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Blauer Frosch

Roman

Neben einer Schloßruine im Wald liegt an einem Rastplatz ein Wanderergästebuch aus. Eine geheimnisvolle Handschrift darin scheint auf zukünftige Ereignisse im Leben des Abiturienten Sebastian Forberig hinzudeuten. Fasziniert von den Botschaften verfällt der junge Mann dem Geist des ehemaligen Besitzers, der in den Kellern der Schlußruine umgeht, und macht sich zu dessen Werkzeug. Alle Versuche Sebastians, den unheimlichen Eindringling wieder loszuwerden, führen nur zu immer absonderlicheren Zwangshandlungen, die zunächst keinerlei Sinn ergeben. Doch bald zeichnet sich ab, daß kein harmloser Spuk hinter der Besessenheit steckt, sondern ein mörderischer Racheplan...

Blauer Frosch
Roman
Verlag Peter Hopf 2006
www.vph-ebooks.de

Leseprobe

Ihre Eltern wußten nichts von uns, und sie schienen auch nichts daraus zu schließen, daß ich bis in die Nacht mit ihnen im Krankenhausflur vor Myriams Zimmer Wache hielt.
Sie schlief. Die Ärzte hatten das Husten abgestellt. Irgendwann konnten wir die mechanische Aufforderung der Nachtschwester, wir sollten endlich nach Hause gehen, nicht mehr hören und gingen.
Am nächsten Morgen war ich kurz vor sieben im Krankenhaus, schlich den Gang auf Myriams Station entlang und schaffte es unbemerkt in ihr Zimmer. Beide Betten waren leer und abgezogen. Ich rannte zum Schwesternzimmer.
„Myriam Senter, wo ist sie ...?“
„Sind Sie ein Familienangehöriger?“
„Durfte sie nach Hause?“
„Dann sind Sie kein Familienangehöriger?“
„Gestern hieß es, nur zur Beobachtung ...“
„Wenn Sie nicht zur Familie gehören ...“
„Ich bin ihr Freund.“
Sie schaute mich an, ein ganz junges Gesicht, jünger als ich, wie es mir vorkam, vielleicht eine Schwesternschülerin. Hilflos schaute sie über die Schulter, aber sie war allein, keine Kollegin verfügbar. Mitleid regte sich in ihrem Gesicht, und sie flüsterte:
„Sie wurde heute Nacht auf die Intensivstation verlegt.“
„Was? Warum? Kann ich ...?“
Sie schüttelte nur den Kopf, und ich resignierte. Auf dem Weg zu meinem Fahrrad kam ich an einer Bankreihe vor dem Haupteingang des Krankenhauses vorbei, und ohne irgendetwas zu beschließen, bezog ich hier Posten.
Als zwei Stunden später Myriams Mutter das Krankenhaus in Richtung Parkplatz verließ, erkannte ich sie kaum, ungeschminkt und verschlafen wie sie war. Sie lächelte matt, als sie mich sah.
„Du hast sie wohl sehr gern?“, fragte sie und schaute mir direkt in die Augen. Wie immer, wenn mich jemand derart intensiv ansah, selbst wenn es wohlwollend war, senkte ich den Blick, nickte nur; neu war, daß ich dabei den kleinen Knochen drückte, an dem ich mich seit Tagen schon festklammerte, ohne es so recht zu merken. Ich trug ihn meist in der rechten Jeanstasche, spielte dort drin versteckt mit ihm herum, wenn ich die Fäuste in den Taschen hatte, oder holte ihn auch hervor, wenn ich saß oder ging und hielt ihn einfach in der Hand, immer in der rechten, denn dort gehört er hin. Er fühlte sich porös an, leicht und zerbrechlich, warm und weich.
„Ich gehe ein paar Sachen für sie holen. Willst du mitkommen?“
Ich nickte und stand auf.
„Wie geht es ihr denn?“
„Nicht so gut.“
„Und was hat sie überhaupt?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Lungenentzündung. Verschleppte Erkältung. Besonders überzeugend kommt mir die Diagnose der Ärzte nicht vor. Sie machen weitere Tests ...“
„Könnte es nicht was ganz Neues, Unbekanntes sein?“
„Sie war aber nicht im Ausland. Und hatte keinen Kontakt mit jemand, der sie angesteckt haben könnte. Zumindest erinnert sie sich nicht.“
„Und ihre Tante?“
„Meine Schwester ist das, sie hat ihr Blut untersuchen lassen, vorsichtshalber. Aber sie war die ganze Zeit gesund. Vielleicht ist es wirklich nur eine Lungenentzündung, ich denke, durch den Abiturstreß bedingt ... Myriam hat sich schon immer alles sehr zu Herzen genommen.“
Ich nickte und fühlte mich scheußlich.
Meine Unruhe wuchs während der Fahrt, ich bekam schweißnasse Hände, fühlte mich schuldig. War kurz davor, etwas zu sagen, als wir ausstiegen, durch den Garten zur Haustür gingen, durch den Flur zur Treppe, die Treppe hoch. Zum zweiten Mal betrat ich Myriams Zimmer, diesmal ohne sie, wie sonderbar und traurig. Aber da war mehr. Da war das Gefühl einer latenten Bedrohung, eine Ahnung schicksalhafter, nicht änderbarer Abläufe, meinte ich. Ich stand verloren und nutzlos herum, während Frau Senter einige Sachen zusammensuchte: Myriams Walkman, ein paar Bücher, einen Stoffhasen mit riesigen Füßen ...
Überall war da etwas, jedem Gegenstand im Raum haftete etwas an. Eine Duftmarke war gesetzt worden.
„Wollen wir den Fernseher mitnehmen“, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf und zog den Reißverschluß der Tasche zu.
„Nicht erlaubt auf der Intensivstation.“
Ich nahm ihr die Tasche ab.
Eine tödliche Duftmarke.
Ich mußte etwas sagen.

