Manfred Köhler
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Backstage – wie der Roman entstand:

Wer war dieser Mann?

Ich weiß wirklich nicht mehr, was zuerst da war: der Käfig, der Mann oder die Bakterien. Wahrscheinlich war es „Der Tipping Point“. Dieses fantastische Sachbuch von Malcolm Gladwell veränderte meine Sicht auf die Welt. Und es half mir, eines der seltsamsten Erlebnisse meines Lebens einzuordnen.

Vermutlich hatte ich es gerade zu Ende gelesen, irgendwann im Sommer 2000, als mir eben jener Mann, ein kleiner stämmiger Typ, in der Fußgängerzone meiner Heimatstadt den Weg versperrte, mir einen sehr echt aussehenden Polizei-Ausweis unter die Nase hielt und mich bat, ihm bei der Verhaftung zweier Ladendiebe zu helfen. Noch heute verblüfft mich die sofortige Bereitschaft meinerseits, bei der Aktion mitzumachen, denn so bin ich überhaupt nicht gestrickt. Weder bin ich spontan noch besonders mutig. Aber ich bin extrem misstrauisch, und eigentlich hätte ich mich sofort fragen müssen, wie wahrscheinlich das ist, dass ein Polizist irgendeinen Passanten anspricht und ihn in ein laufendes Verbrechen hineinzieht. Aber nein, ich bin mitgerannt, habe einen der beiden Männer abgeführt und mich von der Geschäftsführerin des Ladens, in dem der Diebstahl angeblich stattfand, mit einem Einkaufsgutschein belohnen lassen - ich glaube, der Wert lag bei 100 Mark.

Erst als ich aus dem Laden draußen war, wurde mir mulmig, denn immerhin kannten nun zwei Kriminelle aus meiner Heimatstadt mein Gesicht. Und ich begann, mir Fragen zu stellen. Warum hatten die jungen Männer unweit des Kaufhauses gewartet, statt zu flüchten? Wo war die angebliche Beute? Warum hatte der Kaufhausdetektiv, der die beiden schweigenden, völlig teilnahmslos wirkenden angeblichen Diebe in Empfang genommen hatte, nicht bei der Verhaftung geholfen? Hätte es nicht andersrum sein müssen – der Detektiv schnappt die Diebe und liefert sie dann der Polizei aus? Wer war dieser Mann mit dem Polizei-Ausweis wirklich?

Bis heute habe ich keine Antworten auf diese und tausend andere Fragen. Aber sie zu stellen, half mir damals, den Plot eines neuen Romans zu entwickeln, eines Entführungs-Thrillers. Dabei half mir außerdem das Sachbuch „Der Tipping Point“, in dem menschliches Verhalten – wie an diesem Tag meines – auf oft überraschende Weise erklärt wird; und es halfen mir die Themen „Käfig“ und „Bakterien“, mit denen ich irgendwann im Laufe dieses Jahres in Berührung kam.

Den Käfig-Artikel las ich im Wartezimmer eines Zahnarztes. Es ging darin um die entsetzliche Art und Weise, wie in China Gallensaft aus lebenden Bären gezapft wird. Die Tiere liegen dabei für den Rest ihres Lebens auf dem Rücken, und zwar in einem Eisenkäfig, der so eng ist, dass sie sich nicht rühren können. In ihrer Gallenblase steckt ein Schlauch und zapft permanent den produzierten Saft. Das Bild eines der Bären, der ebenso apathisch wie gequält aus dem sargartigen Käfig schaute, ging mir derart unter die Haut, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Die schauerliche Käfig-Konstruktion tauchte dann, angewandt auf das Entführungsopfer, in dem Roman auf und führte zu einer entscheidenden Wendung.

Die Hauptwendung aber kam von diesem Thema: Menschenbisse sind die gefährlichsten Bisse überhaupt – das las ich in einer anderen Zeitschrift, und die Begründung verblüffte mich. Der menschliche Körper entwickelt keine Abwehrkräfte gegen die Symbionten, die in seiner eigenen Mundhöhle leben, was logisch ist, denn man braucht sie ja für die Vorverdauung. Das aber wird zum Verhängnis, wenn man von anderen Menschen gebissen wird und sich diese Symbionten statt im Mund plötzlich im Körpergewebe tummeln. Da das Immunsystem sie nicht angreift, können sie hemmungslos gewebezersetzend wirken und dazu führen, dass ganze Körperteile absterben. Das war die Sache mit den Bakterien. Plötzlich hatte ich meinen Roman beisammen, er würde sich von allein schreiben.

Tat er aber nicht. Die Entführungsgeschichte funktionierte im Inland einfach nicht. Weitere Wochen lang bastelte ich an dem Plot, bis ich auf die Idee kam, das Opfer ins Ausland verschleppen zu lassen. Wie ich auf Kasachstan kam, weiß ich nicht mehr – aber dass mich dieser Schauplatz viel Arbeit kostete, das schon. Ich recherchierte so gründlich wie selten zuvor, was sich sehr positiv auf den Roman auswirkte, denn die Lebensweise der verbliebenen Deutschstämmigen in diesem Land ist höchst interessant und kaum bekannt.

Insgesamt arbeitete ich an diesem Thriller etwa ein Jahr. Ich war mir sicher, damit endlich einen Roman zu haben, der für Beachtung bei Verlagen sorgen würde, aber von wegen. Wie üblich: nur Absagen. Erst Jahre später erschien der Thriller unter dem Titel „Der Biss“ als Ebook, ein ganz kleiner Verlag druckte eine ganz kleine Auflage. Im Amazon-Kindle-Programm dümpelte das Buch genauso dahin – bis ich auf die Idee kam, eine überarbeitete Neuveröffentlichung mit neuem Titel, dem jetzigen, mit einem Gewinnspiel zu verbinden. Inzwischen läuft das Ebook recht gut und behauptet sich auf den vorderen Plätzen.

Den angeblichen Polizisten wie auch die beiden Verhafteten, die am Anfang der Geschichte standen, habe ich übrigens nie wieder gesehen. Und den Gutschein, den ich für meine Hilfe bekam, habe ich nie eingelöst. Irgendwann muss ich ihn weggeworfen haben, aber ich weiß nicht mehr, wann oder warum. Im Roman wird er übrigens auch nicht eingelöst...

Zum Roman Der Mann, der mein Leben zum Entgleisen brachte