor, über den schmalen Grat von der Herumtreiberin mit schwindenden Ersparnissen zur mittellosen Landstreicherin abzurutschen.

Und der Ausweg aus dieser Misere?

Die Geschichte ihrer siebenjährigen Fahrrad-Weltreise und vor allem die ihres Überlebenskampfes am Gletscher ist viel Geld wert, die Boulevardblätter reißen sich darum. Nelli zögert, weil sie ihrer Stieftochter die Ereignisse verschwiegen hatte und nicht will, daß sie jetzt auf diese Weise davon erfährt. Aber aus finanzieller Not bleibt ihr schließlich keine Wahl als eines der Angebote anzunehmen. Die Reporterin, mit der es Nelli zu tun bekommt, recherchiert so gründlich und arbeitet so sachlich die Fakten auf, daß Nelli gerade dadurch in einem besonders schlechten Licht dasteht – nicht so sehr als Opfer denn als Draufgängerin, die ihr Schicksal herausgefordert hat und aus eigener Schuld in Not geraten ist.

Nellis Abgründe, sozusagen die dunklen Seiten des Opfers, waren ja auch im ersten Roman schon eines der Parallelthemen zur eigentlich Thrillerhandlung.

Und diese Nebenhandlung spielt auch in der Fortsetzung eine wichtige Rolle. Letztlich geht es um eine Frau, deren bürgerliches Leben in die Brüche gegangen ist, der die Probleme über den Kopf gewachsen sind und die einfach davongelaufen ist. Das macht auch den besonderen Reiz der Geschichte aus, denn die meisten Menschen wünschen sich von Zeit zu Zeit, einfach alles hinzuschmeißen und auf Nimmerwiedersehen in die Welt hinaus zu ziehen. Nelli hat es getan und sich dabei zu einer sehr willensstarken und kämpferischen Frau entwickelt. Die Freiheit, die sie genießt, hat allerdings auch ihre Schattenseiten, allen voran das Gefühl von Ausgestoßenheit. Je länger Nelli unterwegs ist, desto unausweichlicher wird der Drang, sich ihrer Verantwortung zu stellen, zurückzukehren und reinen Tisch zu machen. In der Fortsetzung wird ihr klar, daß es damit allein nicht getan ist.

Kann man denn mehr tun als sich zu entschuldigen – macht man mit dem Versuch einer viel zu späten Wiedergutmachung nicht alles nur noch schlimmer?

Genau das ist das Thema. Nelli verstrickt sich immer mehr. Sie sieht nicht ihre wirklichen Fehler, sondern steht nur zu denen, die sie vor sich selbst nicht gar so schlecht aussehen lassen. Auch ihr früheres Verhältnis zu ihrer Stieftochter betrachtet sie nicht objektiv, aber da ist die Verblendung umgekehrt: Sie gibt sich alle Schuld und gefällt sich in ihrer Büßerrolle, obwohl es Umstände gibt, die ihre Flucht auch in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. In der ersten Geschichte war es der zwielichtige Hüttenwirt Andi, der Nelli die Masken vom Gesicht riß, und obwohl er sich später als geistesgestörter Serienmörder entpuppte, denkt Nelli an ihn nun auch zurück als an jemanden, der ihr mehr Interesse entgegenbrachte als jeder andere Mensch zuvor und der ihr wichtige Einsichten über sich selbst bescherte. Letztlich war er es, der sie ihren bloßen Vorsatz, in ihrer Heimatstadt zurückzukehren, auch in die Tat umsetzen ließ. In der Fortsetzung nun ist es die Reporterin, die Nellis schmerzhafte Aufarbeitung ihrer Vergangenheit vorantreibt.

Und auch die Krimi-Handlung?

Die natürlich in erster Linie. Die Artikelserie in der Illustrierten liest auch jemand, dem es überhaupt nicht gefällt, wie Nelli aus den Ereignissen in Andis Tunnel des Schreckens Kapital schlägt. Ein anonymer Brief geht ein. Die Forderungen darin zwingen Nelli, an den Schauplatz der schlimmsten Nacht ihres Lebens zurückzukehren. In einem versteckten Kellerraum unter der Paßwirtschaft findet sie schließlich die Antwort darauf, was aus Andi geworden ist...