|
Leseprobe
„Oh, verdammt, ist das kalt. Da lernt man ein geheiztes Bad schätzen.“
Monika huschte aus dem Zelt, ging über den klumpigen feuchten Kohlenstücken des niedergebrannten Lagefeuers in die Hocke, zog ungeniert
ihre Jogginghose herunter und pinkelte vor Nellis Augen neben den Camping-Klapphocker. Nelli senkte reflexartig den Blick und schüttelte den Kopf. Sie stützte die Fäuste auf den feuchtkalten Waldboden und wußte
nicht recht, ob raus aus dem Zelt oder wieder rein.
„Wir haben Mitte November, sei froh, daß es nicht geschneit hat.“
„Mir friert gleich der Hintern ab.“
„Na, dann lasse uns doch endlich umkehren. Mir reicht es schon seit der ersten Nacht.“
Monika zog die Hose hoch, räusperte sich statt einer Antwort den Hals frei und spuckte einen Schleimklumpen ins Gebüsch. Nelli konnte nicht
anders als entsetzt aufzulachen und sie mit aufgerissenen Augen anzustarren.
„Sag mal...!“
„Was?“
„Man könnte meinen, du bist in der Gosse aufgewachsen.“
„Nein, am Millionenhügel. Aber leider ohne Eltern.“
Es klang, als hätte sie nur auf das Stichwort gewartet gehabt. Noch immer auf allen Vieren, senkte Nelli wieder den Blick. Sie kroch zurück
ins Zelt und begann damit, die Schlafsäcke zusammenzurollen.
„Tut mir leid, aber so war das nun mal“, rief Monika von draußen mit künstlich unbekümmerter Stimme. Dem Geräusch nach schien sie den
Campingstuhl zusammenzuklappen.
„Dein schlechtes Benehmen hat damit ja wohl nichts zu tun“, gab Nelli zurück und versuchte, neutral und sachlich zu klingen.
„Warum nicht?“, fragte Monika, plötzlich ganz nah. Sie hatte den Kopf ins Zelt gesteckt und sah Nelli herausfordernd an.
„Weil du vorher ganz anders warst.“
Nelli stopfte die Schlafsäcke in die Schutzhüllen.
„Wann vorher?“
Mit den Schlafsack-Paketen in den Händen watschelte Nelli auf Monika zu und drängte sich an ihr vorbei aus dem Zelt heraus.
„Du weißt schon, was ich meine. Du wolltest diese Tour unbedingt machen.“
„Na und?“
„Seit wir aufgebrochen sind, suchst du andauernd Streit.“
„Wenn man zusammen verreist, kann es nun mal Konflikte geben.“
„Verreisen nennst du das?“
„24 Stunden am Tag ständig zusammen, da lernt man sich erst richtig kennen.“
„Wir waren vorher auch ständig zusammen. Zumindest die letzten paar Monate.“
„Tja.“
„Was – tja?“
„Unsere Beziehung normalisiert sich eben.“
Nelli schnaufte spöttisch durch die Nase.
„Was?“
„Wenn ständiges Zanken für dich Normalität ist.“
Nelli verstaute die Schlafsäcke auf ihrem Fahrradgepäckträger. Monika trat neben sie, stieß sie mit der Hüfte an und umfaßte ihre Schulter
kumpelhaft-herablassend mit einem Arm.
„Also, jetzt sei mal keine Mimose, liebe Stiefmama. Genieße die Tour!“
Nelli schüttelte ihre Umarmung ab und hob den Campingstuhl auf.
„Ich breche diese Tour jetzt ab.“
„Wie meinst du das?“
„Wie meine ich das wohl? Wir kehren um.“
Mit einem Ruck riß Nelli den ersten Hering aus dem Boden und packte schon den nächsten.
„Tun wir nicht.“
„Und ob! Was soll denn das überhaupt bringen?“
Das Zelt klappte zusammen. Nelli fischte durch den Eingang nach den Zeltstangen.
