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Das dritte Verlies

Roman

Der erfolgreiche Maler Paul Brenner steckt sein gesamtes Vermögen in ein romantisches kleines Schlößchen, das er sich als Atelier einrichten will – und merkt zu spät, daß er sich damit selbst in einem spukverseuchten Höllenloch gefangen gesetzt hat. Mindestens zwei Vorbesitzer sind in dem Haus bereits spurlos verschwunden. Brenner ahnt, daß die Ursache allen Horrors hinter einem vermauerten Gang in den Kellergewölben verborgen liegt, und er beginnt damit, die Mauer einzureißen. Was er nicht ahnt, ist, welch grenzenloses Grauen ihn in den alten Verliesen tief unter der Erde erwartet – und daß es ihm bestimmt ist, seinen eigenen Tod zu erleben, um sein Leben zu retten...

Das dritte Verlies
Roman
Verlag Peter Hopf 2007
www.vph-ebooks.de

Leseprobe

„Das ist merkwürdig...”
Paul Brenner trat einen Schritt von den Treppchen zur Haustür zurück und deutete zum Nebengebäude mit den Garagen, vor dem sein neuer schwarzer Porsche Cayenne parkte. Dahinter stand der nachtblaue A-Klasse Mercedes der Hausverwalterin.
„Was denn?”
Die Hausverwalterin, eine kleine langhaarige Frau um die 50, entnahm ihrem Umhängetäschchen einen einzelnen Flachschlüssel.
„Fällt mir erst jetzt auf, wo ich näher dran bin. Das Haus sieht aus wie neu, aber vom Garagentor blättert die Farbe.”
„Das liegt vielleicht daran... - oje!”
Sie versuchte vergeblich, den Schlüssel ins Schloß der Haustür zu stecken.
„Ich habe wohl den für die Hintertür erwischt. Diese modernen Schlüssel sehen alle gleich aus. Na, macht ja nichts...”
Den Schlüssel vorgestreckt, kam sie die Treppchen vom überdachten Eingangs-Vorbau zum Gartenweg herunter und ging an Brenner vorbei, der immer noch die Garage anstarrte. Sie schwitzte in ihrem fliederfarbenen Kostüm. Es war Ende August, und seit Wochen lag die Tagestemperatur über 30 Grad. Die Bäume warfen ihr vertrocknetes Laub ab, die Wiesen waren zu Wüstenlandschaften verdorrt.
„Ach das. Wissen sie, der Vorbesitzer hat das Anwesen recht überraschend wieder aufgegeben. Da war er mit dem Renovieren wohl nicht mehr bis zur Garage gekommen.”
Auf einem schmalen Plattenweg, der zwischen Haus und Garagen hindurch führte, umrundeten die Hausverwalterin und ihr potentieller Kunde den wuchtigen Turm des verwinkelt gebauten kleinen Schlosses und erreichten die im Schatten liegende Rückseite. Brenner bestaunte die makellose weiße Farbe der Wände und schüttelte den Kopf.
„Warum steckt jemand viel Geld in die Komplettrenovierung eines Hauses und verschwindet dann so einfach spurlos, bevor alles fertig ist?”
„Das sind ja nur Gerüchte, Herr Brenner.”
Sie steckte den Schlüssel ins Schloß der Hintertür und strahlte erleichtert, als er paßte.
„Die Leute im Ort sagen, man habe ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, und im Frühjahr habe seine Familie ihn für tot erklären lassen.”
Das Lächeln der Hausverwalterin erlosch.
„Egal, was die Leute im Ort Ihnen erzählen, das ganze war nichts weiter als eine typische Nachwende-Geschichte: Westdeutscher kauft Ost-Immobilie und übernimmt sich mit den Renovierungskosten. Das Besondere an dem Fall ist nur, daß dieser Herr seine Familie mit den Schulden im Stich gelassen hat. Bitte sehr.”
Wieder strahlend, stieß sie die Hintertür auf. Brenner trat in einen gewölbeartigen, weiß gestrichenen Gang.
„Wieso ist das Anwesen aber so günstig zu haben? 300.000 Euro für ein Schloß mit 9.000 Quadratmetern Parkanlage...”
„9.650 Quadratmeter!”
„Das ist fast geschenkt.”
„Herr Brenner, wir sind hier am Ende der Welt. Zur nächsten Stadt sind es über 40 Kilometer.”
Brenner lächelte.
„Ich weiß, das ist ja meine Heimatstadt.”
„Das Haus ist außerdem nicht gerade komfortabel ausgestattet...”
„Ich bewundere Ihre Ehrlichkeit.”
„Oh, ich will die Immobilie nicht abwerten. Als Wochenend- Domizil ist sie ideal.”
„Ich bin nicht auf der Suche nach einem Wochenendhaus. Ich will hier mich hier niederlassen.”
„Ach ja?”
„Ja. Ich suche Ruhe, Natur, frische Luft...”
Der Gewölbegang, durch sie ins Haus gelangt waren, führte im Bogen um den Turm herum zu einer Tür, die nur angelehnt war und durch die Licht hereinfiel. Die Hausverwalterin stieß die Tür auf, und man gelangte in die Halle des Haupteingangsbereiches, wo auch der Zugang zum Turm war. Brenner war die Begeisterung über das, was er sah, anzumerken.
„Also, ich muß sagen, ich liebe alte Schlösser und Burgen, und das Haus hier ist das reinste Märchenschloß.”
Die Hausverwalterin beobachtete ihn ernst.
„Ich will nicht neugierig sein, aber haben Sie Ihren Arbeitsplatz nicht in der Stadt?”
„Nein, ich bin freischaffender Künstler und will mir hier mein Atelier einrichten.”
„Dann werden Sie also immer hier sein? Auch im Spätherbst und Winter?”
„Wieso fragen Sie? Stimmt mit der Heizung was nicht?”
„Die Heizanlage ist kein zehn Jahre alt, keine Sorge. Aber es gibt hier tüchtig Schnee, wahre Schneemassen, und das manchmal schon Ende Oktober.”
„Na prima!”
„Und eisige Stürme...”
„Dann bleibe ich eben im Haus. Wo ist das Problem?”
„Ich meine nur, Sie sollten im Winter nicht hier sein.”
„Ich will aber im Winter hier sein!”
„Heißt das, Sie nehmen das Haus?”
„Genau.”
„Aber Sie haben doch noch gar nichts gesehen.”
„Ich fühle mich hier auf Anhieb wie zu Hause, das ist das Wichtigste.”
In seinem Blick lag Erstaunen über sich selbst. Er nickte zögernd, dann immer entschlossener.
„Ja, ich nehme es auf jeden Fall.”
Die Hausverwalterin fröstelte. Ernst schaute sie Brenner in die Augen.
„Tun Sie mir einen Gefallen?”
„Klar.”
Sie hielt ihm den Schlüssel entgegen.
„Verbringen Sie erst eine Nacht hier, bevor wir zum Notar gehen. Wenn Sie das Haus danach immer noch wollen, dann bitte.”
Brenner wollte lächeln, aber sah ihren mühsam unterdrückten Schüttelfrost. In der Tat war es hier, verglichen mit der Hitze draußen, auffallend kühl, wenn auch nicht kühl genug für eine Gänsehaut. Er nickte.
„In Ordnung.”
Sie wandte sich zum Gehen.