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Der Biß

Roman

Der Millionenerbe Frank Fercher führt mangels ernsthafter Aufgaben ein Leben als Hasardeur. Aus reinem Übermut legt er sich mit einem Kriminellen an, doch der vermeintlich harmlose Nervenkitzel hat Folgen: Frank Fercher wird entführt, um sein gesamtes Vermögen gebracht und kommt erst nach langer Odyssee wieder frei. Am Existenzminimum vegetierend, perspektivlos und verbittert, beschließt er, dem Entführer wenigstens einen Teil des Lösegeldes wieder abzujagen...

Der Biß
Roman
Verlag Peter Hopf 2007
www.vph-ebooks.de

Leseprobe

Der Mann, der mein Leben zum Entgleisen gebracht hat, war klein und stämmig und kam von links vorne aus einer Menschenmenge heraus auf mich zugehastet. Obwohl er rannte, lagen seine aschblonden Haare streng gescheitelt auf seinem Kopf. Ich weiß noch, daß er Bundeswehrhosen mit Bügelfalte trug und eine hellbraune, abgewetzte Lederjacke. Er zeigte mir einen Ausweis mit einem sternförmigen Emblem und sagte:
„Ich bin Polizist im Zivileinsatz und habe gerade zwei Ladendiebe beobachtet. Allein werde ich nicht mit ihnen fertig, und die Kollegen können nicht schnell genug hier sein. Würden Sie mir bei der Festnahme helfen?“
Ich nickte.
„Klar.“
„Dann kommen Sie.“
Schon hatte er sich wieder umgedreht und rannte zurück in die Richtung, aus der er auf mich zugekommen war. Ich beeilte mich, zu ihm aufzuschließen.
„Sie haben sich in die Gasse da vorne verdrückt.“
Aus dem Gedränge der Passanten in der Fußgängerzone gelangten wir in den Schatten einer unbelebten Nebenstraße.
„Die da.“
Er deutete mit einer Kopfbewegung auf zwei junge Kerle, die in einem Hauseingang herumlungerten und dabei waren, sich Zigaretten anzustecken.
„Sie nehmen den rechten!“
Seinen Ausweis hatte er noch in der Hand gehabt, er riß ihn hoch und rief:
„Polizei, kommen Sie bitte mit!“
Sofort griff er sich den kleineren der beiden Burschen, und ich konnte sehen, wie ich mit dem größeren zurechtkam. Kurzerhand faßte ich ihn am Oberarm und führte ihn aus dem Hauseingang heraus in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Der Polizist war mit seinem Verhafteten schon einige Meter voraus. Unser Abstand vergrößerte sich zusehends, denn der Mann, der mir zugeteilt war, ging gemächlich wie ein Eselsfuhrwerk und ließ sich nicht schieben noch drängen. Als endlich auch wir ins Menschengewühl der Fußgängerzone eintauchten, begann er sich gegen meinen Griff zu wehren.
„Muß das sein, daß Sie mich vor allen Leuten am Arm halten?“
Ich sah, daß der Polizist seinen Verhafteten losgelassen hatte. Bereit, bei einer Fluchtreaktion sofort nachzusetzen, nahm ich meine Hand vom Oberarm des Mannes. Er blieb an meiner Seite und rauchte seine Zigarette.
Wir erreichten den Haupteingang des Modegeschäftes „CbT“, in dem der Diebstahl stattgefunden haben sollte. Der Polizist war schon mitten im Laden an der Rolltreppe, ich sah seinen Kopf zwischen den Köpfen der Kunden erscheinen und wieder verschwinden. Kurz vor der Glasschiebetür, mitten im Eingangsbereich, blieb der Mann, den ich abzuführen hatte, plötzlich stehen. Menschen drängten sich auf beiden Seiten an uns vorbei. Irritiert sah ich ihn an. Er hob als Antwort die Hand mit seiner Zigarette kurz in die Höhe, bevor er sie zum Mund führte, nahm einen tiefen Zug, blies genußvoll aus.
„Da drin ist Rauchen verboten.“
„Dann machen Sie die Zigarette aus.“
„Ich will erst zu Ende rauchen.“
Er hob die Zigarette zum Mund, nahm einen weiteren tiefen Zug. Sie war erst halb zu Ende geraucht. Der Ärmel seiner Lederjacke knarrte leise, als er den Arm anwinkelte. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Mir fiel auf, wie jung er war, und doch schon ein Stier von Mann, unter seinem Pulli wölbte sich ein tonnenförmiger Brustkorb. Er hätte meine 1,90 leicht überragt, seine Arme und Beine waren länger und kräftiger als meine, aber sein Oberkörper war unverhältnismäßig gedrungen, sein Kopf saß halslos auf den Schlüsselbeinen.
Wieder zog er an seiner Zigarette, blies den Rauch aus. Seine blauschwarzen Haare trieften vor Gel, die Frisur sah aus wie mit Schuhcreme auf den Kopf gespachtelt.
„Warum lassen Sie mich nicht einfach laufen?“
Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie ein Angebot – als sollte nicht ich ihm entgegenkommen, sondern als gäbe er mir eine Chance damit. Ich schüttelte den Kopf.
„Weil Sie verhaftet sind.“
„Aber Sie sind gar kein Polizist. Ich hab das gleich gemerkt.“
Er sog an seiner Zigarette und sah mich dabei mit verengten Augen an.
„Bitte machen Sie jetzt die Zigarette aus.“
Er blies den Rauch in einem dünnen Strahl von sich und behielt die Zigarette in der Hand.
„Wenn die meine Personalien aufnehmen, dann schieben sie mich ab.“
„Das hätten Sie sich vorher überlegen müssen.“
„Ihnen kann’s doch egal sein, was mit mir passiert.“
Ich wußte nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Bevor der Polizist mich angesprochen hatte, wäre es mir egal gewesen – nun war es das nicht mehr. Ich hatte „Ja“ gesagt, und jetzt betraf es mich.
Mir fiel eine Bewegung in der Menschenmenge drinnen an der Rolltreppe auf. Der Polizist hatte sich umgedreht und machte mir Handzeichen im Befehlston, ich solle endlich nachkommen. Der Mann, um den es ging, starrte teilnahmslos zu dem winkenden Polizisten und nahm einen weiteren Lungenzug. Erst jetzt sah ich, daß ihm ein Stück vom rechten Daumen fehlte, gerade so viel, wie der Fingernagel ausmacht. Der Stumpf war rot und verdickt.
„Machen Sie jetzt endlich die Zigarette aus und kommen Sie.“
„Was halten Sie davon: Ich laufe weg, und Sie tun so, als ob Sie mich nicht einholen können. Der Polizist kann Ihnen keinen Vorwurf machen, Sie sind ja nur ein Passant, der ihm zufällig über den Weg gelaufen ist.“
„Nein, das mache ich nicht mit.“
„Wie Sie wollen.“
Die Glut hatte den Filter erreicht. Er ließ die Zigarette fallen und trat sie aus. Ich konnte nicht ahnen, welche Tragweite meine Entscheidung haben würde, ihn nicht laufen zu lassen. Aber es überkam mich, als ich ihn den Zigarettenstummel mit der Schuhsohle vernichten sah, eine Gänsehaut am Rücken. Ich spürte, daß etwas geschehen war in diesem Moment, daß Ungeahntes auf mich zukam.
Er setzte sich in Bewegung, ging mit ausgestellten Füßen an mir vorbei durch die Glastür in das Geschäft, und ich folgte ihm. Als der Polizist in Sichtweite kam, faßte ich den Mann wieder am Arm: Alles im Griff, wollte ich signalisieren. Diesmal wehrte er sich nicht. Er neigte nur den Kopf, sah nach unten auf meine Hand, dann schräg hinter sich in mein Gesicht und wieder auf meine Hand.
Auf dem Weg zur Rolltreppe stauten sich die Kunden, wir gerieten in ein Gedränge, ich ließ ihn los, wir wurden aneinander gedrückt, und in diesem Moment muß es passiert sein, daß er mir unter die Jacke gegriffen hat, mir fällt kein anderer Moment ein, in dem ich ihm noch einmal so nahe gekommen wäre und eine dafür so günstige Position zu ihm eingenommen hätte.
Wir gelangten zur Rolltreppe und erreichten den Polizisten, der sichtlich erleichtert wirkte. Zu viert gingen wir an der Rolltreppe vorbei durch die Verkaufshalle zum Personalaufzug. Der Polizist drückte einen der Knöpfe, der Aufzug kam, hielt, die Schiebetür öffnete sich, wir stiegen ein. Die Türen schlossen sich mit einem schabenden Geräusch, die Kabine setzte sich mit leichtem Ruck in Bewegung.
Schweigen. Blickloses Starren.
Schweißgeruch stieg mit in die Nase und machte mir die Gesellschaft um mich herum unangenehm, auch die des Polizisten.
Der Aufzug hielt, die Tür ging auf, wir traten in eine Lagerhalle.
Der hohe, langgestreckte, unmöblierte Raum erinnerte mich an die typische Abrechnungskulisse aus Hollywoodfilmen. Fahrbare Kleiderständer aus Metall standen durcheinander, die meisten leer, einige mit neuer, noch von durchsichtiger Plastikfolie geschützter Ware behängt. Dahinter stapelten sich Kartons.
Links vom Fahrstuhl lag ein Büroraum, der aus zwei dünnen Preßspanwänden und einer Decke in ein Eck der Halle gebaut war. Durch ein Fenster in einer der Wände sah man zwei Schreibtische, darauf Papiere, Telefone, Ablagekästchen ...
Neben dem Büroraum standen ein paar Stühle. Der Polizist deutete darauf.
„Setzt euch da hin und wartet.“
Die beiden Verhafteten sahen sich kurz an und gehorchten. Aus einer Seitentür der Halle kam ein Mann in einem dunkelblauen Anzug.
„Sie kommt gleich“, sagte er zu dem Polizisten und gesellte sich dann zu den beiden sitzenden Männern.