„Wie gesagt, es ist wichtig für mich.“
„So wichtig, daß du ununterbrochen nörgelst.“
„Ich kann auch gar nichts mehr sagen.“
Nelli verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und begann damit, Zeltstangen und Heringe zu sammeln. Monika stand daneben, sah ihr mit
verschränkten Armen dabei zu und zog eine Schnute. Nelli beachtete sie nicht, schüttelte das Zelt aus und rollte es zusammen. Die Stimme hinter ihr klang nun deutlich weniger angriffslustig:
„Nach nur einer Woche gibst du schon auf?“
„Eigentlich bin ich von einem Tagesausflug ausgegangen. Um diese Jahreszeit ist campen einfach hirnrissig.“
„Du warst doch damals auch bei jeder Jahreszeit unterwegs.“
„Das war aber was völlig anderes.“
Nelli stopfte Zelt, Stangen und Heringe in den Zeltsack, während Monika schweigend zusah.
„Es ist doch offensichtlich, daß wir diese Tour nicht genießen“, setzte Nelli nach.
„Darum geht es doch auch gar nicht.“
„Könntest du vielleicht mal helfen?“
„Wir haben noch gar nicht gefrühstückt.“
„Das machen wir unterwegs. Ich habe heute keinen Bock auf kaltes Wassermüsli.“
„Wir können ja Feuer schüren.“
Nelli klemmte den prallen Zeltsack auf Monikas Gepäckträger und suchte die Lichtung, auf der sie die Nacht verbracht hatten, nach
übersehenen Ausrüstungsteilen ab. Monika hatte begonnen, verstreute Äste und Zweige einzusammeln.
„Was soll denn das jetzt werden?“
„Fürs Feuer.“
„Wir schüren hier kein Feuer mehr. Gestern abend hat es über eine Stunde gedauert, bis das feuchte Zeug endlich gebrannt hat.“
„Wir haben doch Zeit.“
Nelli schnaufte tief ein und aus, ging zu ihrem Fahrrad, klappte den Ständer hoch und schaute über die Schulter zurück.
„Jetzt komm schon“, rief sie Monika versöhnlich zu. Die hielt mit ihrem hektischen Aufsammeln abrupt inne, ohne Nelli anzuschauen, stampfte
mit dem Fuß auf und schleuderte die Äste in ihre Richtung, ohne allerdings zu treffen.
Wortlos drehte sich Nelli von ihr weg und schob ihr Fahrrad aus dem Dickicht über den matschigen Waldweg zur Straße. Inzwischen hatte es zu
nieseln begonnen.
„Shit!“
Nelli fummelte am Reißverschluß des Kragens ihrer Allwetterjacke. Das Ding hakte, und es blieb ihr nichts anderes übrig als die Jacke
auszuziehen, um die Kapuze freizulegen. Hinter sich hörte sie Monikas tapsende Schritte. Ein Auto raste über die Kuppe heran, versetzte Nelli im Vorbeibrausen einen feuchtkalten Fahrtwindstoß, daß es ihr die Jacke
wegblähte, und war schon wieder bergab verschwunden.
Eine Schnapsidee war das gewesen, am Wandererparkplatz direkt unterhalb des Waldstein-Gipfels zu campieren. Hier oben war es deutlich
kälter als unten im Tal. Und dann dieser dauernde Sturm: Die halbe Nacht war sie wachgelegen, hatte dem heulenden Wind zugehört, dem Ächzen der Fichten, dem Zischen und Pfeifen der Böen im Geäst. Nelli freute sich
sehnsüchtig auf eine heiße Dusche, frische Klamotten und ihr weiches Bett im geheizten Schlafzimmer zu Hause.
Sie gähnte und nieste gleichzeitig, zog den Reißverschluß zu und band sich die Kapuze überm Kinn fest. Durch das runde enge Guckloch sah
sie Monika ihr Fahrrad auf die Straße schieben. Statt einer Kapuze trug sie eine Baseballkappe wie eine Haube über ihren zusammengestopften Haaren.
„He, nach rechts!“, rief Nelli ihr zu, aber ihre Stieftochter schob ihr Fahrrad ungerührt über die Straße und trat nach links an.
„Monika! Verflixt noch mal, das ist ein Umweg!“
Nelli beeilte sich, vor dem nächsten Auto über die Straße zu kommen und Monika einzuholen. Die trat mit voller Kraft bergab und hatte
inzwischen ein Tempo erreicht, das Nelli resignieren ließ. Also dann eben noch den Bogen über Weißenstadt.
|