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Ghostcam

Roman

Als der abgehalfterte Lokaljournalist Benno Zenn im Internet auf einen Link zu einer Reihe von Webcams stößt, die zum Zwecke der Gespensterjagd in alten Burgruinen und Schlössern installiert sind, wittert er die große Story. Tatsächlich meint er, auf einem Bild einer der so genannten Ghostcams eine Gespenstererscheinung gesehen zu haben ...

Ghostcam
Roman
Verlag Peter Hopf 2006
www.vph-ebooks.de

Leseprobe

„Das gibt’s doch nicht!“
„Benno, alles in Ordnung bei dir?“
„Du glaubst nicht, was ich hier gerade ...“
Er besann sich in dreierlei Hinsicht.
Erstens: Karl Herget glaubte nicht an Gespenster.
Zweitens: Ein Sensationsbild wie dieses war in Hergets Käseblatt wie ein Millionenlos im Pennerhut.
Und drittens: Die Ghostcam-Bilder wechselten alle 30 Sekunden – und auf dem nächsten Schnappschuß war die Spukerscheinung vielleicht schon nicht mehr drauf.
Er ließ den Hörer fallen, stürzte sich auf den Computer, klickte mit der rechten Maustaste auf das Bild und mit der linken auf „Speichern“. Als die Befehlsmaske verschwand, hatte auch das Bild gewechselt – es zeigte eine grobe, gewölbeartige Mauer. Die weiß leuchtende Spukerscheinung war verschwunden.
„Mist!“
Benno ging auf Nasenspitzennähe an den Bildschirm heran und suchte die Aufnahme ab. Ein möbelloser, kahler, gruftgleicher Raum, definitiv leer. Und dennoch: Benno hatte das Gefühl, noch immer angestarrt zu werden von dem unsichtbar gewordenen Gespenst.
„Vielleicht ... Vielleicht hab ich ja Glück.“
Er griff zur Maus, minimierte das Fenster und öffnete den Internet-Explorer. Erst jetzt spürte er die Gänsehaut am ganzen Körper. Das Bild hatte ausgesehen wie ein typischer Fake. Gespenster waren leicht am Computer zu basteln. Er selbst hätte es mit Photoshop oder Corel Draw echter hinbekommen als auf diesem Screenshot, aber was ihn alarmiert und mit einer Gänsehaut umpanzert hatte war nicht der Anblick des Bildes gewesen, seine scheinbare Echtheit, sondern das sofortige, unzweifelhafte Wissen, daß er wirklich und wahrhaftig ein echtes Gespenst sah, daß er das erste Mal in seinem Leben in eine andere Welt hinüberschaute – mehr noch: Die andere Welt hatte zu ihm herübergeschaut. Er hatte nicht zufällig ein Gespenst ertappt, das ahnungslos durch leere Räume schwebte, sondern die Erscheinung hatte ihn von ihrem Spukschloß aus durch die Kamera übers Internet und durch seinen Bildschirm heraus angestarrt und sich durch die Intensität des Blickes bemerkbar gemacht. Die Augen des Wesens hatten ausgedrückt: Ich sehe in die Kamera, und durch die Kamera sehe ich dich.
Welcher Ordner?
Verflucht, wo zum Teufel hatte er das Bild gespeichert?
Ganz sicher unter „Eigene Dateien“.
Er öffnete sämtliche Ordner des Verzeichnisses – nichts.
Irgendein temporäres Ablagefach?
Er doppelklickte auf Laufwerk C. Unter der senkrechten Reihe der gelben Kästchen mit den Programm-Ordnern reihte sich ein kunterbuntes Durcheinander vom System angelegter Dateien: AxLog, Command, Frunlog, NetLog, Raider, TDSLCheck, ToInstallLog, Unbenannt.bmp ...
Moment mal!
Er doppelklickte auf „Unbenannt“.
Und da war sie.
Volltreffer. Er hatte das Gespenst auf seine Festplatte gebannt!