Und ich war auch entschlossen dazu, als ich in Frau Senters Begleitung die Schleuse passierte und die blaue Schutzkleidung samt Mundmaske anlegte, in die Plastik-Überschuhe stieg. Dem erstbesten Arzt, der mir hier begegnete, würde ich alles erzählen. Sollten sie mich doch für verrückt halten.
Wir hörten Myriam von weitem husten, als wir uns ihrem Bereich näherten. Einzelne Zimmer gab es hier nicht, nur lange Räume mit offenen Türen und Fenstern an den Innenwänden. Durch einen Korridor aus mannshoch gestapelten, laut summenden Apparaten näherten wir uns ihrem Bett, und als sich der Blick auf sie öffnete, hörte das Husten schlagartig auf.
In diesem Moment wußte ich, daß ich keinem Arzt und überhaupt keinem Menschen erzählen würde, was mit Myriam los war.
Sie lag auf dem Rücken und vom Husten noch ganz verkrampft, im Gesicht blau angelaufen, eine Schwester mühte sich, ihr das Bettoberteil aufrecht zu stellen, um ihr das Luftbekommen zu erleichtern, aber man sah der jungen Frau die Vergeblichkeit ihrer Mühe an. Nur ich allein durchschaute den Grund dieser Vergeblichkeit: Auf Myriams Brust hockte ein fettes, blaues, qualliges Etwas, drückte ihr die Luft ab und das Leben aus dem Leib und verunmöglichte es der Schwester durch sein schieres Gewicht, ihren Körper aufrecht zu bekommen. Ich sah diesem Etwas seinen Preßdruck an, eine willkürlich einsetzbare Tonnenlast, obwohl das Ding an sich leicht und flüchtig war, eigentlich nicht vorhanden und doch alles bestimmend und beeinflussend. Die Umrisse markierten ein Körpervolumen wie das eines Menschen, doch die scheußliche Glibbermasse hockte zusammengekauert wie ein Frosch auf Myriams Brust, ihre flache, breite Fratze hatte einen grinsenden Ausdruck, der aber täuschte – ihr Charakter war ernst und böse und nie zu Späßen aufgelegt.
Das Ding sah mich, erkannte mich, setzte zu einem Riesensprung an, löste sich von Myriams Brust, flog mir entgegen, das war der Moment, in dem ihr Husten schlagartig aufhörte und die Schwester mit Leichtigkeit ihr Bettoberteil aufrichten konnte – und auf halbem Weg löste sich das blaue Scheusal auf, bevor es auf meiner Brust landen und mich umwerfen konnte, zerfranste, zerfaserte, zertropfte in der Luft, verschwamm und verbleichte, hörte auf sichtbar zu sein. Hatte sich in seine Dimension zurückgezogen, aber war nach wie vor im Raum und haftete mir und Myriam an. Und ich wußte, es würde hocken bleiben, so lange wir hier waren, und uns überall hin folgen, sobald wir gingen. Wenn es vertrieben werden konnte, dann nicht durch Medizin und Apparate, sondern einen Weg, den ich zu finden hatte. Myriam sah zu uns her und versuchte ein Lächeln, unser Erschrecken über ihren Hustenkrampf löste sich, und wir eilten zu ihr ans Bett. Die Schwester war gerade dabei, ihr den Schweiß von der Stirn zu wischen. Myriam leckte sich über die Lippen, und auf einmal sah sie aus, als hätte sie dick Lippenstift aufgelegt, frisch, feucht und blutrot.