Manfred Köhler
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Weißenburg: Römer-Therme und Wülzburg

Wenn man einen Tag lang in einer fremden Stadt unterwegs ist, bleiben erstaunlich viele Eindrücke haften. Das Gedächtnis verbindet die Einzel-Erinnerungen mit dem Weg, den man zurücklegt, und so sind es vielleicht nicht alle Fakten, aber auf jeden Fall sehr viele Bilder, die sich einprägen.

Bei allem, was an einem vorbeirauscht, gibt es immer mal eine Information, die aufrüttelt und neue Sichtweisen möglich macht, die mehr zählt als alle anderen und vielleicht sogar für sich allein den Ausflug wert ist. Bei der Besichtigung von Weißenburg kam diese Information sehr spät, erst gegen Ende der letzten Erkundung, und sie bestand nur aus einem einzigen Satz...

Dabei war auch der Beginn der Besichtigungsrunde schon reichlich informativ und spannend. Ich startete auf der Wülzburg hoch über der Stadt. Die gewaltige Renaissance-Festung kann auf eigene Faust durchstreift werden, aber zu empfehlen ist es, eine der stündlichen Führung mitzumachen. Für nur zwei Euro lernt man drei der fünf Bastionen kennen, zwei davon auch von Innen; man erfährt, warum der Bauherr über eine Rampe bis ins Schlafzimmer reiten konnte, warum die Geschützkonstrukteure für die ersten drei Schüsse auf den eigenen Kanonen sitzen mußten – und als Höhepunkt der Führung landet man am Ende in den schauerlichen Kerkern. Neben einem hölzernen Käfig mit Kot-Fallgatter und der Todeszelle, die Verwahrraum und Hinrichtungsinstrument in einem war, schockt das riesenhafte Gefängnis selbst durch die Art seiner Konstruktion: Das stockdunkle, eiskalte Gewölbe hatte keine Gitter. Die Gefangen wurden an die Wände gekettet und dort oft jahrelang, zuweilen lebenslänglich hängengelassen.

Auch wer schon viele Burgen und Festungen gesehen hat, kommt an der Wülzburg nicht vorbei. Die gewaltige Größe allein, aber auch der Erhaltungszustand und Einmaliges wie der Tiefe Brunnen, der Gedeckte Weg und der ganz und gar unstrategische Anlaß der Erbauung eröffnen neue Perspektiven.

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In Weißenburg selbst sollte man neben den hervorragend erhaltenen Abschnitten der Stadtmauer – Schießgraben- und Seeweihermauer – und dem prachtvollen Ellinger Tor vor allem die drei Einrichtungen gesehen haben, die sich mit der Stadtgeschichte befassen: Reichsstadtmuseum, Römermuseum und Römer-Kastell Biriciana mit Therme. Eine Kombi-Karte kostet sechs Euro und ist ihr Geld wert. Kastell und Therme liegen etwas außerhalb. Während vom jederzeit frei zugänglichen Kastell die Grundmauern erhalten sind und lediglich das Tor rekonstruiert wurde, präsentiert sich die Therme als ein verschachteltes Ruinensystem, das man geschützt von einer Zeltdachkonstruktion auf hölzernen Stegen erkunden kann. Die Darstellung der verschiedenen Bauabschnitte und der über Jahrhunderte ständig erfolgten Um- und Anbauten machen die Besichtigung der Mauerreste zu einer Herausforderung an das Vorstellungsvermögen. Gerade weil die Therme ein komplexes System war, über das man auch 2000 Jahre später nur staunen kann, hinterließ ein Nebensatz, mit dem die Zeit nach ihrem Niedergang gestreift wurde, bei mir einen besonders tiefen Eindruck.

Etwa im Jahr 230 wurde die Therme bei den Alemanneneinfällen schwer beschädigt und 20 Jahre später aufgegeben. In der Ruine hausten nach Preisgabe des Limes und Abzug der Römer die Eroberer. Aus dem hochentwickelten Funktionsbau war eine Art Wohnhöhle geworden – ein postapokalyptisches Szenarium zum Beginn der Spätantike. Denn mit den Überbleibseln der Zivilisation konnten die Neu-Siedler nichts anfangen. Sie hatten keine Ahnung, was eine Therme war noch hätten sie das Bad je wieder in Gang bekommen können. Die Folgen des Untergangs ließen alle Spuren der Römer für Jahrhunderte verschwinden und gaben der Geschichte der Region eine neue Richtung. Ein fränkisches Dorf wurde östlich der Ruinen gegründet, aus dem später die Stadt Weißenburg hervorging. Ein Kloster in Sichtweite, auf dem Berg gelegen, mußte nach der Reformation der Wülzburg weichen, die ihrerseits im 19. Jahrhundert ihren Zweck verlor und fast unterging: Ohne bestandserhaltende Maßnahmen wären große Teile der Bastionen längst eingestürzt. Die Erkenntnis vom steten Werden und Vergehen ist banal, aber man muß vor Ort vor Augen geführt bekommen, wie ganze Kulturen samt ihrer Bauwerke für immer verschwanden und durch neue ersetzt wurden, um die Vergänglichkeit der eigenen Kultur zu begreifen – und sie dadurch besonders schätzen zu lernen.

Tip: Um wenigstens das Wichtigste dessen, was Weißenburg zu bieten hat, in Ruhe anschauen zu können, empfiehlt es sich, gleich die erste Führung auf der Wülzburg um 11 Uhr mitzumachen und den Nachmittag dann in der Stadt zu verbringen.

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