Manfred Köhler
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Fortsetzungsroman: Irrtümlich sesshaft

 

Teil 57

Der gestandene Redakteur und Buchautor Lothar Sahm fühlte sich beklommen wie in seinen Anfangstagen als Praktikant, als er, seine Fototasche geschultert, über die Zugbrücke in den Innenhof der Wehranlage marschierte. Er hatte kalte, feuchte Hände und ein flaues Gefühl im Bauch. Am Telefon hatte seine Stimme gezittert, als er vor seiner Alaska-Reise den Star um ein Interview ersucht und eine vage Zusage erhalten hatte, und seine Stimme hatte ihm wieder nicht gehorcht, als er am zurückliegenden Montag erneut angerufen hatte, diesmal mit dem Erfolg der Zusage.

Die Burg war ein Juwel, und sie war zum Fürchten. Wie ein dick aufgequollenes, an den Enden zusammengebogenes Hufeisen umschlossen steil aufragende graue Mauern einen beengten Innenhof. Einzige Zierde waren eine Blumenampel neben dem schmiedeeisernen Haupttor, die rot-weiß gestrichenen Holzfensterläden und eine auf Hochglanz polierte Kanone. Was für ein Ort, sich vor der Welt zurückzuziehen! Man hockte exponiert auf einem weithin sichtbaren Berg, aber hatte sich vermauert und versperrt in einer Anlage, die nicht romantisch und einladend war wie manch andere Burg, sondern ganz Abschreckung und Abwehr. Obwohl er bestellt war, kam sich Lothar Sahm wie ein Eindringling vor, als er den Türklopfer betätigte, einen schwarzen Eisenring, der aus einem Löwenmaul hing. Es dauerte, er schlug erneut Metall auf Metall. Endlich tat das Tor sich auf. Der einstige Weltstar empfing seinen Berichterstatter in braunen Cordhosen, ausgeleierter grauer Strickjacke über hellblauem T-Shirt, mit weißgrauem Stoppelbart und einer Frisur, die weder lang noch kurz war, sondern einfach ein paar Monate über den fälligen Frisörtermin hinaus und tagelang ungewaschen. Er schien sich zu freuen, aber er lächelte nicht. Lothar Sahm musste genau hinschauen, um eine Spur von Ähnlichkeit zu dem strahlenden Draufgänger zu erkennen, als der er vor 20 und mehr Jahren in den Illustrierten abgebildet gewesen war.

„Sie sind also der Herr Sahm. Nun kommen Sie mal herein! Machen wir eine Führung zum Kennenlernen.“

Die Empfangshalle erfüllte die Androhung des Innenhofes nicht. Zwar fehlte es nicht an der obligatorischen Ritterrüstung, an Schilden und Streitäxten an der Wand und manch ausgestopftem Getier; abgesehen davon aber wirkte das Treppenhaus eher wie eine große Villa, die als Schloss daherkommen will. Der Schritt aus der Juli-Sonne in den Schatten der meterdicken Mauern war wie aus der Sauna in den Kühlschrank. Das vom Schweiß verklebte Hemd hing Lothar Sahm wie ein nasser Lappen am Oberkörper. Siegmar Sarburger stieg schon die Steintreppen voraus.

„Im 12. Jahrhundert erbaut“, hallte seine Stimme, „im Dreißigjährigen Krieg zerstört, im letzten Jahrhundert originalgetreu wieder aufgebaut, was in dieser Zeit eher selten vorkam, zwischenzeitlich in staatlichem Besitz und seit den 60er Jahren wieder privat. Falls Sie das überhaupt alles interessiert...“

„Mich interessiert eher, wie Sie dazu kamen.“

„Keine Neigung zuerst, Einspringen für einen alten Freund, der dringend Geld brauchte. Ich habe ihm den Schuppen abgekauft und im Leben nicht dran gedacht, hier einzuziehen. Aber manchmal kommt alles ganz unerwartet. Das liegt daran, dass man zu lange nicht wahrhaben will, was eigentlich für einen sein soll.“

„Könnten Sie... vielleicht ein bisschen... präziser werden?“

„Später vielleicht. Erst die Aussicht.“

Da waren sie im 2. Stockwerk, der 73jährige, nach eigenen Angaben todkranke Burgherr atmete ruhig wie im Schlaf, und der halb so alte Redakteur war ins Schnaufen gekommen. Ich muss mich endlich wieder mehr bewegen, dachte er, jetzt ganz sicher.

