Manfred Köhler
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Unteres Schloß Greiz

Die Geschichte des Hauses Reuß ältere Linie ist für Nicht-Historiker vor allem eins: langweilig. Daß sämtliche Herrscher Heinrich hießen und nur durch Jahreszahlen und Namenszusätze in Form römischer Zahlen zu unterscheiden sind, macht den komplizierten, wenn auch nicht unbedeutenden Abschnitt deutscher Kleinstaaterei nicht gerade interessanter. Im Unteren Schloß von Greiz schafft man es dennoch, den Stoff spannend zu verpacken, und zwar indem die Einzelschicksale der letzten Herrscherfamilie in den Mittelpunkt gerückt werden. Familienoberhaupt Fürst Heinrich XXII. fällt schon mal auf durch seinen Spitznamen „Der Unartige“, den er wegen seiner ständigen Querschüsse gegen die Reichspolitik verpaßt bekam. Von seinen sechs Kindern waren die wenigsten glücklich, zwei brachten es zu trauriger Berühmtheit: Heinrich XXIV., Stammhalter und einziger Sohn, erlitt als Kind einen Unfall, der ihn regierungsunfähig machte, es ihm aber nach Ende der Monarchie ersparte, sein Schloß verlassen zu müssen; seine Schwester Caroline wurde unglücklich verheiratet und starb 20jährig, Gerüchten zufolge durch Selbstmord. Immerhin eine Tochter ging in die Geschichtsbücher ein: Hermine, Prinzessin Reuß ältere Linie, heiratete in zweiter Ehe 1922 den im Exil lebenden letzten Deutschen Kaiser Wilhelm II. Bei einer Führung durch das Untere Schloß in Greiz bleibt vor allem eine kleine Geschichte im Gedächtnis, die aus den Kindertagen Hermines überliefert ist: Zusammen mit ihren Schwestern soll sie mit Vorliebe am Tisch des Greizer Hutmachers gefrühstückt haben – weil dort, im bürgerlichen Haushalt, im Gegensatz zu dem der Fürstenfamilie auch werktags Brötchen auf den Tisch kamen.