Die Gänsehaut lief in einer zweiten Welle vom Gesäß über den Rücken zum Nacken. Benno Zenn empfand es als angenehm und unheimlich zugleich.
Mit fahrigen Fingern klickte er auf das Drucker-Symbol, und seine alte Kiste ratterte und drehte ihre Walzen, zog ein Papier ein und sprühte das Gespenst aus dem Computer auf ein greifbares Bild.
BILD. Oh ja, das war was für die Bild-Zeitung. Nicht nur für die. Er mußte sie alle angehen, alle großen Boulevard-Blätter und Sensationsmagazine der Privatsender und die Klatsch-Illustrierten. Das war sein Fahrschein aus diesem Dreckloch von Kellerwohnung in einen Luxusbungalow, das war was für alle Titelseiten und die beste Sendezeit am Samstagabend, mehr noch, das war was für einen Exklusiv-Vertrag und millionenschwere Filmrechte, das war was für ein sofort hinterher geschobenes Buch und ...
Bockmist!
Wo war der Beweis? Seine Gänsehaut war bestimmt keiner.
Der Geist war echt, kein Zweifel, aber im Moment wußte das nur er selbst, Benno Zenn, und er hatte nichts als ein grob pixeliges Digitalfoto einer jungen Frau im Nachthemd und einen etwas verwaschenen Ausdruck.
„Ich muß da hin. Wo ist das überhaupt?“
„Trieffendorf, Schloß Schreckenstein“, stand am unteren linken Bildrand.
„Schreckenstein, wie pathetisch. Na, wenigstens nicht in England.“
Aber so oder so, für eine Bahnfahrkarte würde er seine letzten paar Kröten hinlegen müssen. Für Übernachtungskosten vor Ort würde nichts bleiben.
Mal langsam. Erst mal den Verstand einschalten.
Nach seinem Sprung zum Computer, um den Geist per Mausklick einzufangen, war er davor knien geblieben. Jetzt zog er sich den Stuhl heran, setzte sich bequem hin, schüttelte sich, um die Gänsehaut loszuwerden, und versuchte, das Bild unvoreingenommen zu betrachten.
Er verglich den Ausdruck mit dem bildschirmfüllenden Screenshot des Bildbearbeitungsprogramms.
„Wie komme ich drauf, das Gespenst könnte echt sein?“, flüsterte er vor sich hin. „Mein berühmtes Gespür, klar, damit lag ich meistens richtig. Aber Gespür ist ja nicht Hexerei, sondern die unbewußte Wahrnehmung eines Details.“
Er zog ein Vergrößerungsglas aus dem linken untersten Schubfach, hielt es kurz an den Ausdruck und vor den Bildschirm – in beiden Fällen sah er nichts als Pixel.
Nein, das war es auch nicht, die Echtheit lag nicht in einem Detail, sondern im Vorhandensein des Bildes an sich. Warum? Komm schon, du wirst dir keine Fahrkarte kaufen, bevor du nicht selbst sicher bist. Was ist der Beweis?
Es gab keinen. Zumindest nicht, was den Bildinhalt betraf. Aber irgendwas war da, der Beweis lag ihm auf der Zunge ...
„Mist.“
Er schob den Ausdruck von sich weg und drehte sich halb zur Seite.
Trieffendorf. Na wenigstens nicht in England ...
Das war es!
Mit zitternden Fingern wechselte er vom Bildbearbeitungsprogramm zurück auf die Ghostcam-Website. Er scrollte die Auflistung der in Schlössern, Burgen, alten Herrenhäusern und sonstigen unheimlichen Orten postierten Internetkameras runter und wieder rauf, noch mal runter ...
Das war es!
Die Kameras standen in Süd-Wales, Evansville, Salford, Belfast, Corpus Christi, Snohomish, Painesville, Longdendaile, Lourdes, Loch Ness und Area 51 – kein einziger Ort davon war in Deutschland. Und es gab keinen Ghostcam-Ausschnitt auf dieser Website, der dem seines Screenshots auch nur annähernd glich. Trieffendorf gab es auf der ganzen Website nicht; die Suchfunktion ergab Null Treffer, desgleichen unter Google.
Fazit: Nicht er, Benno Zenn, hatte diese Webcam aufgerufen – das Gespenst selbst hatte sich zu ihm durchgeklickt!