Die Treppenwindungen mündeten direkt in ein ausladend-saalartiges Gewölbe mit Spitzbogen-Fenstern. Der Boden gefliest, an der hohen Decke Leuchter mit im Tropfen und Fließen erstarrten Wachskerzen. Glühbirnen gab es nur als Standleuchten inmitten eines Labyrinths von Staffeleien. Gemälde darauf, die den Raum spiegelten: eine weinende Kerze, eine der Fußbodenkacheln in Übergröße, eine weitere Vergrößerung eines Details der Kachel, ein Ausschnitt der Mauer, eines der Fenster und immer wieder der Ausblick auf das weite Wallfelder Land – auf den Gemälden im Winter, im Herbst, bei Regen und Sonne, in verfremdeten Farben, im grüngelben Nebel. Im Original: Sommer mit schnell ziehenden Wolken, ihre Schatten rasten über Wälder und Felder. In der Ferne, wie ein wucherndes Geschwür, die Stadt Wallfeld. Lothar Sahm zog es erst zu den Fenstern, dann zu den Gemälden.

„Meine Arbeit kreist immer mehr um mein engstes Lebensumfeld. Demnächst gehe ich zu Selbstporträts über. Setzen wir uns.“

Sarburger deutete auf drei schwarzbraune Ledersessel mit hoher Lehne, arrangiert wie für ein Königstreffen.

„Also, das war dann die Führung, jetzt zum Interview.“

„Mehr gibt es hier nicht zu besichtigen?“

„Mehr muss Sie nicht interessieren. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, Besenkammer, damit hätte ich Ihnen nichts Neues gezeigt. Ein Turmzimmer noch, aber das halte ich verschlossen, der Eingemauerte gibt sonst wieder wochenlang keine Ruhe. Diese Wände drücken nach innen und nehmen so viel an Raum, wie Sie bemerkt haben mögen, der alte Kasten wirkt dadurch von außen doppelt so groß als er in Wahrheit Zimmer hat. Also, was wollen Sie von mir wissen? Wollen Sie vielleicht ein Glas Milch?“

Lothar Sahm ließ sich in einen der Ledersessel sinken, Blick auf die Gemälde und das Fenster mit Aussicht. Der Gastgeber blieb stehen.

„Später vielleicht.“

„Was sagen Sie zu den Bildern?“

„Na ja, also, ich verstehe nicht viel von Kunst, aber sie gefallen mir schon ganz gut.“

„Sie sind grässlich, vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet. Aber für mich selbst sind Sie das Wertvollste auf der Welt. Ihre erste Frage?“

„Ist Siegmar Sarburger Ihr echter oder Ihr Künstlername? Ich habe in früheren Veröffentlichungen keinen Hinweis darauf gefunden.“

„Natürlich mein wirklicher Name. Ich finde es lächerlich und entwürdigend, sich hinter Fantasienamen zu verstecken, das ist nichts als Selbstverleugnung. Die nächste Frage?“

„Dieser Eingemauerte, meinen Sie damit, es spukt hier? Das war doch ein Scherz, oder?“

„Was denken Sie denn? Glauben Sie nicht daran? Habe ich auch nicht, bevor ich hier eingezogen bin. Fragen Sie mich weiter!“

„Was ist denn passiert, als Sie eingezogen sind?“

„Ich will das nicht vertiefen. Die nächste Frage?“

Na, das ging ja gut los. Offenbar war das einer, der gleich zur Sache kommen wollte. Sollte er haben: „Ihre Erkrankung, die Sie am Telefon andeuteten, man sieht Ihnen gar nichts an. Was haben Sie denn?“

„Ich habe nie gesagt, dass ich krank bin. Ich habe nur gesagt, das wird wohl das letzte Interview, das ich gebe. Das gilt auch, wenn ich noch zehn Jahre leben sollte.“

„Ich verstehe das nicht.“

„Ihre Gesprächsführung ist sehr unsensibel, ich hatte mir einen Profi erhofft. Fallen Sie nicht so mit der Tür ins Haus! Oder sind das gar nicht Sie, der all diese anderen Interviews geführt und dieses Kanada-Buch geschrieben hat?“

„Sie kennen das Buch?“

„Ohne dieses Buch hätte ich Sie nie zu mir eingeladen. Ich war neugierig. Jetzt bin ich enttäuscht. Ich denke, wir brechen hier ab. Ich wünsche keinen Artikel über mich, nicht von Ihnen.“

 

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