Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Backstage – wie der Roman entstand:

„Oh Jägersruh, wie schön warst du!“

Vom einstigen Jagdschloss Jägersruh zwischen Titschendorf und Rodacherbrunn existieren nicht mal mehr Ruinen. Die DDR-Plattmacher, die in dem entzückenden Ausflugsziel mitten im Wald eine Gefahr für ihr Grenzgebiet sahen, waren gründlich.

Vergessen wurde der Ort trotzdem nicht. Nach der Wende installierten Heimatfreunde dort, wo die kleine Ansiedlung einst am Wegesrand lag, einen Wandererrastplatz mit Schaukasten. Neben dem etwas schwülstigen Gedicht „Oh Jägersruh, wie schön warst du!“ finden Interessierte dort ein paar alte Bilder des Schlösschens und ein Gästebuch, in dem sich verewigen kann, wer hier vorbeikommt. Ich mache das immer. Denn es ist ganz interessant, beim nächsten Besuch festzustellen, wie lange es schon wieder her ist – und zu versuchen, sich zu erinnern, was damals alles war.

Auf die Idee, mitten im Wald ein Gästebuch auszulegen, muss man erst mal kommen. Und wer würde erwarten, dass sich tatsächlich so viele Leute darin verewigen, dass es alle paar Monate voll ist? Jahrelang dachte ich jedesmal, wenn ich mich selbst darin eintrug, darüber nach, was sich aus dieser kleinen Konstellation machen ließe. Irgendwann zählte ich im Hinterkopf eins und eins zusammen (zerstörtes Schloss plus herrenloses Gästebuch), und da war die Idee: Ein ruheloses Gespenst macht durch geheimnisvolle Einträge in dem Gästebuch auf sich und sein versunkenes Grab aufmerksam – und ergreift nach und nach Besitz von dem Menschen, der sich auf die Botschaften aus dem Jenseits einlässt.

Schreiben konnte ich die Geschichte erst, als mir zweierlei passierte, und beides ist mir auch heute noch (fast acht Jahre danach) etwas zu peinlich, um es hier auszubreiten. Wer den Roman gelesen hat, wird vielleicht zumindest in einem Fall ahnen, was es ist. Selbst erlebte Episoden helfen beim Schreiben, aber sind oft genau das Element, das kritische Leser veranlasst, dem Autor zu viel Fantasie zu unterstellen. Darüber darf man sich keine Gedanken machen. Sich darauf einzulassen und heimlich etwas von sich preiszugeben, kann zu ganz neuen, erst richtig guten Ideen führen.

In diesem Fall war es etwas, das sich ganz von selbst ergab, nämlich die Geschichte aus der Perspektive unterschiedlicher Figuren zu erzählen und sie dadurch plastischer zu machen. Erst der ständige Wechsel der Erzählperspektive führte mich zu einer Auflösung, die mir überhaupt nicht gefiel, weil sie sehr negativ ausfällt, die ich dann aber stehen ließ, weil sie zu der Geschichte einfach passt.

Von meinen Horrorstoffen verkauft sich diese Geschichte am schlechtesten. Warum? Vielleicht, weil das Ende zu deprimierend wirkt. Vielleicht, weil der Wahrheitsgehalt, der im Anfang steckt, als unglaubwürdig rüberkommt. Ich hoffe trotzdem, dass die Geschichte irgendwann mal mehr Leser findet. Sie ist jedenfalls keine, der ich langfristig überhaupt keine Chancen geben würde.

Zum Roman Infektiöse Visionen