Manfred Köhler
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Merseburg: Von abgehackten Händen
und heidnischen Zaubersprüchen

Es ist eine Sache, von Uraltem zu hören oder darüber zu lesen – aber wenn man unmittelbar damit konfrontiert wird, es praktisch berühren könnte, dann bekommt man ein Gefühl dafür, dass 1.000 Jahre ganz viel Zeit sein und sich zugleich wie ein Augenblick anfühlen können. Im Dom wie auch im Kulturhistorischen Museum des Schlosses Merseburg sorgt dieser geistige Spagat zwischen dem Heute und den unterschiedlichsten Geschichtsepochen immer wieder für leichte Verwirrung und wohlige Aha-Erlebnisse. So können mit den Merseburger Zaubersprüchen die meisten Nicht-Historiker vermutlich wenig anfangen. Die uralten Schriften sind ziemlich unverständlich, selbst wenn man sie in die heutige Sprache übersetzt. Vor Ort im Merseburger Dom aber wird das Thema in einer Art aufbereitet, dass man anschließend nicht nur das Gefühl hat, etwas gelernt zu haben, sondern mit der Vergangenheit in Verbindung zu stehen. Neu für mich selbst in diesem Zusammenhang war, dass in den Jahrhunderten der Christianisierung alte heidnische Bräuche und Überlieferungen parallel weiter bestanden und von der Kirche zeitweise sogar noch als gleichwertig anerkannt wurden. Nur so konnte es dazu kommen, dass die heidnischen Zaubersprüche der schriftlosen Germanen von christlichen Chronisten aufgezeichnet wurden, was sie zu einem einzigartigen Zeitzeugnis macht.

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Ähnlich alt und sogar noch eindrucksvoller ist ein Relikt, das mal zu einem Menschen gehört hat. Diesem Menschen, Rudolf von Schwaben, begegnet man zunächst im Altarraum des Doms, wo seine Grabplatte noch nicht allzu viel Nähe schafft. Man erfährt, dass dieser Rudolf von Schwaben 1080 im Kampfe fiel und ihm dabei die Hand abgehackt wurde. Dass diese – mumifizierte - Hand noch vorhanden ist und in einem der Ausstellungsräume von allen Seiten besichtigt werden kann, sorgt dann für eine besondere Art von Verwunderung: Diese Geschichte ist so weit weg, aber ein einst lebendiges Stück davon ist noch immer hier.

Nun sind diese historischen Zeugnisse nur ein ganz kleiner Teil dessen, was man in Dom und Schloss Merseburg besichtigen kann. Das Kulturhistorische Museum gehört zu den besten und reichhaltigsten, die in Deutschland zu finden sind. Um alle Informationen aufnehmen zu können, sollte man viel Zeit einplanen. Für einen Rundgang durch die Stadt bleibt da mitunter nicht mehr viel vom Tag übrig. Gesehen haben sollte man aber auf jeden Fall die Klosterruine auf dem Gelände der Altenburg (jetzt Friedhof) und natürlich die Innenstadt. Vom Stadtkern, dessen einstige Schönheit man anhand eines Modells im Schloss noch erahnen kann, existiert kaum noch etwas. Nach weitgehender Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt nach sozialistischen Idealen neu erbaut, und zwar ohne Rücksicht auf die alten Stadtstrukturen. Über die wenigen Reste von früher ist man da um so glücklicher. Und auch nicht alle Plattenbauten sind so hässlich gelassen worden, wie sie zu DDR-Zeiten waren. Nettes Detail hierzu: An einer Hauswand findet sich ein überdimensioniertes Schaubild zur Merseburger Rabensage. Tierfreunde werden nicht glücklich sein, zu erfahren, dass der Sage auch am Schloss gedacht wird – mit einem gefangenen Rabenpaar, das unter freiem Himmel in einem Käfig gehalten wird, der zwar geräumig ist, aber die beiden Vögel von ihren Artgenossen fern hält, die sich ringsum deutlich sichtbar und hörbar ihrer Freiheit erfreuen.

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Vorschau: Unterwegs im Lobensteiner Land: Von versunkenen Dörfern und Grenzrelikten (erscheint am 7. Dezember 2012).

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